• sportFACHHANDEL – Das Insider-Magazin mit News · Fakten · Hintergründen

Karstadt: Die Sehnsucht nach dem alten Glanz

  • Nicolas Kellner
  • Dienstag | 30. April 2019  |  12:01 Uhr
Karstadt holt sich Kaufhof. Damit ist der österreichische Immobilien-Jongleur René C. Benko am Ziel. Jetzt soll Sport helfen, den alten/neuen Dampfer wieder auf Kurs zu bringen. Kann das gelingen?
neuer_name
Ein möglicher Weg in die Zukunft: Auch Fitnesscenter sollen in die neuen Warenhäuser einziehen.
© npk

Mittlerweile war der Leidensdruck beider Traditions-Warenhäuser offenbar so groß, dass die Verhandlungspartner an der Spitze nur noch die Flucht nach vorne als Ausweg sahen. Für die beiden früheren Erzrivalen jedenfalls sollen jetzt goldene Zeiten anbrechen. Denn: Das Thema Warenhaus ist in der Tat nicht tot! Andere, wie etwa Woolworth, haben es vorgemacht, wie man nach schwerster Krise wieder aufsteht – und zwar durchaus erfolgreich. Und zwar mit zeitgemäßen, standort- und zielgruppengerechten Konzepten und Sortimenten. Das funktioniert. Echte Marktkenner haben das Waren-/Kaufhaus sowieso nie abgeschrieben. Dazu besteht auch kein Anlass.

Nun also gemeinsam: Mit 32.000 Beschäftigten, 243 Standorten in der Bundesrepublik, in Belgien und in den Niederlanden. Bei Kaufhof könnten bis zu 5.000 Stellen der noch knapp 20.000 Arbeitsplätze wegfallen. Die so verkaufte Fusion unter Gleichen ist jedoch keine: Die Mehrheit in dem neuen Warenhaus-Konstrukt hält Benkos Signa-Holding (50,01%), Kaufhof-Eigner Hudson´s Bay Company (HBC) nur 49,99%. Der frühere Aufsichtsratschef von Karstadt und unter Benko zum Geschäftsführer aufgestiegene Stephan Fanderl soll die gesamte Warenhausgruppe künftig leiten. Beide Konzernnamen bleiben vorerst eigenständig, doch wird an einigen Standorten schon sichtbar, wohin der Zug fährt: “Wir sind zusammen Deins“ – Galeria-Karstadt-Kaufhof lautet der neue Slogan samt zusammengefasstem Namenszug. Die Mitarbeiter beider Warenhauskonzerne erwarten jedenfalls, dass das Erbe und die Chancen jetzt nicht verspielt werden. Beide Konzerne blicken immerhin auf eine fast 140-jährige Geschichte zurück. Beide wurden aber auch in turbulenten Umbruchzeiten des Handels seit Anfang der 2000er Jahre von immer wieder wechselnden und mitunter undurchsichtigen Investoren und Firmenlenkern von Deuss über Middelhoff bis Berggruen und & Co. durchgeschüttelt. In den Wirren gingen nicht nur traditionsreiche Namen wie Hertie, Quelle und Horten oder besonders auch von Wertheim in Berlin unter, sondern litten auch altgediente und junge Mitarbeiter in beiden Konzernen, die nie wussten, wo es lang geht.

neuer_name
Eine blasse Sportabteilung bei Kaufhof am Berliner Alexanderplatz: Früher gab es hier eine rote Tartanbahn, die durch die gesamte Abteilung der Sport Arena führte.
© npk

Jetzt also alles neu? Das Thema Sport soll wieder ausgebaut werden, verkünden Benko und Fanderl überraschend. Davon sollen angeblich die Sparten Warenhäuser (174 zusamen von Kaufhof und Karstadt) sowie Sporthäuser (28 von Karstadt) profitieren. Zudem soll die erst anderthalbjährige Kooperation zwischen Intersport Deutschland und Karstadt Sports samt Zentralregulierung (ZR) zum kommenden 30. Juni wieder zurückgedreht werden. Man sei stark genug alleine, verlautet von der Karstadt-Sport-Spitze. Manche Intersport-Mitglieder sind nicht traurig darüber, andere Karstadt-Mitarbeiter insbesondere aus dem Sportsektor bedauern die Entscheidung. Die Hersteller aus der Branche dürften der Entwicklung mit gemischten Gefühlen entgegen sehen: Die Älteren und Erfahrenen in der Branche dürften sich noch daran erinnern, dass den Karstadt-Einkäufern und Sportdirektoren wie einst Jochen Schröder der rote Teppich ausgelegt wurde von den Lieferanten. Möglicherweise träumen die neuen jungen Karstadt-Kaufhof-Lenker von Ähnlichem.

