Montag | 19. Juni 2017  |  11:48 Uhr
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Outdoor weiterhin auf der Überholspur

Von wegen Fashion – Outdoor ist und beibt Hardcore. Die aktuellen Zahlen der NPD Group aus Nürnberg, die sport-FACHHANDEL vorliegen, sprechen eine deutliche Sprache: Outdoor pur boomt und bestimmt die Richtung für die nächsten Jahre.

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Text: Nicolas Kellner

Aber auch viele Branchenexperten und Händler sehen die Weichen eindeutig gestellt. Outdoor pur verkauft sich am besten. Und selbst die Fachmessen – zumindest in der Outdoorbranche – erweitern ihr Spektrum klar Richtung Outdoorsport: Die Leitmesse OutDoor in Friedrichshafen nimmt den vielversprechenden Sektor Trail/Running erstmals in diesem Jahr mit auf und die amerikanische Outdoor Retailer Show integriert Snow Sports ab 2018 in ihr Messekonzept. Das spricht international für den Fachhandel und dient diesem. Es zeigt aber auch, dass sich die Branche weltweit um aufgeschlossene und outdoorkundige Konsumenten bemüht. Angesagt ist nicht weniger als mehr Funktion, bestes Material und Verarbeitung sowie Verantwortung und Nachhaltigkeit. Für die Hersteller sind das die Kernelemente ihres Geschäfts. Aber auch für den Handel. Die Sortimentsbereiche Schuhe, Rucksäcke und Bekleidung im Outdoorhandel bilden nach wie vor die wichtigsten Bestandteile der Branche und sind nach wie vor Kundenmagneten. Und der Endverbraucher sucht dafür den erfahrenen Outdoorfachhandel auf.

Dabei bleiben Outdoorschuhe der wichtigste Umsatztreiber in der Branche. Rund ein Viertel des Gesamtumsatzes im Outdoorbusiness werden, rechnet die European Outdoor Group (EOG), werden mit Schuhen erzielt. Bei manchen Outdoor-Händlern bewegt sich der Schuhumsatz sogar schon Richtung 50 Prozent vom Gesamtumsatz. Der Grund dafür liegt darin, sagen Händler, dass die Konsumenten verlässliche und funktionierende Wanderschuhe, trittsichere Bergstiefel und beratungsintensive Multifunktionsschuhe im Fachhandel suchen. Auch wenn es modische Wanderstiefel allerorts gibt, im Schuhhandel, beim Discounter und hin und wieder auch beim Kaffeeröster. Trotzdem, da ist es wieder: Outdoor pur ist offenbar gefragter denn je. Sport und Funktion gehören zusammen, je ausgereifter die Technologie, desto authentischer ist das Produkt. Und desto gefragter ist der versierte Verkäufer. Hochwertige, funktionierende Outdoorschuhe sind kein SB-Artikel. Und dafür ist der Endkunde auch immer öfter bereit, tiefer in die Tasche zu greifen.

Die jüngsten Erhebungen der Nürnberger Marktforschungsspezialisten NPD Group untermauern diesen erfreulichen Trend: Denn auch 2016 setzte sich die Aufwärtsbewegung gegenüber 2015 im Schuhsektor fort: sowohl mengen- (2 Prozent) als auch wertmäßig (4 Prozent). Und auch der Durchschnittspreis kletterte weiter nach oben: von 92,2 Euro auf 94,4 Euro (2 Prozent). Das im Handelspanel der NPD Group untersuchte Segment umfasst übrigens schwere Bergstiefel und Multifunktionsschuhe und Trekkkingschuhe wie auch Out­doorsandalen, Kinderschuhe und wassertaugliche Modelle. Datenquelle ist das »npdgroup Handelspanel«. Enthalten sind Sportfachhandel, Warenhäuser und Online-Geschäfte und es deckt zirka 50 bis 60 Prozent des Marktes ab.

