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Kollektionen für den Kompost – biologisch abbaubare Kleidung

  • Ralf Stefan Beppler
  • Freitag | 25. Juni 2021  |  10:22 Uhr
Das ist nicht despektierlich gemeint, aber die Theorie besagt, dass funktionelle Kollektionen in der Zukunft kompostiert werden könnten – um Müll zu vermeiden. Beim Thema Bio-Kreislauf herrscht aber noch viel Intransparenz und nicht alles was zerfällt, ist auch nachhaltig.
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Biodegradation – ein spannendes Thema im Bereich Sustainability.
© unsplash, Markus Spiske

Die Natur macht es also wieder mal vor. Was sie nicht braucht, verarbeitet sie zu Materie, die das Wachstum im Kreislauf fördert. Nicht nur Kleingärtner haben einen Kompost. Auch Vater Staat sammelt in der braunen Tonne Bioabfälle. Seit 2015 ist das getrennt sammeln von Bioabfällen in Deutschland Pflicht. Die Bundesgütegemeinschaft Kompost e.V. (BGK) hat seitdem ein Qualitätsmanagementsystem ein-geführt und mittlerweile 576 Anklagen zertifiziert.

Auch die Bekleidungshersteller träumen vom Bio-Kreislauf. „Mit sogenannten biodegradable fibres ist es möglich, Bekleidung unter den richtigen Bedingungen in weniger als drei Monaten bis hin zu drei bis fünf Jahren rückstandsfrei zu kompostieren,“ schwärmt Christina Geißler, Marketing Managerin bei Protective. „Durch diese Technologie wird nicht nur die Biodegradation auf den Mülldeponien geför-dert, sondern durch den Abbau von Mikroplastik im Boden sowie im Wasser auch die in den Ozeanen.“

Theoretisch sind die Verfallszeiträume von Naturstoffen gegenüber synthetischen Stoffen gering. Eco Soulife schreibt, dass normale Naturfasern oder Spreu innerhalb von zwei bis drei Jahren verfallen, Palmblätter nach 90 bis 280 Tagen, Maisstärke etwa nach 150 Tagen und andere Ernteprodukte nach rund 90 Tagen. Die Verfallszeiträume von Melamin liegen dagegen bei 25 bis 40 Jahren, eine Blechdose bei etwa 50, Plastikflaschen schon bei 400 bis 450 Jahren und Verpackungen aus Styrofoam hät-ten keine Verfallszeit.

Abbaubarkeit und Zerfall

Kompostieren heißt, dass organische Substanzen sich ab- oder umbauen. Für die Zersetzung braucht es Kleinstlebewesen, sogenannte Mikroorganismen. Deshalb definiert das Deutsche Institut für Normierung (DIN) ‚biologisch abbaubar‘, wenn ein „Stoff durch Mikroorganismen zersetzt“ wird. Biologen sprechen von mehreren Millionen Mikroorganismen in einem Kubikmeter Kompost.

Die Kunst besteht darin, für diese Mikroorganismen ein freundliches Umfeld zu schaffen: Luft, Nässe, Nährstoffe und die richtige Temperatur. Wärme über 50°C fördert die Zersetzung. Bruno De Wild, so etwas wie der Chefkompostierer und La-boratory Manager of Organic Waste Systems (OWS) in Gent/Belgien sieht eine klare Kompostierordnung: „Kompost ist das aggressivste Umfeld, dann kommt Erde. Süßwasser, Meerwasser und Deponien sind am schwächsten beim biologischen Abbau. Der Hauptgrund liegt in der Temperatur, der zweite in den Pilzsporen. Deshalb findet man manchmal nach vierzig Jahren noch gut erhaltene Zeitungen in Deponien.“

Bei der vollständigen Verstoffwechslung entstehen Wasser, Biomasse, Mineralien, Wärme und entweder Methan (anaerobe biologische Abbaubarkeit) oder Kohlenstoffdioxid (aerobe biologische Abbaubarkeit).

Was das bedeutet? „Ein biologisch abbaubares Produkt auf einer Deponie wird sich zersetzen und nicht schaden, aber das ist ein niedriger Anspruch,“ so Loraine Stantzos, Sustainability Manager beim Stoffhersteller HeiQ. „Aber ein biologisch abbaubares Produkt, das in eine industrielle Kompostanlage geht, bekommt ein zweites Leben als Biogas, Dünger oder Granulat für neues Bioplastik.“ Man müsse also die gesamte Wertschöpfungskette im Auge haben, so Stantzos.

