• sportFACHHANDEL – Das Insider-Magazin mit News · Fakten · Hintergründen

Kommentar: So wird Intersport zum Abstiegskandidaten!

  • Marcel Rotzoll
  • Freitag | 08. Mai 2020  |  12:59 Uhr
Wenn sich in der Krise zeigt, auf wen man bauen kann, dann gibt die Intersport gerade ein jämmerliches Bild ab.

Die Intersport war einst der FC Bayern des Sportfachhandels. Man rühmte sich nicht nur damit, der unumwundene Branchenprimus zu sein und lotste „die Besten“, sprich viele große Händler, nach Heilbronn. Man rühmte sich auch mit einem ungeheuer fetten „Festgeldkonto“, auf dem immer weit mehr als 100 Millionen Euro lagen. Und man konnte sich darauf verlassen, dass die Intersport-Familie eine mitunter verschworene Gemeinschaft war.

Würde man in diesem Bild bleiben, würde dieser FC Bayern des Sportfachhandels heute gegen den Abstieg spielen. Und dem verwunderten Betrachter offenbaren sich immer neue Ungeheuerlichkeiten, die an der Konkurrenzfähigkeit der Verbundgruppe zweifeln lassen: Der Onlineshop intersport.de verbrennt Geld. Viel Geld. Jedes Jahr aufs Neue. Das wird sich auch in den „nächsten zwei bis drei Geschäftsjahren“ nicht ändern. Erst dann soll, nach dem Willen des Vorstands, intersport.de auf ein Umsatzvolumen von über 100 Millionen Euro kommen und profitabel sein. Der verbundgruppeneigene Filialist Voswinkel hat Geld verbrannt. Jedes Jahr, immer wieder. Aus der einst stolzen Cash-Cow wurde, auch und vor allem durch Management-Entscheidungen aus Heilbronn, ein Sanierungsfall, den nur ein Schutzschirmverfahren im vergangenen Jahr vor dem endgültigen Untergang bewahrte. Und apropos Management: Was einst zwei Vorstandsmitglieder verantworteten, teilen sich heute vier Vorstände. Eines teilen sie aber sicher nicht: das Gehalt von zwei Vorständen. Dass sich der Aufsichtsrat eine üppige jährliche Aufwandsentschädigung gönnt, kommt hinzu.

Das alles konnte in der Vergangenheit finanziert werden, ohne dass die Genossen und Systempartner dies unmittelbar in der eigenen Schatulle spürten. Denn es war ja genügend Geld vorhanden. Und wenn nicht, wurde eben eine Beteiligung verkauft, wie zum Beispiel jene an der Intersport in Polen. Aber die Zeiten sind vorbei!

Mehr noch: Die Zeiten scheinen dramatisch zu sein. Im Internet berichteten wir bereits am 24. März, dass mitten in der Corona-Krise die Systempartner zur Kasse gebeten werden, um für die Verluste der Verbundgruppe einzustehen! Abgesehen davon, dass der Zeitpunkt gelinde gesagt miserabel gewählt ist, werden damit die Mitglieder der Intersport letztlich in eine Zweiklassengesellschaft eingeteilt. Denn die Genossen kommen im Gegensatz zu den Systempartnern ungeschoren davon.

Man muss sich das einmal vorstellen: Obwohl ihr Mitspracherecht äußerst eingeschränkt ist, werden die Systempartner für Management-Fehler zur Kasse gebeten. Diejenigen aber, die durch ihre Genossenschaftsanteile über Wohl und Wehe von Vorstand und Aufsichtsrat entscheiden und vom Vorstand neuerdings gerne als „Inhaber“ bezeichnet werden, bleiben unbehelligt. Viel war in den vergangenen Wochen von Solidarität die Rede. Davon, dass in der Krise doch bitte die ganze Branche zusammenstehen soll. Davon, dass Lieferanten den Handel unterstützen sollen. Davon, dass Konsumenten bitte solidarisch und lokal kaufen sollen. Von einer solchen Solidarität ist die Intersport aber weit entfernt. Denn wenn das schwächste Glied in der Kette dafür gerade zu stehen hat, was andere verbocken, dann hat das soviel mit Solidarität zu tun, wie eine Corona-Party in Zeiten der Pandemie.

Die Intersport, das muss man mittlerweile wohl oder übel so sagen, ist nicht länger der Branchenprimus. Die Branche orientiert sich nicht mehr an den Entscheidungen, die in Heilbronn getroffen werden. Das sprichwörtliche „Festgeldkonto“ taugt längst nicht mehr als Druck- und Lockmittel. Und für manchen Händler scheint es, dass andere Verbundgruppen vielleicht nicht besser agieren, aber immerhin cleverer. Ändert sich das nicht, spielt man unweigerlich gegen den Abstieg.

Marcel Rotzoll

Rotzoll

Autor: Marcel Rotzoll

Stellv. Chefredakteur sportFACHHANDEL

Weitere Artikel …