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Es lebe der Katalog – auch im Zeitalter der Digitalisierung!

  • Nicolas Kellner
  • Dienstag | 12. März 2019  |  12:23 Uhr
Blättern oder surfen? Kataloge sind unter die Räder gekommen, so scheint es. Auch in unserer Branche, viele Anbieter haben ihre Printwerke schon eingestellt. Darunter auch einiges, was als Bibel galt. Aber eben nicht alle, manche Werke überleben auch im Internetzeitalter. Aus gutem Grund, wie sportFACHHANDEL herausfand.

Viele Kataloge werden schon vermisst, gerade eben wurde für den berühmten Otto-Katalog die letzte Ausgabe angekündigt. In diesen Tagen startet die Auslieferung der traditionsreichen Hochglanz-Version, danach ist Schluss. Der letzte Otto-Hauptkatalog mit der Artikel-Nr. 9998031 ist dann Geschichte.

Sport Schuster
Am Puls der Zeit - Sport Schuster in München setzt auf Videowände, Lichtinstallationen UND gedruckte Kataloge!
© Sport Schuster

Andere Katalog-Produkte aus dem Hause des Hamburger Otto-Versands wurden bereits beerdigt: Wie beispielsweise der berühmte Katalog der Otto-Tocher Sport Scheck (München). Einst war das die Bibel der Branche. An Preisen, Produkten und Trends im Katalog, den es auch mehrfach im Jahr gab, orientierten sich die Mitbewerber. Zu den Hochzeiten von In-Line-Skates und Skateboard ein »must have« für alle Trendsetter. Nicht wenige Sporthändler, aber auch Endverbraucher trauern dem Produkt nach. Ein anderes Hauptwerk der Branche, der Outdoorszene, existiert ebenfalls nicht mehr. Der Katalog von Globetrotter. Vor einigen Jahren erschien das letzte Exemplar. Auch dem trauern manche noch nach. Im Jahr 2009 hatte die von den Survival-Experten Klaus Denart und Peter Lechhart gegründete Händlerfirma mit Sitz in Hamburg ihr 30-jähriges Bestehen gefeiert. Der Aufbau des heutigen Filialnetzes mit bundesweiten Niederlassungen begann 1984 mit der Eröffnung des Stammhauses in der Hansestadt. Mittlerweile gehört Globetrotter zur skandinavischen Fenix-Gruppe und die verfogt eigene Ziele. Das seinerzeit zweimal jährlich erscheinende Globetrotter-Handbuch galt ebenfalls als „Bibel“ für Outdoor-Freaks und wurde mit einer Auflage von über einer Million Exemplaren gedruckt.

Ob Scheck- oder Globetrotter-Bibel oder auch der umfangreiche Katalog des Münchner Händlers Sport Schuster, der noch existiert! – diese Werke waren und sind natürlich kostenlos für die Kunden erhältlich und wurden teilweise auch kostenlos versandt. Genaue Zahlen will niemand nennen. „Der Aufwand ist schon enorm“, versichert allerdings Schuster-Geschäftsführer Rainer Angstl. Auch in seinem Haus wird immer wieder über das Pro und Contra diskutiert. Lohnt sich der Aufwand noch? Noch aber hält der süddeutsche Händler an dem Produkt fest. Derzeit mit über 540 Seiten geballter Expertise und Produktvielfalt. Das „Sporthaus des Südens“ setzt darauf, es ist eben mehr als nur Beiwerk, es gehört seit jeher zum guten Ton und gewohnten Bild, dass im Eingangsbereich des aktuell komplett umgestalteten Hauses eine Info-Theke wartet sowie fein und ordentlich aufgereiht ein Stapel von Katalogen, bereit zum Mitnehmen. Eine Tüte gibt es auch noch.

