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Reportage: Azubi im Sportfachhandel

  • Marcel Rotzoll
  • Donnerstag | 18. Juli 2019  |  13:09 Uhr
Miese Bezahlung, unattraktive Arbeitszeiten, geringe Perspektive. Glaubt man den Schwarzmalern, wird der Sportfachhandel sich irgendwann selbst abschaffen. Dass es für junge Menschen aber auch und vor allem auf ganz andere Faktoren bei der Berufswahl ankommt, beweist Magdalena Knopp, die im vergangenen Jahr ihre Ausbildung bei Sprengers Sportland in Schongau begonnen hat.

Als Magdalena Knopp an jenem Morgen um kurz vor acht Uhr aufwacht, pocht ihr Herz. Bevor um Punkt 8:39 Uhr der Bus von ihrem Heimatort Hohenfurch nach Schongau fährt, will sie ihre Aufregung noch in den Griff bekommen. Es wird ihr nicht gelingen. Denn dieser 1. August 2018 ist kein Tag wie jeder andere. Wenige Wochen zuvor hatte sie den Hauptschul-Abschluss endlich in der Tasche gehabt. Die Sommerferien waren wie im Flug vergegangen. Und nun, an jenem 1. August des vergangenen Jahres, beginnt Magdalena Knopp ihre Ausbildung zur Sportartikelfachverkäuferin bei Sprengers Sportland in Schongau.

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Die 15-jährige Magdalena Kopp ist seit elf Monaten als Auszubildende bei Sprengers Sportland.
© Maximilian Prechtel

Ausbildung im Handel beliebt

Magdalena ist eine von deutschlandweit knapp 310.000 Auszubildenden, die im vergangenen Jahr einen betrieblichen Ausbildungsvertrag im Zuständigkeitsbereich der Industrie- und Handelskammern abgeschlossen haben. Sie teilt ihren Berufswunsch dabei mit insgesamt 14.300 anderen Mädchen und Frauen, die sich in den Betrieben verschiedenster Branchen zur Kauffrau im Einzelhandel ausbilden lassen wollen. Hinzu kommen nochmals 17.200 Mädchen und Frauen, die Verkäuferin als Berufswunsch angeben. Bei den Jungen und Männern sind es übrigens 15.400, die als Berufswunsch Kaufmann im Einzelhandel und 13.800, die Verkäufer als Berufsziel angaben. Damit gehören sowohl die Kauffrau/Kaufmann als auch Verkäuferin/Verkäufer zu den beliebtesten Ausbildungsberufen junger Menschen. Nach aktuellen Daten des Deutschen Industrie- und Handelskammertages wurden 2018 insgesamt 26.963 Ausbildungsverträge für Kauffrauen/Kaufmänner im Einzelhandel und 21.756 Ausbildungsverträge für Verkäuferinnen/Verkäufer abgeschlossen.

Dabei fiel Magdalenas Wahl nicht von ungefähr auf Sprengers Sportland. Noch zu Schulzeiten war sie auf der Suche nach einer Praktikumsstelle. Dass sie in den Handel wollte, wusste sie bereits. „Ich wollte etwas mit Menschen machen und hatte mir schon einige Geschäfte angeschaut“, berichtet Magdalena. Zwar hatte sie also genaue Vorstellungen davon, was sie machen wollte, nicht aber wo. Dann kam ihre Mutter ins Spiel. Die schlug nämlich vor, es mal bei Sprengers Sportland, wo man schon oft und gerne eingekauft hatte, zu versuchen. Magdalena zweifelt zunächst: „Ich dachte, dass man in einem Sportgeschäft super sportlich sein müsste. So fühlte ich mich aber gar nicht.“ Sie fragte aber trotzdem nach einer Praktikumsstelle, „und ich wurde sofort genommen“, erinnert sie sich lächelnd. Während des Praktikums sortierte sie Bekleidung in die Regale, durfte bei Verkaufsgesprächen lauschen und generell den Ablauf im Geschäft kennenlernen. „Nach dem Praktikum war ich begeistert, weil der Beruf total vielseitig ist.“ Und es war klar, dass sie sich hier bewerben würde. Nur kurz darauf rief die Juniorchefin Sonja ­Sprenger-Lotz an. Offenbar war das Team von Sprengers Sportland von Magdalena ebenso begeistert wie umgekehrt. Kurzum: Sie hatte den Job.