Das passiert zu wenig. In den USA würden nur etwa ein Drittel des Methans erfolg-reich gesammelt, so Dr. Morton Barlaz, Leiter des Department of Civil, Construction and Environmental Engineering an der North Carolina State University. Der Rest entweiche in die Umwelt oder würde abgefackelt.

Auch der Zeitfaktor ist De Wild wichtig. „Biologisch abbaubare Produkte sollten ein kurzes Funktionsleben haben, wie Essensreste und Verpackungen. Sie müssen sich schnell zersetzen, weil ihr Leben kurz ist.“ Er wünscht sich, dass manche Produkte zukünftige verpflichtend biologisch abbaubar seien, etwa: Kaffeekapseln, Teebeutel oder Becher. Für ihn passt die Diskussion auf Bekleidung nicht. „Wollen wir, dass Textilien wirklich biologisch abbaubar sind?“ fragt er. Trotzdem sieht er einen textilen Ansatz: „Ich glaube, dass biologische Abbaubarkeit von Bekleidung beim Thema Mikroplastikverluste berücksichtigt werden könnte, aber diese dürfen in der Umwelt nicht-persistent sein,“ so De Wild.

Wo macht Kompostierbarkeit Sinn?

„Wir müssen uns zuerst fragen, welches Problem wir lösen wollen,“ empfiehlt Barlaz. Gegenwärtig werden vier Aspekte genannt: Plastikmüll in den Weltmeeren, Müll auf dem Land, Deponieplatz und die Reduzierung des CO2 Footprints. Barlaz sieht die Grundfrage häufig nicht sauber beantwortet. „Wenn ich ein Müllproblem lösen will, ist biologische Abbaubarkeit gut, wenn ich Nachhaltigkeit grundsätzlich verbessern will, kann es gut sein, kann aber auch nicht so gut sein.“

So sieht Melanie Kuntnawitz, Sustainability Managerin bei Jack Wolfskin „die biologische Abbaubarkeit im Hinblick auf Mikrofaserverluste“, als ein Argument. Auch Klättermusen sieht hier den größten Sinn. „Biodegradability kann das Mikroplastikprobleme unserer Gewässer lösen, deshalb sind wir das Thema ‚lose Fasern’ unter dem Aspekt angegangen,“ so Isabelle Liahaugen, Leiterin Produktentwicklung.

Die Warum-Frage hat Picture Organic anders beantwortet. „Bei den Materialien haben wir uns auf Bio-Sourcing konzentriert (…) und uns dabei helfen, von fossilen Brennstoffen wegzukommen. Deren Verbrennung ist schließlich die Hauptursache für Treibhausgasemissionen und daher wollen wir erdölbasierte Kunststoffe vollständig verbannen,“ so CEO Julien Durant.

Und noch ein Punkt muss beim Thema dringend berücksichtig werden. „Wir entwickeln unsere Bekleidung von Start weg zirkulär,“ so Eva Karlsson, CEO von Houdini. Der Grund: „Wir nehmen nie Mischfasern oder kombinieren Synthetik und Natur, weil man das Produkt hinterher weder recyceln noch kompostieren kann,“ assistiert Jesper Danielsson, Head of Design. Die Schweden haben im Herbst 2018 den „weltweit ersten Kompost für getragene Sportwear im Rosendals Garten in Stock-holm“ eingerichtet, quasi als „permanentes Test-Labor“ für ihre Nature-Line. „Wir wollen selber sehen, wie unsere Bekleidung aus natürlichen Rohstoffen zu gesunder Muttererde wird, auf der man Blumen, Früchte und Gemüse anbauen kann,“ so Karlsson, die darin „ein Beispiel für die Zukunft einer zirkulären Wirtschaft“ sieht.

