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Made in Europe – Rossignol: "Wer am besten liefern kann, wird als Gewinner dastehen."

  • Ralf Kerkeling
  • Montag | 29. November 2021  |  11:57 Uhr
Rossignol ist ein starker Player auf dem globalen Skimarkt. Dennoch ist auch die französische Topmarke nicht gefeit gegen Auswirkungen der Pandemie. Warum sich unabhängig davon ein Produktionsstandort Europa lohnt und Ski-Alpin wieder aufschwingen wird, haben wir im Gespräch mit Ski-Alpin wieder aufschwingen wird, haben wir im Gespräch mit Countrymanager Hilmar Bolle erfahren.
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Rossignol Countrymanager Hilmar Bolle.
© Rossignol

Eine neue Saison steht bevor. Nach nunmehr einem Winter Totalausfall, wie geht Rossignol den Restart an und wo liegen die Herausforderungen? Wie kommen Sie nach dem gefühlten Ende der Pandemie in die Saison?

Wir befinden uns aktuell in einer spannenden Phase. Es ist derzeit extrem herausfordernd. Ich sehe hier vor allem zwei Hauptaufgaben, die wir lösen müssen. Zum einen gilt es, nach der Kurzarbeit und der Homeofficephase zurück in einen Arbeitsrhythmus zu kommen. Außerdem geht es um die Thematik Warenengpässe. Unsere Lieferanten hängen hinterher und durch die Pandemie haben wir Transportschwierigkeiten.

Wobei wir ehrlicherweise Glück im Unglück haben: immerhin können wir derzeit vieles liefern. Aber auch wir sind vorsichtig in puncto Warenversorgung, denn die Forecasts waren niedriger. Ich bin davon überzeugt, dass die Marken, die am besten liefern können, als Gewinner aus der Pandemie hervorgehen. Ein Schlüssel dafür liegt für uns im Langlaufbereich. Diese Sparte hat bei uns eine große Menge des Gesamtumsatzes aufgefangen.

Nun ist das Ziel, die Kategorie des alpinen Skisports wieder dorthin zu bekommen, wo sie umsatztechnisch vor der Pandemie lag. Eine weitere Herausforderung besteht darin, den Handel so mit Informationen zu versorgen, wie diese benötigt werden. Welche Ware bekommt ein Händler wann? Genaue Informationen sind entscheidend für die Planbarkeit der Händler. Zudem müssen wir schauen, dass der Sport wieder in den Vordergrund rückt.Während der Pandemie sind die Herausforderungen an uns, wie die Nachwuchsförderung und das bessere Einbinden des Skisports in die Natur in den Hintergrund gerückt. Dies alles rückt nun wieder vermehrt in den Fokus.

Glauben Sie, dass Alpin-Ski in alte Umsatzbereiche zurückkehren wird?

Ganz klar, ja! Hier reicht der Blick nach Nordamerika. In den USA und Kanada lief die zurückliegende Saison äußerst erfolgreich und für Rossignol extrem positiv. Auch der gesamten Rossignol-Gruppe hat dies für das Geschäftsergebnis gutgetan. Die Menschen haben ein großes Nachholbedürfnis im Bereich des alpinen Skifahrens.

Langfristig gesehen wird der Verleihski im Einstiegsbereich eine noch größere Rolle spielen. Performance wird weiterhin beliebt sein bei denen, die Skifahren sportiv betreiben. Da lässt sich eine Parallele zum hochwertigen Bike-Bereich feststellen. Die Leute sind bereit, mehr Geld für Qualität auszugeben und möchten zudem ein ansprechendes Produkt haben.

Wie schätzen Sie die Entwicklung von Langlauf und Skitouring ein? Was bleibt vom Pandemie-Boom in der kommenden Saison übrig?

Hier müssen wir klar differenzieren zwischen Touring und Langlauf. Im Langlauf gab es im letzten Winter massive Lieferprobleme in der Branche. Verschärft wurde das Ganze, als das Fischer-Werk in der Ukraine nicht mehr zur Verfügung stand.Die Liefersituation im Langlauf ist schwierig, da einige Industriepartner Teile der Fischer-Produktion übernommen haben und dadurch Lieferverzug besteht.

Der Langlauf hat aus meiner Sicht die besseren Chancen, da es hier eine größere Altersspreizung gibt. Langlauf kann sehr sportlich, aber auch genüsslicher betrieben werden. Wir können in allen Altersklassen positive Entwicklungen feststellen. Langlauf hat ein Riesenpotenzial, beim Skitouring kann es sein, dass der Peak im letzten Winter erreicht wurde. Viele der Skitourer werden bei laufenden Liftanlagen wieder auf die Piste zurückkehren.