Ein Klassiker, den es noch gibt, ist natürlich der Katalog von Sport Thieme. Über 700 Seiten gefüllt mit Breitensport. Im Sport-Thieme-Katalog findet sich alles, was Interessierte für Schulsport-, Vereinssport, Fitness und Therapie brauchen. Das umfangreiche Angebot reicht von Sportartikeln über Sportplatzausstattung bis hin zu Erste-Hilfe- und Therapie-Bedarf. Stolz unterstreichen die Katalogmacher: „Egal ob sie nur einen einzelnen Fußball bestellen wollen, Fitnessgeräte kaufen wollen, oder ihre Turnhalle komplett neu ausstatten möchten, bei Sport-Thieme sind Sie richtig. Als Spezialist für alles rund um Sport und Verein bieten wir ihnen in unserem Sportkatalog eine riesige Auswahl an Markenprodukten zu fairen Preisen.“ Mit über 500 Neuheiten und 13.000 Artikeln zu über 70 Sportarten. Bestellt werden kann bei Sport-Thieme bequem und rund um die Uhr im Katalogversand oder eben auch im Online-Shop. Web und Print ergänzen sich hier und das ist auch der Trend.

Globetrotter
Globetrotter bietet nach wie vor gedruckte Magazine mit Produktempfehlungen an.
© Globetrotter

Das Ende der großen Wälzer wurde jedoch schon mit dem Aus der berühmten Kataloge von Quelle und Neckermann ab 2005 eingeleitet. In den Hochzeiten erschienen diese ebenfalls mit Sportartikeln gefüllten Standardwerke in einer Auflage von bis zu sieben Millionen Exemplaren. Der anschließende Untergang dieser Traditionsversender und die Kapriolen um Karstadt besiegelten die Entwicklung. Stattdessen haben sich Spezialkataloge gehalten und wurden sogar noch ausgebaut, wie etwa der von Sport Thieme unter dem Motto. „Alles für Bewegung, Sport und Therpie.“ Dahinter steckt aber auch eine intelligente Verknüpfung von Web und Print, die den Gewohnheiten der Zielgruppe und auch einer Renaissance des Gedruckten, welches mehr Entspannung und Entschleunigung bietet, entgegenkommt. Der Thieme-Katalog kann gratis als PDF zum Surfen heruntergeladen oder selbstverstädlich auch als Exemplar per Post bestellt werden. Dieses Auswahlangebot kommt an. Ähnlich agiert der Augsburger Sportgeräte-Ausrüster Wallenreiter.

Wallenreiter wurde 1858 als Schlosserei gegründet und befindet sich seither in Familienbesitz. Vor der Jahrhundertwende wurden bereits die ersten Turngeräte gefertigt und damit die Weichen für das heutige Kerngeschäft gestellt. 1957 folgte die Umfirmierung zur Augsburger Tunrgerätefabrik Wallenreiter und man gehört zu den größten Sportgeräteanbietern in Deutschland. Als Komplettausstatter von Sportstätten verspricht der Ausrüster hochwertige Qualität und technische Kompetenz. Dazu wird auch der Katalog eingesetzt. Dieser kann online erworben werden, und auch das Web kann umfassend genutzt werden. Beide Angebote laufen erfolgreich parallel. Der Ausrüster verfügt über eine eigene Produktion und vertreibt nach eigenen Angaben sehr erfolgreich marktführende Eigenentwicklungen. Dabei lässt sich surfen und blättern, mancher Kunde will etwas Greifbares in der Hand haben. Ergänzend kann online nachgehakt werden. „Mit unserem Online-Shop bieten wir nicht nur unserem Kundenkreis, sondern jedem Sportler und Sportinteressierten die Möglichkeit, aus unserem Sortiment schnell und einfach Sportartikel zu erwerben.“

Gedrucktes hat Zukunft. Es ist der Charme des Gedruckten, der überdauert, locker bis zu 500 Jahre. Das gedruckte Wort habe daher eine lange, große und gute Zukunft, meinen Experten wie die Sprecherin des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) Anja Pasquay. Digitale (Speicher)-Medien sind endlich, viel leichter verfälschbar und längst nicht so lange haltbar. Papier hält Jahrtausende. Bisher jedenfalls haben sich die Untergangsszenarien nicht bewahrheitet. Darauf setzt selbst Amazon: Der Internetriese bringt neu seinen ersten gedruckten Warenkatalog heraus und das in einer Riesenauflage. Der Onlinehändler will seinen Fans damit entgegenkommen und ihnen das Finden geeigneter Artikel erleichtern. Das zeugt auch von Weitsicht – beeindruckenderweise gerade von Seiten des weltweit erfolgreichsten Online-Players. Es geht um Überblick, Ergänzung und Orientierung in einer schnellebigen Zeit, die mit dem fragwürdigen Durchdringen des „Smartphones“ seit gerade einmal zehn Jahren etwas aus den Fugen geraten ist. Übrigens: Auch Ikea hält an seinem Katalog fest. Der Klassiker der Möbel-Schweden zählt mit einer Auflage von über 200 Millionen Exemplaren (in 35 Sprachen) zu den auflagenstärksten Werken der Welt.