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Funktionierendes Team: Hinten vlnr.: Daniela Vöst, Stefan Stevanovic, Franziska Romm, Sonja Sprenger-Lotz, Adi Ramos, Vanessa Medwed (mittlerweile ausgeschieden), Magdalena Knopp; Vorne hockend vlnr.: Sebastian Lotz, Stefanie Möst. Es fehlen: Herr und Frau Sprenger und der Service-Mann Willi Fricker.
© Sprengers Sportland

Mehr Ausbildungsstellen als Bewerber

Viele Sportfachhändler stehen vor dem Problem, entweder überhaupt keine Bewerber zu haben oder keine geeigneten Bewerber mehr zu finden (siehe dazu auch hier). Nur in sieben Bundesländern gibt es mehr Bewerber als Ausbildungsstellen. Heißt: in neun Bundesländern gibt es weniger Bewerber als Ausbildungsstellen. Das ist ein Novum in der neueren Geschichte. Zuletzt gab es bundesweit 1994 mehr gemeldete (betriebliche) Ausbildungsstellen als gemeldete Bewerber. In Bayern ist die Situation sogar am dramatischsten: Hier kommen auf 100 Ausbildungsstellen nur 73 Bewerber (siehe Grafik). Der Ausbildungsmarkt ist leergefegt. Ein Kampf um die zukünftigen Fachkräfte längst im Gange. Sprengers Sportland jedoch kennt dieses Problem offenbar nicht. Derzeit gibt es zwei Azubis. Magdalena ist eine davon. Was macht das Sportfachgeschäft in Schongau also anders?

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Nur in sieben Bundesländern gibt es mehr Bewerber als Ausbildungs-stellen. Damit ist die Zahl der gemeldeten (betrieblichen) Ausbildungsstellen erst-mals seit 1994 höher als die der gemeldeten Bewerber. Das führt dazu, dass im ver-gangenen Jahr nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit knapp 47 Prozent der Betriebe ihre Ausbildungsstellen teilweise oder vollständig nicht besetzen konnten.
© Grafik: SFH

Natürlich hängt immer auch viel von der Situation vor Ort ab. Schongau, eine Stadt mit 15.000 Einwohnern, am Lech gelegen, ist der Mittelpunkt eines Verbundes von kleineren Orten und umfasst ein relativ großes ländliches Einzugsgebiet. Die Stadt besitzt eine sehr schöne historische Altstadt. Etwas außerhalb ist ein Gewerbegebiet mit dem stark frequentierten Supermarkt V-Markt angesiedelt. Gegenüber befindet sich Sprengers Sportland. Die Historie des Fachgeschäfts reicht 37 Jahre zurück. Was einst mit einer Tennishalle und später einem kleinen Shop begann, hat sich heute zu einem typischen Nahversorger mit 700 Quadratmetern Verkaufsfläche entwickelt. Das Geschäft ist Mitglied der Sport 2000 und führt die Sortimente Running, Outdoor, Schwimmen, Tennis, Fitness, Fitness-Großgeräte, Wintersport und Fußball. Seit einiger Zeit fokussiert man sich dabei immer stärker auf Bergsport, Wandern, Running, Schwimmen und im Winter Ski, mit eigener Werkstatt und Ski-Touren-Angeboten. Insgesamt zählt das Sportfachgeschäft zwölf Mitarbeiter, davon zwei Auszubildende. Ab September wird noch eine weitere Mitarbeiterin hinzukommen. Seit jeher bildet das Fachgeschäft aus.

Von den Problemen, Auszubildende zu finden, kann aber auch Junior-Chef Sebastian Lotz berichten: „Es wird schwieriger, junge Menschen von einer Ausbildung im Sportfachhandel zu überzeugen. Heute spielt beispielsweise die Work-Life-Balance eine sehr große Rolle. Im Handel muss aber am Samstag gearbeitet werden. Zum anderen geht natürlich jeder arbeiten, um Geld zu verdienen. Da zahlen Industriebetriebe oder auch Handwerker einfach besser als wir.“

Stärken des Sportfachhandels betonen

Gleichzeitig aber weiß der 33-jährige Lotz, der zuerst in der Produktentwicklung eines Automobilzulieferers gearbeitet hatte und vor vier Jahren durch seine Frau Sonja Sprenger-Lotz und über den Skiservice und die Skiwerkstatt ins Geschäft der Schwiegereltern gekommen ist, um die eigenen Stärken. „Der große Vorteil, den wir als Sportfachgeschäft haben, ist, dass man sein Hobby zum Beruf machen kann und dass wir überaus emotionale Produkte verkaufen. Zudem achten wir sehr darauf, eine gute Stimmung im Team zu haben. Das spricht sich herum, damit können wir bei Praktikanten und Ausbildungsplatzsuchenden punkten. Viele unserer Auszubildenden haben beispielsweise vorher mit ihren Eltern bei uns eingekauft und sind so auf uns aufmerksam geworden.“ Das Team gilt dem Junior-Chef grundsätzlich als Eckpfeiler des Geschäftserfolgs und wird in den Geschäftsablauf und die strategische Ausrichtung mit eingebunden: „Jeder unserer Mitarbeiter hat ganz persönliche Stärken. Bei dem einen ist das Ski, beim anderen Running. Gerade bei den Themen Kalkulation und auch beim Einkauf können die Mitarbeiter ihre Expertise als führende Kraft in ihrem Bereich dann natürlich auch einbringen.“

