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Wenn schon, denn schon ….

  • Hildegard Suntinger
  • Montag | 30. Mai 2016  |  11:58 Uhr
Retro, oder was? Statt in einen Webshop zu investieren, baut Lengermann + Trieschmann (L+T) ein Sporthaus aus Stein und Beton und setzt damit auf das reale Erlebnis statt auf Bequemlichkeit vor dem Screen. Ein emotional aufgeladenes Sporthaus soll das durch Mode ohnehin bereits vorhandene Einzugsgebiet im Zentrum von Osnabrück (Nordrhein-Westfalen) vergrößern und dem Unternehmen neue Kunden bringen.

Text: Hildegard Suntinger

Ich glaube nicht, dass die Onlinewelt auf uns wartet, sagt COO Thomas Ganter, „wir haben nur den einen Standort und wollen ihn mit allen Mitteln verteidigen.“ Dass die Sportwelt auf L+T wartet, scheint schon wahrscheinlicher. Das 1910 gegründete Unternehmen ist eines der größten und bekanntesten Modekaufhäuser Nordwestdeutschlands. Sportbekleidung und -artikel sind seit 30 Jahren dabei und belegen mittlerweile eine Fläche von 2400 qm. „Unsere Sportabteilung bietet zwar schon ein Vollsortiment, aber es gibt kaum Sportgeschäfte mit mehr als 1000 qm Fläche in der Region. Der Markt ist zergliedert in Sport 2000- und Intersport-Händler in kleiner und mittlerer Größe. Selbst Sport Scheck und Karstadt führen nur relativ kleine Flächen,“ erklärt Ganter, der seit sechs Jahren mit dem Projekt befasst ist. Mit einer Fläche von 5.000 qm auf fünf Etagen will L+T ein Highlight setzen und stark in Richtung Norden strahlen, um die Zielgruppe an der Autobahn entlang in Richtung Münster und Bielefeld anzuziehen. Im Süden rechnet man mit einem Einzugsgebiet bis zum Teutoburger Wald.

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Die stehende Welle wird in einer Arena mit 200 Sitzplätzen positioniert. Da das Wasserbecken abdeckbar ist, lässt sich die Fläche auch für andere Zwecke nutzen.
© L & T

Das Sporthaus soll an der Rückseite des Modehauses entstehen und räumlich angebunden werden. Das Grundstück wurde schon vor zwölf Jahren mit der Absicht der Expansion gekauft und das darauf befindliche Kloster, das interimistisch als Logistikfläche genutzt wurde, wird jetzt einem modernen Landmark-Building Platz machen. Die Bauarbeiten sollen in ca. zwei Jahren abgeschlossen sein. Die Prof. Moths Architekten aus Hamburg haben sich in der Gestaltung von sportlichen Attributen wie Bewegung, Dynamik und Schnelligkeit leiten lassen. Damit die Architektur kein leeres Versprechen bleibt, soll auch in der Nutzung eine Emotionalisierung erfolgen. In den Abteilungen erwartet Kunden die Möglichkeit Produkte zu testen und im Obergeschoss kann in einem Fitness-Club aktiv Sport betrieben werden. Im Zentrum des Gebäudes wird ein Wasserbecken mit einer stehenden Welle zum Treffpunkt für Surfer werden. Dazu kommen eine Reihe von Gastronomiebetrieben und eine Markthalle, die im Modehaus bereits vorhanden sind. Das Herzstück, die stehende Welle, wird in einer Arena mit 200 Sitzplätzen positioniert. Da das Wasserbecken abdeckbar ist, lässt sich die Fläche auch für andere Sportarten und Dinge wie Public Viewing nutzen. U.a. sind Kooperationen mit Schulen angedacht. Mit dem Fitness Club möchte L+T über die Motivation zum Sport hinaus auch Hilfestellung bei möglichen Problemen bieten. Ganter: „Wir denken an ein Health Gym und möchten uns mit neuen Trainingsmethoden und Personal Trainern von allem am Markt befindlichen abheben. Auch prüfen wir die Möglichkeit, eine Sportarztpraxis zu integrieren.“

Wie schon die bestehende Sportabteilung soll auch das Sporthaus unter Intersport-Mitgliedschaft laufen. Im Corporate Design wird sich das kaum abzeichnen. L+T will die emotionale Ansprache aufgrund seiner eigenen Identität kreieren. Im Sortiment wird sich die Kooperation vor allem in der Anfangspreislage zeigen, wo das Volumen der Intersport Eigenmarken ausgebaut werden soll. Gleichzeitig plant man das Angebot von der mittleren Preisgrenze nach oben zu expandieren. Wenn im Outdoorsegment bis dato Mammut und Schöffel bedeutende Marken sind, dann denkt man in Zukunft auch an Marken wie Arc’teryx und Haglöfs. In den einzelnen Sportsektoren soll es einen starken Fokus auf Wassersport und Ski Alpin geben. Wobei im Skisegment Schuhe und Bekleidung überwiegen werden, weil die Skifahrer im Norden ihre Skier lieber leihen, wie Ganter erklärt. Den größten Teil des Sortiments wird das Thema Outdoor darstellen. Weitere Schwerpunkte werden mit Fußball, Teamsport, Running, Fitness, Training und Kindersportartikeln gesetzt. Der Anteil von Kleidung soll von derzeit 80 Prozent auf 60 Prozent reduziert werden und von Hartware (15%) und Schuhen (25%) ergänzt werden. Die Erfahrung im Modehaus habe gezeigt, dass es besser sei, Sortimentsgrenzen klar zu ziehen, um Verwirrung beim Kunden zu vermeiden. Aus diesem Grund sei man von Doppelplatzierungen bereits wieder abgekommen, so Ganter, der zunächst eine Trennschärfe zwischen Sport und Mode herbeiführen will, um diese Erkenntnis dann auch in der Mode umzusetzen. Dennoch werde das Wissen über den Modekunden auch das Sortiment im Sporthaus beeinflussen. Basierend auf der Beobachtung, dass der modische Anspruch bei Sportbekleidung nicht aufhört, wurde eine Führungskraft ins Projekt geholt, die zuvor Mode eingekauft hat.

