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Kritik an Scholz – Handel fühlt sich von Politik im Stich gelassen

  • Ralf Kerkeling
  • Dienstag | 05. Januar 2021  |  17:12 Uhr
Eine aktuelle Trendumfrage des Handelsverbands Deutschland (HDE) unter mehr als 700 Händlern zeigt, dass sich knapp zwei Drittel der Innenstadthändler in Existenzgefahr sehen. Drei Viertel der Händler geben an, dass die staatlichen Hilfen nicht ausreichen, um eine Insolvenz abzuwenden. Es drohen harte Zeiten, auch für Sportfachhandel.
Genth, HDE
HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth fordert verbesserte Maßnahmen und Unterstützung für den Einzelhandel.
© Hoffotografen, HDE

Nach der Verlängerung des Lockdowns bis zum 31. Januar drohen dem Einzelhandel harte Zeiten. Der HDE drängt dabei in einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel auf eine Perspektive für den Handel und die Anpassung der staatlichen Unterstützung, damit der vom Lockdown betroffene Einzelhandel spürbare und schnelle Hilfe bekommt.

„Für viele Händler ist es schon kurz nach zwölf. Allein in der vergangenen Woche verlor der vom Lockdown betroffene Einzelhandel rund fünf Milliarden Euro Umsatz. Im gesamten Jahr 2020 waren es rund 36 Milliarden Euro. Das können die Unternehmen nicht mehr ohne Hilfe kompensieren. Wenn die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten gemeinsam mit der Kanzlerin eine weitere Schließung unserer Geschäfte beschließen, müssen sie auch für die notwendige Unterstützung sorgen“, so HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth.

Mit Blick auf die schlechte Lage bei vielen Non-Food-Händlern machte der HDE die Forderungen der Branche noch einmal in einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel deutlich. Demnach fühlt sich der Handel in der Krise alleingelassen. Es müsse vorrangiges Ziel sein, die Geschäfte wieder zu öffnen und sie dann auch geöffnet zu halten. Der Handel könne sich nicht von einem Lockdown zum nächsten entlanghangeln. Zudem macht Genth deutlich, dass bei der staatlichen Unterstützung dringend nachjustiert werden muss: „Ein Skandal ist die mangelnde Unterstützung unserer Unternehmen. Bundesfinanzminister Olaf Scholz kündigt zwar immer Milliardenhilfen an, tatsächlich kommen die Hilfen aber nicht zur Auszahlung, weil die Zugangshürden viel zu kompliziert und zu hoch sind.“

In der Folge sieht der HDE den Einzelhandel vor einer Insolvenzwelle. Viele Handelsunternehmen, die von dem zweimaligen Lockdown betroffen sind, haben ihr Eigenkapital weitgehend aufgezehrt und benötigen deshalb jetzt wirtschaftliche Unterstützung. Andernfalls droht das Aus für bis zu 50.000 Geschäfte mit über 250.000 Mitarbeitern und damit auch eine Verödung der Innenstädte. Genth: „Wir fordern für die von den Schließungen betroffenen Unternehmen endlich gezielte sowie wirksame Wirtschaftshilfen und eine Perspektive.“

Auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hat sich Anfang der Woche für eine erneute Unterstützung der Wirtschaft ausgesprochen. Gegenüber diversen Medien äußerte er den Wunsch nach einer Überarbeitung der Corona-Wirtschaftshilfen im nächsten. "Wenn es im Januar noch Einschränkungen gibt, werden wir zu einem anderen System zurückkehren", sagte Altmaier. Dabei würden sich die Hilfen "sehr genau an konkreten Fixkosten" orientieren. "Das hilft den Betroffenen, das vermeidet jede Überforderung und ich glaube, das ist auch weitgehend akzeptiert." Die Hilfe für die vom Teil-Lockdown betroffenen Unternehmen könne "in der Form wie im November und Dezember nicht endlos weitergehen".