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Für die Auszubildenden gibt es einen festen Ansprechpartner, entweder Sebastian Lotz oder ­Stefanie Möst. Beide stehen jederzeit zur Verfügung, wenn ein Azubi ein Problem hat. „Wir versuchen das immer so schnell wie möglich auf dem kurzen Dienstweg aus dem Weg zu räumen. Da ziehen wir alle am gleichen Strang.“ Mit Erfolg. Steffi Möst wird in höchsten Tönen gelobt. Magdalena erklärt: „Die Steffi ist eine ganz Coole! Zu Steffi kann ich mit allen Fragen oder auch mit Problemen gehen. Sie hilft immer weiter und setzt sich für uns ein.“ In der Regel, berichtet Sebastian Lotz, würden alle Auszubildenden auch übernommen. Im Anschluss an die Ausbildung ist die Weiterbildung zum Fachwirt/Betriebswirt möglich, genauso wie der Ausbilderschein.

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„Die Steffi ist eine ganz Coole!“ Ob bei den kleinen und größeren Problemen oder bei Fragen und Mini-Schulungen, Ausbilderin Stefanie Möst (links) steht den Azubis immer zur Seite.
© Sprengers Sportland

„Unsere Erwartung an einen Azubi ist zunächst einmal“, schildert Sebastian Lotz die Einstellungskriterien, „dass er im Gespräch eine gewisse Offenheit zeigt, Blickkontakt hält, nicht wegschaut. Wir suchen unsere Auszubildenden danach aus, ob sie Spaß daran haben, mit Menschen in Kontakt zu treten und ihnen das Gefühl geben können, gut aufgehoben zu sein. Dazu gehören grundlegende Eigenschaften wie eben Offenheit und Freundlichkeit – heute leider nicht mehr immer selbstverständlich.“

Für das Leben lernen

Magdalena ist mittlerweile seit elf Monaten dabei und erinnert sich: „Am ersten Tag der Ausbildung war ich sehr aufgeregt. Aber ich wurde super herzlich aufgenommen vom ganzen Team.“ Morgens ist sie in der Regel eine der ersten im Geschäft. Sobald um 9 Uhr der Laden öffnet, werden die Warenträger rausgestellt, wird die Kasse angemacht, das Geschäft wenn nötig nochmals sauber gemacht. Am Vormittag nimmt Magdalena Ware an, füllt Regale auf und bearbeitet Reklamationen. Die Mittagspause verbringt sie im Aufenthaltsraum oder manchmal auch im V-Markt. Dort gibt es eine Liege im Schatten, die sie an schönen Tagen zum Entspannen nutzt. Am Nachmittag wird verkauft. Der Kundenkontakt ist ihr neben der Reklamationsbearbeitung das Liebste. Seit Neuestem darf sie auch schon die Kasse machen. Einige Minuten vor Geschäftsschluss werden die Warenträger wieder reingeräumt. Um 18:30 Uhr hat Magdalena Feierabend. Leider fährt abends kein Bus zurück nach Hohenfurch. Wenn sie nicht von ihrer Mutter abgeholt wird, fährt sie mittlerweile mit dem Fahrrad nach Hause.

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Am Vormittag nimmt Magdalena in der Regeln Ware an, füllt Regale auf und bearbeitet Reklamationen.
© Maximilian Prechtel

„Abends nach Geschäftsschluss bin ich schon ausgelaugt“ schildert Magdalena. „Da hat man dann nicht immer Lust, sich noch mit Freunden zu treffen, die dann schon um vier oder um fünf Feierabend haben.“ Das nimmt sie jedoch gerne in Kauf. Denn der Handel vermittle ihr viele Dinge, „die man meiner Meinung nach zum Leben braucht. Gerade der Umgang mit den Kunden, wie man vielleicht auch Konflikte lösen kann, das finde ich wichtig.“ Auch die vielzitierte Samstagsarbeit ist für die Hohenfurcherin kein Hindernis: „Samstags zu arbeiten finde ich gar nicht so schlimm. Erst einmal hat man dann ja einen Ausgleichstag unter der Woche. Und Samstag arbeiten wir ja auch gar nicht so lange, entweder von 09:00 Uhr bis 14:00 Uhr oder von 10:00 Uhr bis 16:00 Uhr. Da kann man auch danach noch was mit Freunden machen.“