Mit der Erlebnisorientierung distanziert sich L+T klar von der Einförmigkeit des Onlinehandels. Auch gibt es derzeit keinerlei Pläne einen umfassend bestückten Onlineshop zu installieren. Die Komplexität von 10.000 Artikeln würde nicht nur viel zusätzlichen Aufwand sondern auch ein hohes finanzielles Risiko bergen. Zudem möchte man sich nicht anmaßen, mit Playern wie Yoox, Net-à-Porter, etc. mithalten zu können, so Ganter. Als klares Zeichen werte man auch, dass Wormland seinen Online-Shop wieder geschlossen hat. Zitat: „Lieber nutzen wir die langjährig erworbene Kundenkenntnis, kaufen gezielt für die regionalen Bedürfnisse ein und schaffen Kundenbindung über Eventkultur und Communitybuilding.“

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„Wir wissen, woher wir kommen und hier gibt es genug zu tun.“ Die L+T Geschäftsführung (v. l. n. r.): CFO Alexander Berger, geschäftsführender Gesellschafter Mark Rauschen, COO Thomas Ganter.
© L & T

Allerdings wolle man nicht vollkommen an der Digitalisierung vorübergehen und plane mittelfristig erfolgreiche Segmente online zu stellen. So sei im Sporthaus z.B. eine große Sneakersabteilung geplant, die – parallel zu Outdoor – der Schärfung des Profils dienen soll. Wenn die entsprechende Kompetenz stationär aufgebaut werden kann, so sei auch ein Sneakers E-Shop vorstellbar, so Ganter. Damit wolle man einen Ausschnitt vom Gesamtunternehmen fokussieren und online das machen, was man auch stationär besonders gut kann. Darüberhinaus soll mit click & reserve das Onlineservice auch lokal verfügbar werden, damit Kunden, die am Wochenende an den Schaufenstern vorbeigehen, Produkte online reservieren und im Geschäft abholen oder in Zukunft eventuell auch nach Hause liefern lassen können. Weiters soll es möglich sein, online persönliche Beratungs-termine in den Abteilungen zu vereinbaren.

L+T: Traditionshaus des Nordens

Lengermann + Trieschmann ist eines der größten inhabergeführten Modekaufhäuser Norddeutschlands und befindet sich im Zentrum der 100.000-Einwohner Stadt Osnabrück. Beim letzten größeren Umbau 2006 wuchs die Fläche auf 20.184 qm. Mit dem Sporthaus wird der Komplex bis 2018 auf eine Fläche von ca. 26.000 qm anwachsen. Das Parkhaus bietet 480 Stellplätze. Die Frequenz ist nicht zuletzt durch eine Reihe von Gastronomiebetrieben sowie eine Markthalle mit zwölf regionalen Händlern und Gastronomiebetrieben gewährleistet. Das Unternehmen beschäftigt 520 Mitarbeiter und erwirtschaftete 2015 einen Umsatz von 75 Mio. Euro brutto. Der für das Sporthausprojekt verantwortliche COO Thomas Ganter (46) ist seit 2006 im Unternehmen und teilt sich die Geschäftsführung mit dem CFO Alexander Berger (40), der seit 2001 im Unternehmen ist sowie dem geschäftsführenden Gesellschafter Mark Rauschen (42), der als Nachfahre des Familienzweigs Trieschmann 2003 ins Unternehmen eingetreten ist. L+T wurde 1910 unter dem Namen Alsberg und Co gegründet und 1935 im Zuge der Arisierung von Lengermann + Trieschmann übernommen. Mit dem Tod von Friedrich Lengermann 1979 zog sich sein Familienzweig aus der aktiven Geschäftsführung zurück. Die Nachfahren, die Familie Haberland, ist bis heute als Gesellschafter aktiv. Auch wenn die Geschichte des Haus unangenehm ist, wird sie nicht verschwiegen. Auf einer Gedenktafel im Geschäft ist das Schicksal der jüdischen Gründer nachzulesen. Zwischen den Familien gibt es einen kontinuierlichen Austausch. Der Erlös der Jubiläumsfeier wurde großzügig aufgerundet und der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit übergeben.

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Autor: Hildegard Suntinger

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 05 / 2016