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Bouldern: Der Handel schläft noch

  • Andreas Mayer
  • Mittwoch | 01. Juni 2016  |  09:53 Uhr
Bouldern boomt insbesondere in Berlin. Die beiden Hallen Ost- und Südbloc sind Insider-Tipps momentan. SportFACHHANDEL sprach mit Südbloc-Geschäftsfüher Mark Pätzold über die Entwicklungstrends und verpasste Chancen des Klettersporthandels.
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"Man erwischt mit dem Bouldern jeden, jedes Alter, aus jeder Zielgruppe." Südbloc-Macher Mark Pätzold

Text: Nicolas Kellner

sportFACHHANDEL: Herr Pätzold, nach dem Ostbloc gibt es jetzt auch den Südbloc in Berlin. Wie hängen die beiden Hallen zusammen?

Mark Pätzold: Wir hatten uns gemeinsam überlegt, aufgrund des boomenden Bouldersports eine zweite Halle zu eröffnen. Da bin ich ins Spiel gekommen, wir kooperieren zwar, sind jedoch rechtlich und wirtschaftlich völlig getrennte Unternehmen. Klar nutzen wir das aus, dass wir als Geschäftsführer befreundet sind. Größere Strategieplanungen oder Events planen wir daher durchaus zusammen.

Wie stellt sich der Markt dar? Droht nicht eine Sättigung bei der Nachfrage beziehungsweise beim Hallenangebot? Nein, noch längst nicht. In Berlin auf jeden Fall kommen noch ein paar wichtige Standortfaktoren hinzu. Die Wege sind in dieser recht großflächigen Stadt sehr lang geworden. So wie es jetzt ist, macht sich ein Tendenz zur Sättigung nicht bemerkbar. Es gibt ja auch noch ein paar weiße Flecken. Richtung Nordosten zum Beispiel gibt es gar nichts, die Ostbloc ist dort das einzige Angebot. Außerdem hat jede Halle bislang ihr eigenes Einzugsgebiet. Eng wird´s ein bißchen um Kreuzberg herum. Aber eigentlich handelt es sich immer noch um einen Wachstumsmarkt. Jede Halle, die neu aufmacht, nimmt Leute nicht weg von anderen Hallen, sondern baut sich einen eigenen Kundenstamm auf. Zum Start kommen meist wahnsinnig viele Anfänger, weil es es jetzt das Angebot in der Nähe gibt. Das war auch bei uns so. Es fällt richtig auf, dass die Leute noch nie klettern waren. Also, das ist bei uns immer noch wachsend. Die Leute entdecken den Sport aus den unterschiedlichsten Gründen: Es ist unkompliziert, nicht so langweilig, Kinder fangen damit an. Man erwischt damit jeden, jedes Alter, aus jeder Zielgruppe. Manchmal wird es ein bißchen schwierig, es alles recht zu machen in der Halle. Da muss man sich fokussieren.

Das Klettern draußen ist natürlich älter als das Bouldern. Wie schaffen Sie den Spagat? Erreichen Sie die Seilkletterer auch? Naja, die neue Generation, die Großstädter vor allem, sind hauptsächlich Indoor-Kletterer. Das vermischt sich mit denen, die das schon eine Weile kennen und die dann auch mal rausgehen an den Felsen. Und die Urgesteine kommen natürlich von draußen. Generell ist es wohl so, dass die Gruppe der Draußen-Kletterer kaum wächst. Ab und zu sieht man mal Leute, es gibt vielleicht da und dort ein leichtes Plus. Indoor-Klettern allerdings wird zur eigenen Sportart.

Da ist die Frage spannend: Gibt es Kooperationen mit Herstellern und Ausrüstern? Ja, die gibt es. Es existieren dauerhafte Kooperationen hier bei uns zu Beispiel mit Mad Rock im Bereich Schuhe. Da gibt es Testevents und wir werden da auch hinsichtlich Verbesserungen gefragt. Wir sind immer im Austausch. Trainer werden bestückt und teilen Erfahrungen mit. Dann haben wir Lowa als Sponsor dabei. Es gibt außerdem einen kleinen Klettershop bei uns, in dem man die Basics erwerben kann: Kletterschuhe, Hosen, T-Shirts, Bürsten und so weiter. Bei den Hosen ist es Prana. Nachdem wir einiges durchprobiert haben, sind wir jetzt bei dieser Marke gelandet. Wir glauben, der Anbieter hat momentan das beste Preis-Leistungsverhältnis, was Paßform, Preis, Design, Verarbeitung betrifft.

Gibt es weitere Kooperationen mit Kletterhändlern etwa in der Stadt? Das momentan noch weniger. Wir haben nur eine lose Kooperation mit den Machern von Camp 4. Das liegt daran, dass dessen Geschäftsführer auch Vorsitzender im Landesverband des DAV ist. Und wir richten hier im Südbloc ja auch die Berliner Landesmeisterschaften aus. Das hat jetzt mit dem Verkauf von Sportartikeln jedoch gar nichts zu tun.

