• sportFACHHANDEL – Das Insider-Magazin mit News · Fakten · Hintergründen

Jetzt neu: Gedanken einer Sportfachhändlerin

  • Montag | 02. September 2019  |  12:17 Uhr
Gabi Müller* ist Sportfachhändlerin in einer thüringischen Kleinstadt. Exklusiv in sportFACHHANDEL schreibt sie – ausgestattet mit einer guten Portion Augenzwinkern – regelmäßig über ihre tagtäglichen Erlebnisse ...
neuer_name

„Stöcke!“ Ein älterer Herr stand vor mir und wartete gespannt auf eine Antwort.

Sein Gesicht war faltig und auf seinem Kopf „tummelten“ sich nur noch wenige graue Strähnen.
 „Bitte? Könnten sie diese Frage wiederholen?“, fragte ich höflich und lächelte den Herrn dabei an. Er jedoch verzog kein Mine und antwortete schroff: „Stöcke, ich suche Stöcke!“


„Ja nun, wir haben Stöcke! Wanderstöcke und Nordic-Walking-Stöcke! Welcher darf es denn sein?“

„Ein billiger“, schoss es aus ihm heraus.

Wie ein Knall flogen mir die Wörter um die Ohren. Ich seufzte hörbar und führte ihn quer durch das Geschäft. Schnellen Schrittes folgte er mir. Vor der Wand mit den Stöcken blieb ich ­abrupt stehen, schaute ihn an und fragte freundlich, welche Preiskategorie „billig“ denn wäre.


„Zeigen sie mir, was sie haben“, bekam ich zur Antwort.
 Sehr gut, dachte ich. So könnte ich ihn, mit guter Beratung, von Qualität überzeugen!

Ohne große Umschweife nahm ich einen Wanderstock und führte ihn vor.
 Erklärte die Schlaufen für das Handgelenk, demonstrierte die Größeneinstellung und ließ seine merkwürdigen Fragen über mich ergehen:

„Welche Farbe ist das?“, erkundigte er sich. „Rot“, sagte ich etwas verwirrt.
 „Nein, nein, das meine ich nicht! Ist es Rubinrot? Feuerrot? Kaminrot? Ziegelrot? Tomatenrot? Welches Rot ist es denn nun?“ Ich starrte ihn ungläubig an. Mein Blick wanderte zu dem Stock in meiner Hand. Rot, er ist rot, vielleicht kaminrot oder doch ziegelrot? Ach, was soll’s:


„Die Stöcke sind Flamingo-rot“, antwortete ich.

Als ihm die Dinge ersichtlich erschienen, wechselte ich zu den Nordic-Walking-Stöcken. Doch ich kam gar nicht erst zu einer Erklärung. Scheinbar besaß dieser Mann Adleraugen. Noch vor mir hatte er das Preisschild erspäht und winkte sofort ab. So viel würde er nie im Leben für einen dummen Stock zahlen, stellte er mit kratziger Stimme klar.
 Für einen kurzen Moment hielt ich den Atem an. „Ich bin ein Baum und wiege mich
 im Wind“, flüsterte ich gedanklich vor mich hin. Es half, mein Puls wurde fühlbar ruhiger. Ich holte tief Luft. „Was möchten Sie denn ausgeben?“, fragte ich so entgegenkommend es mir möglich war. „Das, was sie bei Aldi kosten“, polterte es aus ihm heraus ...

„Mmmmm ... lassen sie mich überlegen: Warum gehen sie nicht einfach zu Aldi? Damit wäre uns beiden geholfen.“ Er runzelte die Stirn. „Weil sie keine mehr haben! Und mein Weib will so einen verdammten Stock! Aber ihren Preis zahle ich nicht, da soll die Frau sehen wie sie an so ein Ding kommt.“

Griesgrämig bewegte er sich in Richtung Tür. Als er den Ausgang erreicht hatte, drehte er sich noch einmal zu mir.
 „Wie viele Schritte überleben denn diese Stöcke? Ich vermute dass sie nach ein paar Kilometern schon kaputt sind.“
 Es durchfuhr mich wie ein Blitz und die Worte purzelten ungewollt aus mir heraus: „Ich kann Ihnen zu hundert Prozent garantieren, dass diese Stöcke wesentlich älter werden als Sie!“

Der Mann verstummte und verließ das Geschäft.

Ein bisschen wehmütig schaute ich ihm nach – hätte ich doch zu gern gewusst, welche Farbe die Stöcke bei Aldi hatten!

*Name von der Redaktion geändert.

Weitere Artikel …

… mit den in diesem Artikel genannten Firmen und Personen liegen derzeit nicht vor.

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 12 / 2019