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Made in Europe – Leki: "Wir haben uns nie mit dem Standard zufrieden gegeben."

  • Ralf Kerkeling
  • Montag | 29. November 2021  |  11:14 Uhr
Ideelle Werte und eine langfristige Unternehmensstrategie zählen für Leki zu den Kernprinzipien des Erfolges. Welche Strategien darüber hinaus wichtig sind und warum reines Profitstreben ineffektiv ist, haben uns die beiden Leki-Geschäftsführer Martin Rominger und Matthias Hatt erläutert.
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Die beiden Leki-Geschäftsführer Martin Rominger (links) und Matthias Hatt im Interview.
© Leki

Bevor wir auf aktuelle Themen eingehen, würde ich gerne zunächst den Ursprung von Leki beleuchten. Geben Sie uns doch bitte einen Einblick in die Anfangstage.

Martin Rominger: Wir sind mittlerweile ein recht großes Unternehmen, haben aber,wie die meisten Unternehmen, ganz klein angefangen.1948 ist Leki entstanden, begonnen hat das Ganze letztlich aus einer Leidenschaft für den Skisport. Skiteller und Griffe wurde angefertigt aus der Überzeugung heraus, bessere Lösungen zu finden. Nach den Bereichen Langlauf und Ski ist dann im Laufe der Zeit das Segment Trekking hinzugekommen. Heutzutage ein Standard, damals ein Novum.

Genau dieses Bestreben, etwas Neues, Verbessertes zu erschaffen, hat sich bei uns durch alle die Jahre hindurchgezogen. Natürlich waren wir anfangs im Bereich Produktion annähernd nicht da, wo wir uns aktuell befinden. Damals waren wir ein Team von etwa 20 Mitarbeitern mit einer erheblich kleineren Produktvielfalt. Zunächst produzierte Leki Zubehörteile, in den 60igern dann die ersten kompletten Stöcke aus Aluminium.

Die Komplexität der Produkte war in den Anfangsjahren bei weitem nicht so hoch, wie das heute der Fall ist. Im Laufe der Zeit haben wir zudem viel in Verarbeitungsmethoden investiert, eigene Maschinen entworfen, mit bruchfestem Aluminium Materialforschung betrieben. Nie haben wir uns mit dem Standard zufrieden gegeben. Wichtig war Leki zu jeder Zeit, Produktionsschritte immer als Ganzes selber im Griff zu haben und die Kontrolle darüber zu besitzen.

Allerdings sind Maschinen heutzutage viel moderner, hinzukommt die gesamte digitale Unterstützung. Die Zeiten lassen sich nicht miteinander vergleichen.

Welche Herausforderungen gibt es aktuell für Firmen, die in Europa produzieren, welche erwarten Sie mittelfristig?

Martin Rominger: Herausforderungen gibt es zunächst immer. Grundsätzlich sind wir mit unserer Standortwahl sehr zufrieden und der festen Überzeugung, dass dies für uns ein klarer Wettbewerbsvorteil ist. Wir sind zudem eines der wenigen Unternehmen, welches die komplette Wertschöpfungskette in Zusammenarbeit mit Partnerbetrieben und Lieferanten abdecken kann. Dieser Fokus auf eine eigene Fertigung und nicht nur auf Produktentwicklung hilft uns, Innovationen in dieser Qualität anzufertigen und auf dieses Level zu heben.

Aber natürlich ist es nicht immer einfach. Schauen wir nach Asien. Die Kostenstrukturen sind dort völlig anders, d. h. wir werden uns niemals allein über den Preis messen können.

Matthias Hatt: Wir sind also gezwungen, hochwertige und innovative Produkte auf den Markt zu bringen und nicht nur austauschbare Massenprodukte.

Gab es denn von Ihrer Seite Überlegungen, nach Asien zu gehen?

Martin Rominger: Wir beschäftigen uns ständig mit allen strategischen Möglichkeiten. Das ist unsere Pflicht als Geschäftsführer. Es war jedoch niemals eine ernsthafte Option. Wir sind absolut zufrieden mit dem Produktionsstandort Europa. Ortsnah zu produzieren verschafft uns eine Flexibilität, die wir sonst nicht hätten. Ein klarer Vorteil.

Matthias Hatt: Ergänzend möchte ich hinzufügen, dass auch wir natürlich auch Zulieferer aus Asien haben. Das betrifft im Wesentlichen den Bereich der Textilien, sprich Schlaufen und der Carbonrohre. Nur die Hartware wird bei uns ausschließlich in Europa produziert. Neben unserem deutschen Standort besitzen wir, wie Martin Rominger schon erwähnte, unsere Produkttionsstätte in Tschechien. Auch hier haben wir klein angefangen. Als wir merkten, dass unser Wachstum im Stammwerk in Kirchheim (unter Teck) nicht mehr umzusetzen war, hat Leki im nächsten Schritt versucht, Partnerfirmen zu finden, die Teile der Produktion abnehmen. So haben wir zunächst mit Firmen in Ostdeutschland kooperiert, dann in Tschechien. Irgendwann gab es dann den Punkt, wo eine Entscheidung für eine eigene Produktionsstätte dort sinnvoll und unumgänglich erschien. Wir haben dann eigene Fabrikhallen mit Lagerlogistik und allem was erforderlich ist, um so etwas vernünftig zu betreiben, aufbauen lassen.