Biobasiert und biologisch abbaubar

Zurück zur Theorie. Biodegradability betrifft nicht nur Naturstoffe, sondern wird auch auf Kunststoffe angewandt: Es gibt ‚biologisch abbaubare‘ und ‚biobasierte‘ Kunststoffe. Beide Arten sind klar definiert: „Biobasierte Kunststoffe (z.B. Polylactide) sind teilweise aus Biomasse hergestellte Kunststoffe, etwa aus Mais oder Zuckerrohr. Biologisch abbaubare Kunststoffe hingegen sind Kunststoffe, die sich unter bestimmten Bedingungen zersetzen und beim Abbau nichts als CO2 und Wasser hinterlassen,“ so das Umweltbundesamt (UBA). Verwirrend? Es wird noch schlimmer, denn biobasierte Kunststoffe können biologisch abbaubar sein, müssen es aber nicht. Umgekehrt sind biologisch abbaubare Kunststoffe nicht notwendigerweise auch biobasiert. Kurz: An biobasierten Kunststoffen oder biologischen Kunststoffen ist nichts wirklich Bio. Das UBA sagt deshalb: „Verpackungen oder Einwegprodukte aus abbaubaren Kunststoffen wie Becher, Besteck und Teller, gehören nicht in die Bioabfallsammlung,“ sondern in den gelben Sack. Der Grund: Aus Bioabfällen wird Düngermittel für die Landwirtschaft oder Kompost für Blumenerde. Biobasierte Kunststoffe sind aber von der Polymerstruktur weiterhin Kunststoffe, selbst wenn sie biologisch abbaubar wären.

Problemfall Oxo-Degradation

Zu den biobasierten und biologisch abbaubaren Kunststoffen kommen sogenannte Oxo-Kunststoffe oder Oxo-abbaubare Kunststoffe hinzu. Diese sind konventionelle Kunststoffe, die mit Bakterienzusätzen versetzt sind, um den Abbauprozess zu beschleunigen. Tests in normaler Erde zeigen, dass sich Oxo-Kunststoffe innerhalb von 60 Tagen abbauen können. Insgesamt wird die Geschwindigkeit eher kritisch gesehen, vor allem im Salzwasser. Versuche im Hafenbecken von Plymouth haben gezeigt, dass sich weniger als 2% der Proben innerhalb von 40 Wochen zersetzten. So schrieb das Marine Pollution Bulletin bereits 2010 „Unsere Daten zeigen, dass abbaubarer Kunststoff im Vergleich zu Oxo-degradierbaren oder konventionellen Kunststoffen relativ schnell abbaubar ist.“

Oxo-Degradation darf man auch nicht verwechseln mit Biodegradation. Nach Stu-dien der EU handelt es sich um Kunststoff-Degradation. Das Plastik zerfällt dem-nach zu Mikroplastik. Das sehen viele Firmen extrem kritisch. Jack Wolfskin: „Was wir generell und entschieden ablehnen, ist die Oxo-Biodegration, da es sich dabei faktisch um eine Fragmentierung der Kunststoffe handelt, sprich, sie brechen auf und verwandeln sich in Mikroplastik,“ so Kuntnawitz. Auch Vaude, Patagonia und Bergans haben sich hier schon klar dagegen positioniert. De Wild sieht in Oxo-Degradation ein Aus-den-Augen-aus-dem-Sinn Thema: „Das Plastik kann optisch verschwunden sein, aber es ist weiterhin da und kann in den Lebensmittelkreislauf kommen.“ Da seien sogar große Plastikteile sinnvoller, die man wenigsten aufsammeln könne. Das EU-Parlament hat deshalb für ein Verbot von oxoabbaubaren Kunststoffen ab 2021 gestimmt.

Degradation und Nachhaltigkeit

„Es ist eine Fehlannahme, dass Zersetzbarkeit gleichbedeutend ist mit ökologisch sicher,“ warnt De Wild. Deshalb sei es auch wichtig, dass Naturstoffe aus biologi-schem Anbau kommen, wenn sie kompostiert werden sollen, sonst enden die Pes-tizide, Insektizide und Fungizide aus konventioneller Baumwolle in der Biomasse. Für Naturstoffe aus biologischem Anbau spricht man vom 3-Recyclingkreislauf.