Der Anstieg des Durchschnittspreises fiel im Jahr 2016 damit höher aus als die beiden Jahre davor. Damit ist seit 2013 ein stetiger und verlässlicher Anstieg im Bereich Outdoorschuhe (bei Mengen und Wert) zu verzeichnen – mit einem zuletzt sogar noch deutlich höheren VK-Preis als die Jahre zuvor. Das spricht auch für das Vertrauen des Verbrauchers in den Fachhandel. Und noch ein Detail ist interessant, welches die Marktexperten der NPD Group herausgefunden haben: Multifunktionsschuhe trugen in den letzten beiden Jahren zu 60 Prozent zum Wachstum des gesamten Outdoorschuhmarkts bei. Kinderschuhe für draußen waren mit 25 Prozent Anteil am Wachstum beteiligt, solche Modelle erwiesen sich (mit 10 Mio. Euro Umsatz) damit als zweitgrößter Wachstumstreiber.

Allerdings gehört ganz aktuell auch die Erkenntnis dazu, dass der Start bei Outdoorschuhen im ersten Quartal dieses Jahres im Vergleich zu 2016 und 2015 etwas verhaltener verlief. Laut Branchenerhebung der NPD-Experten, die sportFACHHANDEL vorliegt, treten Outdoorschuhe in den ersten drei Monaten von 2017 mengen- und wertmäßig etwas auf der Stelle. Beide Betrachtungen schlagen mit jeweils mit -1 Prozent zu Buche. Erfreulich und vor allem zuversichtlich stimmt dafür der gleichbleibend hohe Durchschnittspreis für Schuhe von weit über 95 Euro. Auf die einzelnen Kategorien geschaut, erkennt man: Winterstiefel und Kinderschuhe kompensierten laut Panel die leichten Rückgänge bei Multifunktion, Trail, Kletterschuhen und Bergschuhen zwischen Januar und April 2017.

Analysten und viele Händler sehen das jedoch gelassen und setzen auf einen starken Antritt im weiteren Jahresverlauf. Nicht zuletzt auf dieser Messe dürften dazu die Weichen gestellt werden. Und noch eine Einzelbetrachtung ist wichtig: Die wichtigsten Hardcore-Outdoor-Bereiche bei Schuhen, die also über Funktion, Technik, beste Passform und Material-Verlässlichkeit verkauft werden, liegen nach wie vor ganz weit oben in der Gunst der Verbraucher. Offenbar kann sich der Fachhandel genau darauf verlassen. Das sind die Themen Outdoor-Multifunktion sowie Berg-, Trekking- und Hikingschuhe, die zwar laut NPD im ersten Quartal diesen Jahres einen „leichten Rückgang“ von -1 Prozent im Vergleich zu 2016 verzeichnen, aber mit einem Verkaufsvolumen in diesem Zeitraum in Höhe von 76,1 Mio. Euro immer noch deutlich über den Zahlen aus den Vergleichszeiträumen in den Jahren 2014 und 2015 liegen.

Coleman

© Coleman

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Der Blick auf eine der nächsten Core-Kategorien im Fachhandel, Outdoorbekleidung, zeigt ein ähnlich interessantes Bild: Hier stagnierte der Markt in der Bundesrepublik im letzten Jahr, berichten die NPD-Zähler. Das findet sowohl mengen- als auch wertmäßig auf einem hohen Niveau statt. Und spannend beziehungsweise ermutigend ist, dass auch auf diesem Feld der Durchschnittspreis nicht nur hoch war (weit über 60 Euro), sondern im vergangenen Jahr noch weiter nach oben geklettert ist (auf knapp 70 Euro). Einer der Gründe für das hohe Preisniveau bei Outdoorbekleidung liegt im hohen Entwicklungsstand von Funktion und Technologie, die vom Endkunden weiter gefordert (und nachgefragt) und auch vom Handel entsprechend präsentiert und verkauft wird. Jacken und Anoraks, die wind- und wasserdicht sind, dabei aber auch atmungsaktiv bleiben, machen ungefähr die Hälfte des Volumens im so genannten Outer-Layer-Markt aus. Und genau auf diesem Feld könnten Technolgie-Spezialisten wie Gore und andere Membranentwickler „einen deutlich positiven Trend“ verzeichnen, haben die Marktexperten der NPD Group festgestellt. So kletterten speziell regenfeste Bekleidung und Windbreaker-Ausrüstung im vergangenen Jahr um über 15 Prozent nach oben, Outdoor-Jacken und Anoraks verzeichneten einen Anstieg von über 1 Prozent. Speziell Lagen-Bekleidung für Wärmedämmung stieg im letzten Jahr ebenfalls an (1,9 Prozent), das Thema Softshell jedoch verlor mit über 9 Prozent. Am deutlichsten verloren eher modisch geprägte Jackenteile und Ponchos (-17,2 Prozent). Der Bereich Bottoms zeigt in die gleiche Richtung: Funktions-Hosen und -Unterwäsche, aber auch Hemden wachsen im letzten Jahr zwischen 5 und 25 Prozent, während so genannte Capri-Modelle eher verlieren. Funktion und hochwertige Materialien waren also 2016 auf diesem Sektor ebenfalls weiter stark gefragt. Marktkenner fühlen sich bestätigt: Core ist Trend und trägt den Markt, Mode an sich kann diesen Wachstumsschub eher weniger garantieren.

