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Kommentar: „Mehr Anstand, bitte!“

  • Freitag | 26. Juli 2019  |  09:53 Uhr
Verliert die Outdoor-Branche die Menschlichkeit? In Zeiten, da der Alltag hektischer, Geschäfte zahlengetriebener und die Digitalisierung als Allheilmittel gesehen wird, läuft die Branche Gefahr, grundlegende Werte, wie zum Beispiel den Anstand, zu verlieren, beklagt Katja Mendel vom AlpenStrand in Landshut.
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Bei einem Vortrag galt es kürzlich, ein Thema zu finden, mit dem man einen ganzen Abend füllen könnte, das uns sehr bewegt. Ich musste nicht lange überlegen: Anstand.

Leider bewegt mich dieses Thema nicht im positiven Sinn. Denn jeden Tag begegnet uns, meist in der Geschäftswelt, eine „Anstandslosigkeit“ in allen Bereichen. In den vergangenen Wochen habe ich bei vielen Gesprächen erfahren, dass es nicht nur mir so geht. Dass viele das Gefühl der Leidenschaft für ihren Job überhaupt nicht mehr spüren und somit die Kreativität und die Beratungsfreude verloren geht.

Wie sich das im Alltag wiederspiegelt? Man wird von einem neuen Außendienst einfach „geduzt“ – man sei doch in der Sportbranche. Den kompletten Namen erfährt man nur noch über die Visitenkarte. Bei Aufträgen wird uns vorgeschrieben, wann wir ordern müssen und zu welchen Lieferterminen – und das Ganze auch noch mit Frachtkosten. Und wenn die Lieferung zu spät kommt, werden wir nicht einmal gefragt, ob wir die Ware noch haben möchten.

Der Gruß, den man dem Kunden entgegenbringt, wird oft nicht mehr erwidert – man ist ja nur ­Verkäufer. Aber auch manche Händlerkollegen bezeichnen ihren Vertreter vor dem Verkaufsleiter als „Hansel“ oder stören ohne zu fragen bei Orderterminen. Man hilft einem Kollegen mit Ware aus und muss hinterher um sein Geld betteln.

Jeder kennt Situationen, in denen uns Anstandslosigkeit begegnet ist. Sie tritt leider viel häufiger auf als der Anstand. Nein, es ist nicht so, dass man das Positive nicht mehr sieht. Doch das Negative gewinnt Überhand. Was macht das mit uns und wie schlägt es sich auf unsere Geschäftsbeziehungen nieder?

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Die Anstandslosigkeit verändert uns und unsere zwischenmenschlichen Beziehungen. Es werden zu viele Dinge und Handlungen als selbstverständlich angesehen. Schnell fallen Worte in der „Du“-Korrespondenz, die man zu einem Geschäftspartner bei der „Sie“-Distanz nie sagen würde. Ja, wir arbeiten alle in der Sportbranche, doch eine gewisse Professionalität sollte doch vorhanden sein.

Selbstverständlich geht es bei uns allen ums „Überleben“. Darum ging es auf eine gewisse Art und Weise schon immer. Doch man wusste, man trifft sich immer wieder in der Branche. Dieses ehemals positive Netzwerk hat uns auch allen geholfen, weiter nach vorne zu kommen. Aber heute ist es immer leichter, Entschuldigungen zu finden: Der andere hat mit den Online-Preisen angefangen. Oder: Alle anderen Lieferanten sind auch schon B2C unterwegs. Aber zeigen wir damit nicht, dass wir gewisse Kunden oder Vertriebspartner schon aufgegeben haben?

Entschuldigt wird das Ganze häufig auch mit der angeblichen technischen Unterstützung. Beratungs-Apps sollen dem Berater helfen sollen, über ein Produkt informiert zu sein. Prinzipiell ein guter Gedanke. Aber immer dann, wenn unsere Berater vor dem Kunden ein Handy benutzen, zeigen wir doch nur, dass der Fachhandel nicht mehr benötigt wird, oder? Ist es nicht auch „anstandslos“, dem Smartphone mehr Aufmerksamkeit zu schenken als dem Kunden? Und ist es nicht auch die Persönlichkeit eines Beraters, der Kunden positiv an eine Marke oder an ein Unternehmen denken lässt?

Sich nicht um einen Kunden zu kümmern, egal auf welcher Handelsseite, wird schnell mit zu viel Stress entschuldigt. Aber ist der Kunde nicht „die Geldquelle“ in unserem Handelsleben? Wir beschäftigen uns mit Excel-Listen, Social Media und Marketingkonzepten, um bei Menschen Interesse für unser Unternehmen/unsere Marke zu wecken. Doch ist es nicht wichtiger, den individuellen Bedarf des Kunden zu ermitteln? Und gibt es einen unkomplizierteren Weg als von Mensch zu Mensch zu handeln?

Der Fortschritt hat sein Pro und Contra. Und die schwerste Aufgabe für mich als Geschäftsführerin ist es nicht, unser Unternehmen „zeitgemäßer“ zu entwickeln. Vielmehr ist es meine Aufgabe, das Positive zu stärken, um meinem Team, meinem Vorgesetzen und vor allem meinen Kunden jeden Tag aufs Neue mit Leidenschaft, Höflichkeit und Anstand gegenüber treten zu können.

Ich möchte mit diesen Zeilen versuchen, den einen oder anderen anzustoßen, wieder mehr mit seinem Team oder Geschäftspartnern, aber vor allem mit unseren Kunden zu sprechen. Wir sollten den Mitmenschen wieder mit mehr Anstand begegnen.

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Katja Mendel ist Teil der Geschäftsführung des erfolgreichen Outdoor-Fachgeschäfts AlpenStrand in Landshut und verantwortet dort unter anderem den Einkauf.
© AlpenStrand

Katja Mendel

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 09 / 2019