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Longboards heizen das Geschäft an

  • Nicolas Kellner
  • Mittwoch | 15. Juli 2015  |  15:13 Uhr
Downhill, Speed oder Slalom – Longboards heizen derzeit den Skateboardmarkt an. Dabei hat kaum eine Trendsportart in den letzten 35 Jahren so viel Höhen und Tiefen mitgemacht wie das Geschäft mit den rollenden Brettern. Jetzt retten Skateboards die Umsätze vieler Sport-2000- und Intersport-Händler, die rechtzeitig auf den Trend und das Wiederanziehen der Skateboard-Euphorie gesetzt haben.

Die Fakten

- Der Markt teilt sich auf in Hardcore-Szene und Mainstream.

- Gute Longboards gehen für 140 bis 160 Euro über den Ladentisch.

- Nicht nur Hartware, sondern auch Schuhe und Accessoires sind interessant.

Text: Nicolas Kellner

Die Skateboardszene teilt sich gerne auf: In Hardcoreläden und Mainstream. Erstere wollen mit dem Massengeschäft oft nichts zu tun haben, und letztere verfügen meist nicht über die Insidermarken, wie sie in den Trendläden zu finden sind. Doch solche Markttendenzen müssen weder ungesund noch umsatzbehindernd sein – im Gegenteil, die Akteure befruchten sich gegenseitig: Die Szene (Käufer und Händler) heizt sich auf und hält das Business insgesamt am Kochen. Dabei geht es nicht nur um Hartware, sondern auch um Schuhe und Accessoires. Diese Art von Marktentwicklung hinsichtlich Marken, Verfügbarkeiten und Begehrlichkeiten gab und gibt es etwa auch im Snowboard- und Skibusiness sowie – allerdings auch im negativen Sinne mit dem darauffolgenden Zusammenbruch – im boomenden Surfmarkt der Achtziger- und Anfang Neunziger Jahre.

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Santo Loco: Hier trifft sich die Longboardszene Münchens.

Aktuell gilt: Alles rollt! Egal, ob der Blick nach München, Berlin, Hamburg und Köln oder gar international nach Zürich, London, New York fällt – das Skateboard ist derzeit auf den Straßen omnipräsent. Kids, Mädels und Jungs, Freaks, Businessmen – zum Treffen in der In-Kneipe rollen die Trendsetter auf dem Skateboard vor. Scooter sind fast ausgestorben, In-Line-Skates sind zurückgedrängt, vom Bike wird aufs Longboard umgesattelt. In der Schule sammelt derjenige die besten Punkte, der das coolste Longboard dabei hat. Dabei wird die Preisgrenze von hundert Euro schnell übertroffen. Gute Longboards, also beste Materialien, Topverarbeitung und ausgesuchte Achsen und Rolle gehen schnell mal für 140 oder auch 160 Euro aus dem Laden.

„Durchsichtige Rollen sind gerade angesagt und verkaufen sich bestens“, verrät Ali Khachab, Teamfahrer und leidenschaftlicher Verkäufer in Münchens am heißesten gehandelten Laden, Santo Loco. Hier trifft sich die „Scene“, wird gefachsimpelt und diskutiert. Seit einiger Zeit bietet der Surf- und Skateladen auch noch eine Cafe-Bar mit Video, das erhöhte die Besucherfrequenz noch einmal drastisch. „Nicht jeder Laden hat die gleichen Marken“, erzählt Ali, die richtige Nase dafür zu haben, ist die Kunst des Händlers. Longboards sind der Renner, viele Surfkunden steigen aufs Longboard um. Das Sportgerät ist für Geschwindigkeit ausgelegt und für die Stadt eigentlich nicht konzipiert. Mittlerweile werden die Bretter jedoch von vielen Kunden aus Coolness-Gründen gekauft. Wer sich auskennt, sehe es den Käufern meist an, aus welchen Gründen er das Board kaufen will, meint Ali.

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In den Partnerstore von Santo Loco, ins Boneless in München, kommen Kunden und Verkäufer selbstverständlich mit dem Longboard an.