Wintersport-Einzelhandel verlangt Anpassungen

Auch die von den Lockdown-Maßnahmen besonders betroffenen Wintersport-Spezialisten fordern dringende Nachbesserungen. „Der stationäre Einzelhandel - der eine gewichtige Säule des Mittelstands in Deutschland darstellt - ist durch diese Krise massiv in seiner Existenz gefährdet. Ein Aussterben der bunten und vielseitigen Einzelhandelslandschaft in den Städten muss verhindert werden, um den Kunden lokale Alternativen zu Anbietern im Internet (z. B. Amazon) zu erhalten“, erklären Thorsten Böhl (SkiBo Tours & Sports GmbH, Bochum), Oliver Nieß (SOS Sport GmbH, Braunschweig) und Martin Rotter (Ski und Sport B. Rotter, Lippstadt) in einer gemeinsamen Stellungnahme. „Wir Wintersportspezialisten sind - wenn auch nicht immer in den Skiregionen verortet - touristische Wintersporthändler. Im Vergleich mit vielen anderen Einzelhandelszweigen hängt unser Geschäftsmodell zu einem überwiegenden Teil an der Touristik. Wir haben die gleichen Rahmenbedingungen wie die Unternehmen in den Skigebieten. Wenn unsere Kunden nicht reisen dürfen, besteht kein Bedarf, sich Produkte zu kaufen, die wir verkaufen“, heißt es weiter.

Die drei Sportfachhändler haben eine Initiative gegründet, um auf die Missstände aufmerksam zu machen. Gemeinsam mit weiteren Sportfachhändlern und den beiden Verbänden BSI und VDS möchten Sie ihr Anliegen diese Woche in Berlin präsentieren.

(Anm. der Redaktion: Das Anliegen werden wir mit dem sportFACHHANDEL begleiten und unterstützen den Aufruf. Weitere Infos hierzu folgen in den nächsten Tagen.)

Verbraucherstimmung gedrückt

Der erneute Lockdown und die hohen Corona-Infektionszahlen drücken auch bei den Verbrauchern auf die Stimmung. So zeigt das HDE-Konsumbarometer für die kommenden Monate eine Verschlechterung der Verbraucherstimmung an. Der Index fällt damit bereits den dritten Monat in Folge und liegt deutlich unter seinem Wert vom Beginn des Vorjahres.

Die Verbraucher wollen in den ersten Monaten nach dem Jahreswechsel mehr sparen, ihre Anschaffungsneigung geht weiter zurück. Der Negativ-Trend für den Konsum setzt sich damit fort. Hauptgrund ist der Lockdown, der den Konsum in Einzelhandel, sowie in Gastronomie und Kultur einschränkt oder vollständig verhindert. In der Folge sehen Verbraucher im Januar davon ab, größere Ausgaben zu planen.

Die Konsumzurückhaltung hängt aber auch mit pessimistischen Einkommenserwartungen zusammen. Trotz des bislang robusten Arbeitsmarktes haben Verbraucher im Januar mögliche negative Auswirkungen längerer Lockdown-Phasen im Blick. Zudem reagieren sie sensibel auf die zunehmende Vorsicht der Unternehmen bei Neueinstellungen.

Von leichtem Optimismus ist hingegen die Konjunkturerwartung der Verbraucher geprägt. Sie zeigen sich zuversichtlich, dass der Impfstart und die Aussicht auf ein Ende des Lockdowns die konjunkturelle Entwicklung Deutschlands fördern könnten.

Insgesamt gibt es zumindest für die kommenden Wochen keinen Anlass für eine Trendumkehr und einen Anstieg der Verbraucherstimmung. Die im HDE-Konsumbarometer abgebildete Negativ-Entwicklung wird angesichts weiterhin geltender Lockdown-Maßnahmen und der erst in Monaten zu erwartenden Impfeffekte voraussichtlich zunächst nicht abreißen.

Weitere Quelle (HDE)

Ralf Kerkeling

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Autor: Ralf Kerkeling

Chefredakteur