Martin Rominger: Das Werk in Tschechien umfasst die ganze Tiefe einer Produktion. Angefangen bei der Aluminium-Verarbeitung, Oberflächen-Veredelungen bis hin zu Lackierarbeiten. Das ist für uns essenziell wichtig. Denn wir verwenden nicht einfach nur die Aluminiumrohre im angelieferten Rohzustand, sondern bearbeiten diese nach unseren Qualitätsansprüchen und Erfordernissen weiter. Nur so steckt in einem Produkt anschließend einhundert Prozent Leki.

Werden Zulieferer in unmittelbarer Nähe zu den verschiedenen Standorten in Europa genutzt?

Martin Rominger: Es gibt immer wieder mal Partnerfirmen, mit denen wir zusammenarbeiten, auch ein Netzwerk, welches über die Jahre entstanden ist. Viele davon auch tatsächlich in der Nähe der Produktionsstandorte. An dieser Stelle kommen dann auch die kurzen Wege als Vorteil zum Tragen. Aber unsere Zulieferer verteilen sich in Gesamteuropa.

Das Thema Fachkräfte kam schon kurz zur Sprache. Dies betrifft derzeit viele Branchen. Sehen Sie die Chance, dem entgegenzuwirken, beispielsweise mit Ausbildungsberufen?

Martin Rominger: In unserem Fall ist es so, dass es nicht besonders viele Stockproduzenten gibt, von denen gegebenenfalls auch Mitarbeiter abgeworben werden könnten. Insofern müssen wir unsere Mitarbeiter selber qualifizieren. Dadurch, dass wir jetzt schon über 20 Jahre im tschechischen Tachov ansässig sind, haben wir in dieser Region ein gewisses Standing. Es hat sich rumgesprochen, dass bei Leki auch die Arbeitsbedingungen auf einem sehr hohen Niveau sind, so dass die Mitarbeiter gerne zur Arbeit kommen. Und trotz allem ist es in Bezug auf qualifizierte Fachkräfte nicht einfach.

Um auf Dauer wettbewerbsfähig zu sein, bedarf es regelmäßiger Investitionen, z. B. in neuere Maschinen, digitalisierte Prozesse. Wie stellt sich Leki an dieser Stelle auf?

Martin Rominger: Auch hier steht bei uns der Produktionsstandort im Fokus. Diese sehen wir als eine langfristige Investition. Das bedeutet auch, dass wir immer wieder in unsere Standorte investieren. Bei einem Maschinenpark besteht die Möglichkeit, bestimmte Produktionsschritte zu automatisieren. Automatisierung wird bei uns jedoch immer nur eine unterstützende Maßnahme sein. Der Faktor Mensch hat bei der Art unserer Fertigung eine Schlüsselfunktion inne. In die Qualifikation der Mitarbeiter fließt also ein wesentlicher Teil unserer Investitionen. Wir benötigen hochqualifizierte Leute, insofern macht das für uns Sinn.

Wir legen zudem Wert auf einen eigenen Werkzeugbau, eine eigene Produktentwicklung. Auch hier müssen wir immer State of the Art sein, sonst ist es unmöglich, Produkte auf diesem Level herzustellen. Auch Investitionen in die Digitalisierung treiben uns seit ein paar Jahren sehr stark an. Dieser Punkt ist ebenfalls mit hohen Kosten verbunden. Das betrifft sowohl reine IT-Lösungen als auch Mitarbeiter, die digitale Lösungen weiterentwickeln können. Das sind die Schwerpunktthemen, in die wir investieren. Es geht bei uns nie um reines Profitstreben, sondern um eine langfristige Strategie. Aus diesem Grund sind wir seit Jahren erfolgreich auf dem Markt vertreten. Als ein Familienunternehmen, dem es nicht vorrangig um Rendite geht, sondern das aus tief verankerten Werten wie Partnerschaft, Innovation, Qualität und Verantwortung besteht.

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© Leki

Wie ist bei Leki die Feedbackkette aufgebaut? Welche Bedeutung haben Weiterentwicklungen von Mitarbeitern?

Martin Rominger: Das ist für uns sehr wichtig. Wir können nicht nur Ideen aus der Managementebene umsetzen. Natürlich wissen wir, was wichtig und nötig ist, aber es ist ganz entscheidend, auf die zu hören, die tagtäglich an den Maschinen stehen und Erfahrungen sammeln. Dort, wo etwas weiterentwickelt werden kann. Wir bekommen permanent Feedback, welches wir aufnehmen, bewerten und sobald sinnvolle Möglichkeiten erkennbar sind, in Investitionspläne einfließen zu lassen.