Dabei sind Longboards hochtechnische Geräte, von deren Herstellung höchste technische Raffinesse verlangt wird. Das wiederum erfordert auch viel Know-how und Marktkenntnis im Verkaufsgespräch. Denn Longboards sind spezielle Skateboards, deren Länge normalerweise 90 bis 150 Zentimeter beträgt. Die Bretter sind mit einem größeren Achsenabstand („wheelbase”) ausgestattet. Die dementsprechend großen Rollen bestehen aus noch geschmeidigerem Polyurethan, mit dem Unebenheiten des Untergrunds besser geschluckt werden. In Kombination mit dem wesentlich längeren Achsenabstand versprechen die Rollen eine wesentlich verbesserte Stabilität. So können viel höhere Geschwindigkeiten erreicht werden. Longboards werden in unterschiedlichen Varianten gefertigt, um die diversen Fahrtechniken zu unterstützen. Die Fahreigenschaften lassen sich außerdem mittels individueller Änderung an gewissen Komponenten anpassen. Longboards eignen sich daher bestens auch für Slalom, Freestyle und vor allem Downhillskaten. Diese Skate-Varianten sind während der vergangenen Jahre wieder entdeckt worden und erfreuen sich stetig zunehmender Beliebtheit. Skaten mit einem Longboard hatte vor einigen Jahren schon speziell in Kanada, den USA sowie in der Schweiz enorme Zuwachsraten, vergleichbar mit dem Boom des Snowboardens vor einer gewissen Zeit. In Deutschland ist der Trend nun jedoch auch deutlich erkennbar.

Die meisten Longboards sind aus horizontal laminiertem Ahornholz oder alternativ aus vertikal laminiertem Bambus (sog. VLAM) gefertigt. Es gibt aber auch Kombinationen mit Mahagoni und Espe in den Läden. Für die Außenauflagen kommen oft Faser-Kunststoff-Verbindungen zum Einsatz. Sie sorgen, je nachdem, wie sie ausgerichtet sind, für eine Verminderung der Torsion (Durchbiegung). Bei der Fertigung der Decks aus Ahornholz erweisen diese sich normalerweise als relativ steif und zeigen wenig Flex.

Dagegen wird das BambusVLAM für steife wie auch Decks mit mehr Flex verwendet. Dieses ist allerdings bauartbedingt relativ torsionsanfällig und wird aufgrund dieser Eigenschaft vorzugsweise mit optimal ausgerichteten Faser-Kunststoff-Verbunden verstärkt. Wer bei der Beratung und beim Fachsimpeln im Geschäft mithalten will, muss sich bestens auskennen. Die ersten Longboarder übrigens waren Surfer, die auf die Idee kamen, Rollen unter ihre Bretter zu montieren. Sie wollten den Spaß auf dem Brett auch auf der Straße erleben. Unsymmetrische Longboards mit einer Spitze, die nach vorne ausgerichtet ist, sogenannte Pintails, oder auch Cruiser mit Fish Tails, ähneln daher auch sehr den Surfbrettern. Die beiden Münchner Ricardo und Ronaldo Friesen haben sich mit ihrem Laden in der Branche einen Namen erkämpft und sind vor allem authentisch und glaubwürdig geblieben. So läuft auch der neue Onlineshop besonders gut, ohne dass sich die Macher dabei selber in die Quere kommen mit dem stationären Geschäft. Auch die Eröffnung des neuen Flagship-Stores von Sport Scheck direkt nebenan konnte ihnen keine Angst einjagen. Im Gegenteil, die Präsenz ziehe weitere Kunden an und man schicke sich schon mal Kunden von dem einen in den anderen Laden. Bei Scheck im Erdgeschoß ist das Thema Skateboard/Longboard ebenfalls ein guter Magnet. Gleich im Erdgeschoss sind Bretter, Rollen und Zubehör prominent untergebracht. „Die Nachfrage steigt“, berichtet ein junger Verkäufer, und es gäbe immer wieder Diskussionen um Marken und Trends. Natürlich gehöre auch der Bereich Bekleidung sowie Schuhe dazu. Der australische Brett- und Schuh-Spezialist Globe zieht derzeit alle Aufmerksamkeit auf sich.