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Südbloc, Ostbloc ... ein Ende des Boulderbooms ist in Großstädten wie Berlin noch lange nicht in Sicht.

Würde sich das aber nicht anbieten – mit Händlern enger zusammenzuarbeiten? Oder gibt es da kein Interesse? Ich habe schon mal die Fühler ausgestreckt. Ich habe jedoch das Gefühl, dass sich viele nicht so sehr damit befassen wollen. Und auch keine Werbung oder große Banner in ihren Läden haben wollen. Ich sehe, dass da von den Berliner Händlern ein wenig Zurückhaltung zu spüren ist. Aber ich will das noch mal richtig angehen und versuchen, das Eis zu brechen.

Ja, da gäbe es sicherlich einige große und großflächigere Händler in der Stadt, die in Frage kämen sollten. Gibt es denn darüber hinaus eine Zusammenarbeit, zum Beispiel mit dem Hallenverbad Klever? Das ist einer der kommerziellen Kletterhallenverbände. Wir sind allerdings nicht mit dabei. Bei Klever sind rund 30 Prozent der Hallen vertreten, die meisten sind doch Einzelkämpfer. In Berlin ist jedoch die Kooperation zwischen den hiesigen Hallenbetreibern sehr gut. Wir sind alle befreundet und als Geschäftsführer permanant im Gespräch. Wir kennen usn alle sehr gut, es gibt ja auch die Berlin Bloc Masters, ein Boulder-Wettbewerb quer durch sechs Hallen als gemeinsames großes Event. Wir schauen halt immer, was kann man zusammen machen. Wir tauschen auch die Boulderschrauber für neue Routen untereinander aus.

Wie groß ist das Einzugsgebiet? Lässt sich das dadurch auch erweitern? Wir reichen schon relativ weit rein nach Süd-Brandenburg aufgrund unserer Lage. Ich denke schon, um so mehr Hallen miteinander zu tun haben, desto mehr wird man auch in der Region bekannt und es spricht sich herum.

Kennt man sich auch bundesweit? Im Süden explodiert das Hallenangebot ebenfalls? Wir kennen uns, man weiß, wer wer ist und mit einigen sind wir verbunden. Das Betreiben von Boulderhallenist jedoch eher ein regionales Geschäft. Deswegen boomt es ja auch so, die Leute wollen schnell dort sein.

Besteht die Gefahr, dass der Markt überhitzt, ähnlich wie einst beim Surfsport oder auch im Skateboardmarkt? Also in Sachen Ware betrifft uns das weniger. Allerdings habe ich den Eindruck, dass es mittlerweile einen irrsinnigen Markt für Kletterschuhe gibt. Unzählige Firmen springen auf den Zug. Ich denke immer, ich kenne alle, und dann taucht doch wieder etwas Neues auf. Es scheint, dass einige Hersteller in einer Boomsportart jetzt versuchen, auch noch den letzten Kunden zu kriegen. Bei einigen Marken weiß man inzwischen gar nicht mehr, was die alles haben. Momentan leben wohl alle noch ganz gut davon, aber ich denke, da wird es sich noch ausdünnen. Kletterschuhe laufen natürlich aber auch zur Zeit ganz gut als Fashion-Schuh. In Sachen Hallen, glaube ich, gibt es noch genug Luft. Wer eine neue Halle aufmacht, der analysiert den Standort vorher auch ganz genau, ob es sich lohnt. So eine neue Boulderhalle ist schon ein großes Investment in den Standort und in die Ausrüstung. Das ist nicht so einfach wie eine kleine Surfschule am Strand zu eröffnen. Eine gewisse Streuung über die Landkarte wird es daher schon geben.

Profitiert man als Hallenbetreiber, dass zumindest einige große Händler wie Sport Scheck oder jetzt neu auch Décathlon in Berlin das Thema Indoor-Klettern forcieren? Ja, auf jeden Fall. Das ist verständlich, dass die Klettern als Markt entdeckt haben. Das ist natürlich eine gute Werbung für die Sportart, die man als Radfahrer eventuell entdeckt und dann mal ausprobieren will.

Also: Gibt es bald neue Hallen von den Ost- und Südbloc-Machern? Zwei genügen erst mal. Ich finde auch, da muss man kein Imperium daraus machen. Wir haben jetzt keine Franchise-Ambitionen. Bei einigen steht ein anderes Modell dahinter. Wir wollen weiter selber dahinter stehen und das Persönliche zeigen und leben. Wir wollen den Sport weiter persönlich erleben und die Hallen gestalten.

Wir bedanken uns für das Gespräch.

Mayer

Autor: Andreas Mayer

Chefredakteur sportFACHHANDEL / Wanderlust / SkiMAGAZIN

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 06 / 2016