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Am Nachmittag wird verkauft. Ein Lieblingssortiment hat Magdalena dabei nicht. Man müsse sich mit allen Produkten auskennen, die man verkauft, erklärt sie.
© Maximilian Prechtel

„Sehr froh, hier angefangen zu haben“

Ein Lieblingssortiment hat Magdalena nicht. „Man sollte sich mit allem auskennen“, sagt sie mit Bestimmtheit. Und darauf legen Ausbilderin Steffi Möst und Sebastian Lotz auch Wert. In der Berufsschule, die Magdalena montags ganztags und donnerstags halbtags in Schongau besucht, stehen neben Sozialkunde, Englisch und Religion die Grundzüge der Warenwirtschaft, der Kundenkontakt, das Verkaufsgespräch und Marketing im Mittelpunkt. „Die Sportbranche ist sehr speziell“, berichtet Sebastian Lotz. „Die Berufsschulen können gar nicht alle Themen bearbeiten, die auch für den Sportfachhandel wichtig wären. Die Schulen konzentrieren sich auf die übergeordneten Bereiche wie Kalkulation oder Marketing. Die wichtigen sport-spezifischen Informationen, die unsere Azubis benötigen, müssen wir unseren Azubis selbst vermitteln.“

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Der Kundenkontakt ist ihr neben der Reklamationsbearbeitung das Liebste. Gerade der Umgang mit den Kunden, wie man vielleicht auch Konflikte lösen könne, gehört für Magdalena zu den Vorteilen der Ausbildung.
© Maximilian Prechtel

Die Auszubildenden in Sprengers Sportland sind dabei zunächst einmal selbstverständlich bei den Produktschulungen der Lieferanten dabei. Der wichtigere Baustein dürften allerdings die Schulungen des Teams untereinander sein. Sebastian Lotz erklärt: „Materialkunde machen wir auch schon mal nach Geschäftsschluss. Dann wird Pizza bestellt und im lockeren Rahmen Lehrinhalte vermittelt. Und wenn es im Geschäft gerade ruhig ist, gibt es immer wieder unsere ­Mini-Schulungen. Der Mitarbeiter, der sich besonders gut beispielsweise mit Regenjacken auskennt, erklärt dann den anderen, welche Besonderheiten es beim Thema zu beachten gibt.“ Zuletzt wurden Stirnlampen ausführlich erklärt. „Die Schulungen sind super“, erklärt Magdalena mit Überzeugung. „Es ist wichtig, sich mit den Artikeln auszukennen. Es wäre ja schlimm, wenn man die Fragen der Kunden nicht beantworten könnte.“ Steffi Möst und Sebastian Lotz schauen zudem regelmäßig die Berichtshefte durch, stellen Fragen. Nach Prüfungen, werden bestimmte Fragestellungen nochmals gemeinsam durchgearbeitet.

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Seit Neuestem darf Magdalena auch schon kassieren.
© Maximilian Prechtel

Magdalena hat sichtlich Spaß an ihrer Ausbildung. Sie und Sprengers Sportland widerlegen die These, nach der der Sportfachhandel kein attraktiver Arbeitgeber ist. Trotz aller Schwierigkeiten punktet der Sportfachhandel mit einer ungeheuren Emotionalität. Magdalena, die noch vor einem Jahr gezweifelt hatte, sportlich genug zu sein, sagt nun von sich: „Seit ich die Ausbildung angefangen habe, habe ich ein viel größeres Interesse am Sport entwickelt. Ich mag mittlerweile Ski-Touren sehr gerne, gehe aber auch viel häufiger Rad- oder Inliner fahren. Wenn man eine Ausbildung macht, sollte man sich für das Thema auch interessieren!“ Sebastian Lotz und sein Team zeigen, dass man junge Menschen mit Enthusiasmus, mit stetiger Hilfestellung und einem funktionierenden Team begeistern kann. „Das Schöne an unserem kleinen Team ist, dass sich alle super gut verstehen. Wir sind schon fast Freunde“, erklärt Magdalena. Sie sei sehr froh, bei Sprengers Sportwelt angefangen zu haben. „Pläne für die Zukunft habe ich noch nicht. Erst einmal will ich die Ausbildung mit voller Kraft durchziehen. Dann bin ich 18, vielleicht mache ich dann ein Auslandsjahr. Und hier weiterzuarbeiten kann ich mir auch sehr gut vorstellen.“

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Für einen Ausbildungsbetrieb, wie es Sprengers Sportland ist, und für Ausbilder wie Steffi Möst, Sebastian Lotz und das gesamt Team kann es wohl kein Schöneres Kompliment geben.

Marcel Rotzoll

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Autor: Marcel Rotzoll

Stellv. Chefredakteur sportFACHHANDEL

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 10 / 2019