Und es lohnt sich noch ein weiterer Blick auf das Thema Rucksack: Seit Jahren kann sich der Outdoorhandel auf gute Umsätze in diesem Segment verlassen. 2016 erwies sich als weiterhin gutes Jahr, auch wenn die Verkäufe mengenmäßig im Vergleich zum Topjahr 2015 etwas rückläufig waren. Dafür kletterte 2016 auch hier wieder der Durchschnittspreis immerhin deutlich von rund 62 Euro (in 2015) auf fast 70 Euro im letzten Jahr. Somit konnte der Markt wertmäßig in 2016 doch noch ein stolzes Plus von wertmäßig 2 Prozent verkünden. Auch hier zeigt sich: Qualität lässt den Markt weiter anziehen, auch wenn er quantitativ zuletzt auf hohem Niveau verharrte. Rucksäcke hätten in den vergangenen Jahren ein konstantes Wachstum hingelegt, konstatieren aktuell die Panel-Macher.

Der Trend ist also eindeutig: Core-Outdoor-Produkte leisten einen verlässlichen Beitrag zu einer weiteren Aufwärtsbewegung in einem lebendigen und zukunftsträchtigen Markt, in dem Erfahrung und Beratungskompetenz auf Seiten des Handels und eine hohe Investitions- und Entwicklungsarbeit auf Seiten der Hersteller mehr denn je gefordert werden. Die Endverbraucher, die Outdoorfans in der Schweiz und in Österreich genauso wie in Deutschland, fragen hauptsächlich Outdoor pur nach. Modische Wellen gibt es natürlich und gehören sicher zu einer gesunden Marktentwicklung. Lifestyle darf und muss sein, doch entpuppt sich das kaum als einziger Anschub. Die Diskussion um Fashion versus Function sei müßig, meinte unlängst Thomas Lipke, der Ex-Globetrotter-Geschäftsführer und einer der versiertesten Branchenkenner überhaupt. „Die Verbindung macht’s. Vor 30 Jahren war Outdoorkleidung noch schlicht. Heute haben wir hochfunktionelle Outdoorjacken, bei denen die Funktion so nett verpackt ist, dass sie überall zu tragen ist. Markenhersteller haben lange einen hohen Wert nur auf Funktionalität gelegt.“ Die Spannbreite sei mittlerweile enorm zwischen robust und preisgünstig bis high-end und teuer. Core-Outdoormarken würden den Markt antreiben. Das bestätgt auch der Münchener Fililalleiter von Globetrotter, Jens Holst. Echtes Outdooor sei immer noch der beste Umsatzgarant: „Deswegen suchen uns die Kunden auf“. In Deutschland gäbe es starke Outdoormarken, meint Lipke und nennt unter anderem die traditionsreichen Schuhhersteller Meindl und Hanwag. Daher wohl nicht ohne Grund betont Hanwag selbstbewusst: „Wir stehen für Innovation aus Tradition, das heißt vor allem für Passform, Funktion, Qualität und Handwerk.“ Und bei Lowa seien die klassischen, gezwickten Schuhe die DNA der Marke und hätten den größten Stellenwert, meint Vertriebsleiter, Matthias Wanner. Genau das braucht die Branche!

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 09 / 2017