Aber wie sieht es mit biobasierten Kunststoffen im Vergleich zu konventionellen Kunststoffen aus? Das ist eine heißdiskutierte Frage. Das UBA sagt „eher nein.“ „Aus vergleichenden Ökobilanzen einfacher Gegenstände und Verpackungen wissen wir, dass sich die Umweltauswirkungen nicht wesentlich verbessern, wenn die Rohstoffe biobasiert sind statt fossilbasiert,“ so das UBA. Zwar stimme es, dass fossilbasierte Kunststoffe mehr CO2 freisetzen, doch der Fußabdruck biobasierter Kunststoffe leidet unter „einem höheren Versauerungs- und Eutrophierungspotential sowie einem gewissen Flächenbedarf,“ legen Studien des UBA nah. Damit ist die Konkurrenz um Anbauflächen für Lebensmittelproduktion vor allem in Entwicklungsländern oder Ausgleichs- und Waldflächen in unseren Regionen gemeint.

Und wie sieht es mit biologisch abbaubaren Kunststoffen aus? Auch hier sieht das UBA „keine Vorteile im Vergleich zu Verpackungen aus konventionellen oder biobasierten Kunststoffen.“ Was die Bilanz trübt, ist die mangelnde Wiederverwertung. „Die mehrmalige Nutzung des Materials durch Recycling bietet signifikante ökologische Vorteile gegenüber einem eventuellen Materialverlust durch biologischen Abbau,“ so das UBA. Die Meinung teilen einige Outdoorhersteller. „Das widerspricht unserem Verständnis von Kreislaufwirtschaft – nämlich Kleidungsstücke so lange wie möglich zu nutzen und im Umlauf zu halten, bevor man das Material neu nutzt. (...) Mit den meisten, der als „biodegradable“ vermarkteten Stoffe geht das aber nicht,“ erklärt Christoph Centmeyer, Sustainability Manager bei Bergans. HeiQ spricht hier sogar von einem ‚Nachhaltigkeitsparadox‘: „Biologische Abbaubarkeit am End of Life bedeutet meistens eine kürzere Produktlebensdauer,” so Hoi Kwan Lam, Product Management Marketing.

Primaloft widerspricht hier: „Mit Primaloft Bio (...) sind die Fasern genauso langlebig und verfügen über die gleichen Wärme- sowie Komforteigenschaften wie bisherige Primaloft-Produkte,“ insistiert CEO Mike Joyce. Auch andere „Textiliten“ teilen das Argument nicht. Freudenberg bietet eine Wattierung aus Tencel, die in unter 60 Tagen in Erde abbaubar sei und kein Mikroplastik-Problem habe, ohne Abstriche bei der Langlebigkeit oder Funktionalität, so Mark Kaminski, Business Development Manager. Toray sieht es gar als „essentiell für eine Erdöl-unabhängige Gesellschaft“ an, „chemische Produkte pflanzenbasiert herzustellen,“ so das Toray Strategiepapier Plant Based Polyester von 2013. Schon damals sah Toray die Möglichkeit, den Footprint von 3,30 Kg/CO2 auf 0,57 Kg/CO2 senken zu können. Mit Ecodear hat Toray schon länger ein Castorbohnen-Polyester im Sortiment.

Das UBA führt noch ein Argument: „Für den Verbraucher könnte das einen negativen Erziehungseffekt auslösen“ und kommt zum Ergebnis: „Mehrweg ist immer die bessere Wahl!“

Die Zukunft von Biodegradation in der Branche

Dennoch wird Kunststoff-Degradability in der Outdoorbranche als Zukunftsthema gesehen. Zwei Punkte sind aber zu berücksichtigen.

1. Die Firmen müssen transparenter sein. Dabei kann es nicht nur darum gehen, vermeintliche Mythen zu entzaubern. Biologisch abbaubar bedeutet nicht, dass sich das Kleidungsstück im Schrank oder in der Wäsche abbaut.Es muss darum gehen zu zeigen, welche Art der Degradability vorliegt. Es muss transparent gemacht werden, wie sich der Stoff abbaut, was übrigbleibt und wie lange der Prozess dauert – und das durch nachvollziehbare Studien.

2. Bio-Degradation muss eingebunden werden in eine Recyclingstruktur als ein Element, ohne eine Wegwerfmentalität zu fördern oder die Langlebigkeit von Produkten negativ zu beeinflussen. Dabei muss auch klar erklärt werden, wo die Produkte gesammelt und kompostiert werden.

Letztlich aber muss es darum gehen, weniger, aber besser zu produzieren und weniger zu konsumieren.

Ralf Stefan Beppler (Ausgabe SFH 4/21)

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Autor: Ralf Stefan Beppler

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