Aktuell ist das Thema Warenengpässe ein vorherrschendes. Wie werden Lieferprobleme bei Rossignol angegangen und gelöst?

Unser Vorteil ist, dass wir überwiegend in Europa produzieren. Lediglich Snowboards lassen wir noch in Fernost herstellen. Aber natürlich sind auch wir nicht gänzlich zulieferungsfrei was Kleinteile aus Asien betrifft. Wir haben jedoch rechtzeitig versucht, Prozesse in der Logistik zu optimieren, um Lieferengpässe zu minimieren. Dennoch bleibt es ein Blick in die Glaskugel. Langfristig lässt sich schon seit Längerem nicht planen. Zeitweise haben wir monatlich neue

Planungen erstellen müssen, um kurzfristiger reagieren zu können. So wurde Alpin-Hartware im letzten Jahr immer weniger angefragt, Langlauf musste hingegen extrem aufgestockt werden. Letztlich sind wir vorsichtig mit der Situation umgegangen und können bis heute alle Händler bedienen. Ziel ist es, dass der Kunde bei uns im Boot sitzt. Eine weiterer Punkt, der uns beschäftigt, betrifft die Verbände.Wie werden Firmenverbände wie Sport 2000 und Intersport auf die anhaltende Krise reagieren? Aus meiner Sicht stellt die Zukunft die Industrie und die Verbände vor Herausforderungen, die wir nur gemeinsam lösen können!

Was meinen Sie damit genau?

Veränderungen in den Verbänden, Verträge der Intersport Mitglieder, neue Ansprechpartner bei Intersport und Sport 2000, Sortimentsgestaltungen usw. machen uns das Leben nicht leichter. Es wird abzuwarten sein, wie der Handel zukünftig die Hartware in ihren Geschäften führt. Kann er es noch führen, will er es noch?

Lassen Sie uns einen Blick zurückwerfen in die Vergangenheit und das Gründungsjahr von Rossignol 1907. Wie sehr fühlt sich Rossignol dieser Tradition verpflichtet?

Für uns hat das Gründungsjahr einen besonderen Stellenwert. Es spiegelt sich in vielen Produkten wieder. Rossignol hat in Frankreich einen enormen Stellenwert und Bekanntheitsgrad.In den französisch sprechenden Ländern ist Rossignol eine sehr etablierte und starke Brand, die sich mit Peugeot oder Air France vergleichen lässt.„Made in Europe“ ist mehr als eine Bekenntnis zu Europa und die Basis für den Erfolg weltweit.

Rossignol hat vor ein paar Jahren die Ski-Produktion von Asien nach Europa zurückverlagert. Welche Chancen und Herausforderungen liegen in einer solchen Rückverlagerung?

Die Problematik einer Produktion in Europa sind im Prinzip die Preise und der Kampf um Margen. Es gibt in Europa bestimmte Gesetzmäßigkeiten, die auch der Handel benötigt. Es würde uns leichter fallen, wenn wir das eine oder andere Produkt in Asien produzieren lassen würden.

Aber wir investieren in unsere Standorte in Europa. So haben wir zuletzt den gesamten Maschinenpark modernisiert.Die beiden Hauptproduktionsstandorte für Ski und Bindungen befinden sich in Spanien und Frankreich. Skischuhe (u.a. Lange, die Red.) stellen wir in Montebelluna (Italien),Rumänien und Moldawien her.

In unserem Hauptsitz in Saint-Jean-de-Moirans werden sämtliche Rennski von Rossignol hergestellt. Es ist sicherlich eine Ausnahme, dass an einem Firmenhauptsitz auch noch produziert wird. Vor Ort gibt es eine enge Verzahnung sämtlicher Produktionsbereiche, von der Entwicklung bis hin zum Marketing und Sales. An der Entwicklung sind auch unsere Athleten maßgeblich beteiligt und es findet ein intensiver Austausch statt. Viele unserer Langlaufski produzieren wir in unserem Werk in Artes, Spanien. In unserem Werk in Sallanches, am Fuße des Mont Blanc, sollen auf lange Sicht nur noch Dynastar Ski produziert werden.

Wenn die Mitarbeiter in der Pause draußen sitzen, schauen sie auf den Mont Blanc. Der Bezug zu den Bergen ist Teil unseres Spirits, den wir leben und verkörpern wollen. Ein Werk in Sallanches am Fuße des Mont Blancs zu besitzen, ist ein klares Statement.

