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Running-Händler schlägt Alarm: „Wir erreichen die Industrie nicht mehr"

  • Andreas Mayer
  • Freitag | 27. November 2020  |  00:20 Uhr
Eigentlich sollten Laufspezialisten aus dem Grinsen nicht mehr herauskommen. Denn wenn etwas lief im Corona-Jahr dann Running. Trotzdem ist auch bei Laufschuhen & Co. nicht alles Gold, was glänzt. Im Gegenteil: Es rumort gewaltig im (ehemaligen) Vorzeigesegment ...
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Natürlich. Doch schon wieder im Verkaufsgespräch! „Einen kurzen Moment noch“, ruft Achim Linder ins Telefon. Dabei ist es Montagmorgen. Doch Achim Linders Laufshop in Kissleg brummt. Trotz Einlassbeschränkung. Aufgrund der Ladengröße dürfen aktuell nur zwei Kunden gleichzeitig anwesend sein. Deswegen ist Achim Linder schon seit längerem dazu übergegangen, Termine zu machen. Auch, um sich die Zeit nehmen zu können für das, was er am besten kann und was seine Kunden am meisten an ihm schätzen: die fachmännische Beratung.

Im kommenden April feiert Laufsport Linder sein 30-jähriges Jubiläum. Doch pünktlich zum runden Geburtstag haben ihm die großen Strategen des Weltmarktführers Nike den Vertrag gekündigt. Warum soll sich ein internationaler Multi auch mit kleinen Fachhändler im Allgäu abgeben? Auch Adidas bekommt er nicht mehr. Dabei reicht Achim Linders Einzugsgebiet über Ravensburg bis hin nach Friedrichshafen. Nirgendwo sonst gibt es eine so kompetente Auswahl. Insgesamt 20 verschiedene Schuhmarken führt Linder. Doch zunehmend spielen auch kleinere Marken verrückt, erklärt er besorgt.

Jüngstes Beispiel: „Die Jungs von 361° haben wirklich lange versucht, eine Beziehung zu uns Spezialisten aufzubauen. Der Deutschland-Chef und sogar der Europa-Chef waren hier im Laden. Doch dann haben sie wohl Lagerdruck gehabt und tausende Schuhe gnadenlos und weit unter Preis in den Online-Handel gedrückt. Das war richtig schwer, damit klarzukommen mit dieser Enttäuschung.“ Mehr noch: Auch bei Hervis in Österreich wurde die Ware plötzlich verramscht. „Ich bin nach Dornbirn über die Grenze gefahren und habe die Schuhe auf Paletten gesehen. Da hat mir das Herz geblutet! Wie uns diese attraktiven Produkte einfach genommen werden, das ist unerträglich.“

Die Industrie sei für den Handel längst kein Partner mehr, sondern Gegenspieler, folgert Linder. „Das kann ich an so vielen Beispielen aufzeigen!“ Wie kann es zum Beispiel sein, dass ein ausgewiesener und erfolgreicher Spezialist wie Achim Linder bei Highend-Schuhen, limitierten Auflagen und selektivem Vertrieb durchs Raster fällt? „Das Interesse am klassischen, ehrlichen Laufschuh ist verloren gegangen. Es wird nur noch versucht, Marketingschuhe zu machen“, erklärt Linder. „Die Schuhe sind mittlerweile immer billiger aufgebaut, werden aber immer teurer. Wenn ein Carbonschlappen von Nike – eigentlich ein qualitativ minderwertiger Schuh – 299 Euro kostet, dann läuft was schief. Wir erreichen im Moment die Industrie nicht mehr, weil die viel zu weit weg, viel zu abgehoben, wie zu sehr in ihrer Eigenvermarktung gefangen sind.“

Was hilft? Markenvielfalt! „Wenn ich nur vier oder fünf Marken hätte, könnte ich bei meinem Anspruch zumachen“, weiß Linder und rät: „Auch andere Händler sollten sich wieder mehr auf ihre Kernkompetenz berufen und nicht nur einen On verkaufen, weil das momentan einfach ist, oder irgendwelche Carbonschuhe, mit denen den Kunden vermittelt wird, dass sie schneller sind. Die meisten Kunden, die zu mir kommen, wollen einfach nur abschalten vom Alltag, und sich nicht damit beschäftigen, wie man noch schneller oder durch Apps trainiert wird. Es fehlt das ehrliche Sortiment!“

Laufsport Linder geht es (noch) gut. Dem erfahrenen Händler geht es vor allem um das Schicksal des Einzelhandels insgesamt.„Wir haben richtig viel Spaß an der Arbeit und sind überzeugt davon, was wir tun. Wir wollen uns jeden Tag weiterentwickeln und nicht nur jammern über den Online-Handel, über die Konkurrenz, über Corona. Denn es gibt nach wie vor wirklich gute Möglichkeiten, sich sichtbar zu machen! Aber was soll denn ein kleiner Einzelhändler in der Stadt machen, wenn er ausgegrenzt wird und die Produkte auf der anderen Seite bei Warenhäusern, Discountern oder auch bei Scheck & Co. auf der Palette stehen?“

Andreas Mayer

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Autor: Andreas Mayer

Chefredakteur