In diesem Sortimentsbereich sind Events und spontane Veranstaltung besonders bedeutsam. „Munich Mash“ hieß das Highlight im Juni in München, mit der die Isar-Metropole versucht, mit anderer Städten gleichzuziehen und fürs Skateboarding und seine Szene in der Stadt zu werben. Für Ali Khachab war das ein idealer Anlass, Skatefreunde aus anderen Ländern zu treffen oder auch internationale Stars der Szene, die erstmals zu dem Contest nach München kamen, kennenzulernen. Auf dem Olympiagelände stellten sich darüber hinaus zahlreiche Händler und Hersteller vor. Aus solchen Events heraus entstehen auch neue Marken: Manch kleiner Newcomer baut sich darüber seine erste Fangemeinde auf. Schon darüber hinaus ist die norddeutsche Bekleidungsmarke Shisha, die derzeit als Überflieger in der Branche gilt. Die Gründer Christoph Schwarz und Kai Rautenberg aus Kiel haben damit eine Erfolgsstory hingelegt, die Nachahmer sucht. Die Textilien von Shisha (Shirt, Hosen, Tops oder auch Strick) gelten gerade als besonders heiß. Auch bei Shisha brummt der Onlineshop, nebenbei wurde zudem im Hamburger Schanzenviertel ein eigener Markenladen eröffnet. Trotzdem gelingt es den jungen Machern von Shisha, ihr Händlernetz klassisch aufzubauen und über ein intelligentes B2B-Portal online zu bedienen und zu vernetzen.

In der Handelslandschaft wird um jeden Käufer und Skater gekämpft. „Die Fahrer haben alle ihre bestimmten Vorlieben für Läden“, bestätigt der Münchner Rider Ali. Jeder habe seine eigene Anlaufstelle. Als Szenetreffpunkt in Berlin beispielsweise gilt der Longboardshop von Jörg Kulling. Vor allem am Wochenende ist oft kein Durchkommen mehr, vor und in dem Laden ist es überfüllt. Kürzlich erst musste das Longboard-Lager um das Dreifache vergrößert worden, berichtet Kulling, denn die Freaks warten sehnsüchtig auf die neuen Boards von Insidermarken wie Area, Mindless oder Sector. Rollen von letzterem sind ebenfalls heiß gehandelt und gehen zu Preisen um 60 Euro aus dem Laden. Auch Rollsport-Anbieter Hudora (Remscheid) setzt seit Längerem auf Longboards. Inhaberin und Geschäftsführerin Evelyn Dornseif kennt das Business aus dem „FF“ und verfügt über beste Kontakte zu Produktionsstätten. In Sachen Inline-Skates etwa war Hudora einer der frühen Marktteilnehmer. Skateboards und dessen längere Variante wurden dann ebenfalls früh ins Programm genommen. Bedient werden hauptsächlich der klassische Sporthandel, aber auch einzelne Trendläden. Der Anbieter Fun4you hat ebenfalls den richtigen Zeitpunkt erwischt und bietet Longboards und Skateboards zu erschwinglichen Preisen an, die in der Szene hoch gehandelt werden.

In Berlin fest angesiedelt hat sich inzwischen auch der österreichische Trendhändler und Filialist Blue Tomato aus Schladming, der mit Surfbrettern, Skate- und Longboards die Szene aufmischen will. In Jena ist SkatedeLuxe schon seit 2004 am Start und bedient die örtliche Szene im Laden und online Kunden bis in die Schweiz und nach Benelux. Nicht zu vergessen, Titus in Münster: Der Skateboard-Pionier Titus Dittmann gilt immer noch als Lichtgestalt in der Branche – schließlich war er schon Wegbereiter und Trendsetter für das Thema Skateboard vor über 30 Jahren. Ein echter Insider der Branche also, der viel erlebt hat – und der jetzt plötzlich wieder „in“ ist...

Autor: Nicolas Kellner

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 09 / 2015