Betrifft das auch den Bereich Innovationen?

Matthias Hatt: Bei Leki haben wir ein Innovationsentwicklungsteam. Unser interner Leitsatz ist, dass wir zu jeder Leitmesse eine Innovation oder Produktweiterentwicklung auf den Markt bringen möchten. Das setzt uns auf der einen Seite unter Druck, weil wir liefern müssen, andererseits ist es eine gute Motivation. Die Summe der Details macht für uns eine Produktweiterentwicklung aus. Dadurch, dass wir eine stark produktgetriebene Firma sind, sind wir der Meinung, dass eine Weiterentwicklung nur aus der Anwendung entstehen kann. Von daher ist es uns wichtig, dass unsere Mitarbeiter die Produkte nutzen, testen und am Berg ausprobieren. Das geht aber weiter in Richtung Personen wie Bergführer und Profisportler, die unsere Produkte in einem professionellen Kontext nutzen und mit denen wir im ständigen Austausch stehen. Dadurch entsteht ein Mehrwert, eine gelebte Innovation.

Das betrifft auch unsere Trigger-Technologie. Mit dieser möchten wir weiter in die verschiedenen Märkte eindringen, weitere Sportarten mit der Systemschlaufe und unserem Triggersystem erreichen. Hier entwickeln wir aber auch das System an sich ständig weiter.

Wie eng ist in der Entwicklung von Produkten der Austausch mit den Profiathleten?

Matthias Hatt: Athleten testen unsere Produkte auf Herz und Nieren. Dadurch ist der Austausch sehr eng. Für uns als Unternehmen ist zudem die Strahlkraft eines Spitzensportlers enorm wichtig. Wir haben mehrere hundert Athleten in den unterschiedlichsten Produktkategorien unter Vertrag. Das ist ein enorm großer Feedback-Fundus, auf den wir zurückgreifen können. Wenn ein Top-Athlet auf Leki-Produkte vertraut, ist dies für den normalen Nutzer ein Garant dafür, dass ein Produkt etwas taugt. Es bedarf aber zunächst viel Arbeit, um das Vertrauen der Athleten erst einmal zu gewinnen. Denn das Produkt sollte den Weg zum Erfolg unterstützen und nicht behindern, muss teilweise extremste Belastungen aushalten können. Ansonsten kann sich das negativ auswirken, dass muss einem als Unternehmen bewusst sein.

Wie reagieren Sie auf Trends im Outdoorsport?

Matthias Hatt: Leki hat acht verschiedene Produkt-Kategorien, davon sieben reine Stock-Sportarten. Momentan ist Outdoor sehr stark im Fokus. Speziell der Bereich Nordic-Walking bereitet uns aktuell sehr viel Freude, aber auch das Wandern an sich. Was wir gerade merken, dass Nischen momentan sehr stark bespielt werden. So erlebt das sportliche Berggehen einen absoluten Hype. Jüngere Menschen in Fitnessklamotten aber gutem Schuhwerk, sind heute viel sportlicher in den Bergen unterwegs.. Das ist etwas, wo wir als Marke wachsam sein müssen und schauen, was draußen passiert. Den Zeitgeist zu treffen und Trends zu erkennen ist wichtig, um Produkte für diese Zielgruppen herstellen zu können. In Funktion und Design unterscheiden sich diese jungen Cross-Trail-Produkte doch erheblich von klassischen Wanderstöcken.

Ein weiteres Beispiel betrifft Trailrunning. Das Thema war die letzten Jahre immer latent vorhanden, nun gibt es aktuell eine extreme Dynamik, auf noch geringem Niveau,aber mit großen Wachstumszahlen. Das heißt, auch hier entwickelt sich etwas, wo wir die Produktspezifikationen auf die Bedürfnisse ausrichten müssen. Wir haben in dem Kontext als Alleinstellungsmerkmal eine eigene Trailrunning-Stockkollektion.

Welchen Stellenwert hat Made in Europe für Leki?

Matthias Hatt: International ist es Qualitätsgarant, speziell in den asiatischen Märkten. Unabhängig davon, dass wir auch rechtlich dazu verpflichtet sind, die Herkunft unserer Produkte auszuweisen, spielen wir das Thema im Rahmen der Möglichkeiten. Für uns steht jedoch Produktentwicklung und Innovation noch über der Thematik „Made in Europe“. Mit einigen deutschen Outdoormarken starten wir in der Branche immer mal wieder gemeinsame Aktionen, um den eigenen Standort zu stärken, auf eine deutsche und europäische Produktion hinzuweisen, auch weil es aus dem Fachhandel als wichtig zurückgespielt wird.

Interview: Ralf Kerkeling

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Autor: Ralf Kerkeling

Chefredakteur