Verkäufer sind frustriert

Die Sportverkäufer auf der Fläche, egal ob Karstadt oder Kaufhof, bleiben zunächst skeptisch. sportFACHHANDEL fragte nach, ob die vollmundigen Ankündigungen der Bosse Bestand haben werden: „Wir werden nicht informiert, über Konsequenzen des Zusammenschlusses und schon gar nicht über eine offenbar diskutierte Stärkung des Sportbereichs“, so Kaufhof-Angestellte in Berlin, die verständlicherweise anonym bleiben wollen. Andere sagen: „Wir werden nicht gefragt, erfahren alles nur aus der Presse.“ Seit 15 Jahren wisse keiner mehr, wo es hin geht. Und: „Je nach Eigentümer wurden unsere Sportabteilungen größer oder kleiner gemacht, immer wieder verändert“, ärgert sich eine langgediente Verkäuferin bei Kaufhof.

Dabei gab es gerade im Sportbereich immer schon eine besondere Loyalität zu den Häusern und Abteilungen – sowohl in den Sportabteilungen als auch in den spezifischen Konzepten, den jeweiligen Sporthäusern sowie Sportarenen von Karstadt und Kaufhof. „Wir haben früher einen direkten Draht zu den Herstellern gehabt“, meint ein erfahrener, altgedienter Verkäufer von Karstadt Sports, „und konnten selber nachbestellen, weil wir genau wussten, wie die Nachfrage zu welchem Zeitpunkt war, welche Sortimente liefen, wie bestimmte Produkte ankommen, wie der Kunde reagiert.“ Heute sind die Flächen verkleinert, zusammengeschoben oder einfach als Shop-in-shop verkauft. Natürlich sei der Quadratmeterumsatz immer noch mitentscheidend, es werde jedoch zentral entschieden, zentral eingekauft und verteilt, oft an der realen Situation vorbei, beschweren sich enttäuschte Verkäufer seit langem.

Kommt nun die Wende? Besinnt sich Galeria-Karstadt-Kaufhof alter Einkaufs- und Verkaufstugenden? Viele wünschen es sich. „Es kann nur besser werden“, erklärt ein Kaufhof-Mitarbeiter der alten Schule, „wir kennen die Kunden und die Trends.“

"Sportarena" vor dem Comeback?

Angeblich soll auch das Sportarena-Konzept von Kaufhof wiederaufleben. Das startete übrigens 1993 im neu eröffneten, stolzen Kaufhof-Ableger am Alexanderplatz in Berlin. „Das war perfekt“, erinnern sich Verkäufer genau, aber das komme nicht wieder. Das Konzept, das erlebnisorientierte Sortiment im ersten Stock, war stimmig, Ambiente, Licht und Stimmung inklusive einer Tartanbahn und später sogar mit den ersten interaktiven Infoterminals für die Kunden waren seinerzeit Vorreiter. Davon ist leider nichts übrig geblieben, alle späteren Sportarenen wurden von HBC in die Billig-Outletschiene Saks Off 5th umgewandelt. Die Übernahme von Kaufhof durch Benko ist jetzt nicht nur eine Bankrotterklärung für HBC, deren Pläne inklusive der „Saks-Off-5th“-Schiene kein Endverbraucher je verstanden hat, sondern auch eine Chance für den Sport. In die „Saks“-Läden könnten dem Vernehmen nach wieder Sporthäuser oder Sportarenen einziehen.

Viele Mitarbeiter von Karstadt und Kaufhof wünschen sich einen fundierten Neustart im Sport. Man sollte sie allerdings anhören und mitnehmen ...

Nicolas Kellner

Autor: Nicolas Kellner