Bei allen Produktionsstandorten ist der entscheidende Faktor, wie bekommen wir unsere Produkte möglichst schnell und effizient in unser europäisches Zentrallager. Kostenmäßig können wir bei günstigeren Skiern für den Verleih durch die Cap-Bauweise der asiatischen Konkurrenz etwas entgegenstellen.

Ein Produkt von Rossignol ist also,bis auf die angesprochen Zulieferteile, immer 100 Prozent „Made in Europe“?

Richtig. Gedanklich gehen wir jedoch noch weiter. Durch die Pandemie machen wir uns Gedanken, wie wir zukünftig auch die Zulieferteile aus Europa bekommen können. Dies hätte vermutlich zur Folge, dass die Produkte teurer werden. Allerdings wird dies unabhängig davon eine Auswirkung der Pandemie sein. Die Preise werden sicherlich in den kommenden Jahren ansteigen.

Es wird viel über Industrie 4.0, Automatisierung und letztlich Digitalisierung gesprochen. In der Skiherstellung ist jedoch immer noch viel Handarbeit gefragt. Wie sieht die Entwicklung bei Rossignol aus?

Ich muss da an meine Wurzeln denken. Als Bootsbauer habe ich Schiffe am Starnberger See gebaut. Und wenn ich jetzt durch die Produktionshallen gehe, dann fällt mir als Erstes die Schreinerei auf. Ein Holzkern für Skier muss gefräst und geschnitten werden, das ist tradtionelles Handwerk. Aber auch neuere Berufsfelder wie Kunststoffbauer und Designer für die Produktentwicklung sind am Produktionsprozess beteiligt.

Wir haben sehr viel Gefühl für das Produkt. Ein Ski muss während der einzelnen Produktionsschritte mehrfach in die Hand genommen werden und somit ist letztlich viel Handarbeit nötig. Für die Qualitätskontrolle ist der Mensch immer noch ein wichtiger Faktor.

Unabhängig von der aktuellen Lage – ist es schwierig, Fachpersonal zu finden?

In Regionen wie Sallanches finden wir immer Leute. Auch Spezialisten. Wir versuchen ebenso, fachfremde Leute mit einer hohen Affinität zu Skisport und Marke zu integrieren. In der Zeit vor der Pandemie haben wir regelmäßig Personal gesucht, das stete Wachstum machte es möglich. Aktuell gibt es eine kleine „Delle“ und wir müssen abwarten, was die Zukunft bringen wird.

Im letzten Jahr wurde von Rossignol ein recyclingfähiger Freeride-Ski vorgestellt. Wie sehen aktuelle Weiterentwicklungen zu der Thematik aus und was sind die Ziele?

Das Thema Umwelt und der Umweltschutz ist im vergangenen Jahr zu kurz gekommen. Fragen, die beim Umweltschutz gestellt werden müssen, lauten zum Beispiel: Wie kann man seinen eigenen ökologischen Fußabdruck auf dem Weg zur Piste minimieren, wie viele neue Skigebiete und Liftanlagen brauchen wir überhaupt noch und wie viel Kunstschnee kann man sich in dem Zusammenhang leisten?

Wir, die Groupe Rossignol, treiben das Thema Nachhaltigkeit weiter voran und haben als klares Ziel unser „Respect“ Programm, welches wir vorletztes Jahr bei der ISPO vorgestellt haben, weiter auszubauen.Das sind wir der Sportart und der Natur schuldig. Schließlich bewegen wir uns draußen und dies sollte im Einklang mit der Natur geschehen. Wir werden immer Metalle und Kunststoffe verarbeiten müssen, aber es können auch neue Wege eingeschlagen werden.

Verändert haben wir bereits viel im Bereich Ressourcenschonung. In unserem Hauptsitz wird sämtliche Energie über Solarzellen hergestellt. Die Möglichkeiten bei recycelbarem Material für Skier, also Kunststoff und Stahl, wollen wir weiter vorantreiben. Wir werden in den kommenden Jahren noch viel mehr in recycelbare Ski und Produkte investieren, damit die Anteile an recyclingfähigen Produkten steigen.

Das Ziel ist der 100 Prozent recycelte Ski. Wann dies möglich sein wird, das kann ich momentan nicht beantworten. Bei allem Willen, dieses Vorhaben umzusetzen, darf am Ende die Performance nicht leiden. Der Endkunde hat einen Performance-Anspruch, den er erfüllt haben möchte. Es ist für uns ein spannender Weg, den wir gehen wollen, aber auch gehen müssen.

Interview: Ralf Kerkeling

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Autor: Ralf Kerkeling

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