Frischluft
Das aktuelle Magazin der Outdoor-Profis mit Produktübersichten...
© Frischluft

Also, richtig gemacht und gut eingebettet in ein Gesamtmarketing-Konzept hat der Katalog nach wie vor seine Berechtigung und Bestimmung. Es gilt einmal mehr: Zielgruppe erkennen, zeitgemäß ansprechen und etwas vorausblickender umsetzen. Das funktioniert. Das zeigen die Printprodukte von Bergzeit, Schöffel, Larca, Sport Conrad und selbst die Eigenmarke McKinley vom Einkaufsverband Intersport. Oder auch vom Spezialanbieter Owney, der in seinem Katalog spezielle Outdoor-Ausrüstung für Mensch und Hund, Bekleidung Damen, Bekleidung Herren und Outdoor-Schuhe anbietet. Anspruch und Anforderungen an Print bleiben gleich, Vertrieb und Gestaltung können sich verändern. Und die Produkte werden nicht mehr nur „Katalog“ genannt, sondern „Handbuch“ oder „Magazin“. Vor allem die Outdoorbranche ist wieder einmal Vorreiter: Die Produkte stehen nicht mehr alleine im Vordergrund, um diese herum werden Geschichten erzählt, Tipps gegeben und natürlich auch Kaufempfehlungen. Die Macher solcher Printprodukte samt Reportagen müssen nur aufpassen, hierbei das Product Placement nicht zu sehr in den Vordergrund zu schieben. Auch eine gute, aussagekräftige Produktinfo zum Nachschlagen und Nachlesen, zumal in unserer funktionsgesteuerten Branche, ist nicht nur eine Kunst für sich, sondern auch ein Muss.

Im jüngsten Bergzeit-Handbuch für den Sommer 2018 klappt das ganz gut: Der Anspruch: Alles finden, was für das Abenteuer beim Bike & Hike, Klettersteiggehen, Trekking, Trailrunning, Klettern oder Camping gebraucht wird. Bergzeit wünscht dabei „viel Spaß beim Stöbern!“ und verweist darüberhinaus auf die „ganze Auswahl – über 40.000 Artikel von über 500 Outdoor-Marken in unserem Online-Shop“. Von Globetrotter gibt es zumindest ebenfalls noch ein kostenloses Magazin. Und interessanterweise haben sich auch die Kataloge von den Outdoor-Insidern weiterentwickelt. Die Händlergruppe zwischen Berlin und Wiesbaden verspricht eine möglichst große und kompetente Auswahl an hochwertiger Outdoor-, Reise-, Trekking- und Bergsport-Ausrüstung sowie Outdoorschuhen und Outdoorbekleidung. Die Händler-Insider schwenkten ebenfalls auf das Magazin-Format um. „Unser gemeinsames Outdoor-Insider-Magazin bietet eine Auswahl hochwertiger Outdoor-, Trekking-, Reise- und Bergsport-Ausrüstung, Schuhe und Bekleidung, garniert mit Expertentipps aus erster Hand. Da es sich ganz den elementaren Dingen für Draußen verschrieben hat, tauften wir es Elementarteilchen.“ Exemplare liegen in allen Geschäften für die Kunden zur Abholung bereit. Das Magazin kann aber auch online heruntergeladen werden. Und selbst das „Blättern“ im Magazin funktioniert am Bildschirm ganz gut. Der Kunde hat die Wahl. Das zeigt, wer die Zeichen der Zeit erkannt hat, kann sie entsprechend um- und einsetzen. Solange der Kunde im Mittelpunkt steht, profitieren alle Seiten davon. Surfen oder blättern - der Katalog lebt.

Nicolas Kellner

Autor: Nicolas Kellner

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 04 / 2019