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Innenstadt-Verödung: Aufbegehren gegen den Dominoeffekt

  • Marcel Rotzoll
  • Freitag | 17. Mai 2019  |  09:49 Uhr
Städte und Händler ringen darum, die Attraktivität des eigenen Standortes zu erhalten und zu erhöhen. Denn mit jedem Geschäft, das schließt, verliert die Innenstadt einen Anziehungspunkt. Die Angst vor einer Verödung der Stadt- und Gemeindezentren geht um. Aber in das Thema kommt Bewegung.

Verbarrikadierte Geschäfte, Geisterstädte: Nicht oft, aber doch immer wieder machen Werbegemeinschaften in Mittelzentren und kleineren Gemeinden mit dieser besonders drastischen Aktion auf sich aufmerksam. Das Bild ist eingängig. Wer die Stadt besucht, hat das Gefühl, in einer verlassenen und verlorenen Geisterstadt zu flanieren. Tenor: Wer als Konsument die örtliche Vielfalt erhalten will, muss auch örtlich einkaufen. Das Bild ist so drastisch, dass oft auch die regionale und überregionale Presse darauf aufmerksam wird. Zuletzt beispielsweise die Süddeutsche Zeitung, die die niederbayerischen Gemeinde Perlesreut portraitierte. Zwar war die Aktion hier bereits im Jahr 2017 gelaufen und die örtlichen Geschäfte hatten ihre Schaufenster gleich für vier Tage mit Packpapier verhangen. Gesprochen wird darüber aber offenbar heute noch.

Dabei sind solche Aktionen nicht unumstritten. Trifft man mit der eigenen Aussage überhaupt den richtigen Adressaten? Macht man den wegbleibenden Kunden verantwortlich für die eigene Misere? Und zeigt man schließlich nicht durch eine solche Aktion auch einen Teil Resignation und Ratlosigkeit? Denn auch wenn der mediale Erfolg solcher Aktionen in der Regel groß ist, ist nie sicher, ob sie auch nachhaltig Wirkung zeigen. Und wenn ja, zeigen sie auch tatsächlich die beabsichtigte Wirkung?

Denn Innenstädte und Händler, die mangelnde Frequenz beklagen, sind längst nichts Neues mehr. Ganz im Gegenteil. Schon in den 90ern gab es Diskussionen über die Verödung von Innenstädten. Damals hatten zunächst insbesondere Lebensmitteldiscounter und Baumärkte die so bezeichnete Grüne Wiese vor den Toren der Stadt für sich ent­deckt. Bald folgten auch andere Handelsformate. Das Kalkül dabei: Außerhalb der Stadt sind nicht nur die Mieten teils vielfach günstiger, auch die Erreichbarkeit samt Parkmöglichkeiten konnte meist nicht nur mit der City mithalten, sondern war teils sogar noch besser. Eines der bekanntesten Beispiele ist Oberhausen. Durch den Einkaufstempel Neue Mitte war die Oberhausener Innenstadt marginalisiert worden. Ende der 90er, Anfang der 00er Jahre hatten auch viele Stadtoberen das Dilemma erkannt. Die Entwertung der Innenstadt sollte gestoppt werden. Die Innenstädte sollten ihre Attraktivität bewahren, sprich Einkaufsmöglichkeiten mit einem vielfältigen Branchenmix. Man reagierte, indem man die Ansiedelung auf der Grünen Wiese durch baurechtliche Vorschriften und generell eine striktere Ansiedelungspolitik unattraktiver machte. Heute sind Filialen, die einst für die Grüne Wiese standen teilweise längst wieder in die Innenstädte zurückgekehrt. Man denke nur an die City-Filialen von Décathlon.

Die Diskussion über die Grüne Wiese war noch nicht vorbei, da kamen mit den Factory Outlet Centern neue Wettbewerber für die Innenstadt hinzu. Aus dem Problem einzelner Städte und Gemeinden war ein regionales geworden. Städte untereinander streiten auch heute noch wegen des Abflusses von Kaufkraft. Zuletzt in den Schlagzeilen waren beispielsweise Wuppertal und Remscheid, die je ein eigenes Factory Outlet Center umsetzen wollten.

In die aktuelle Diskussion um die Verödung von Innenstädten gesellen sich aber weitere Faktoren. Ganz aktuell appelliert der Hauptgeschäftsführer des Handelsverband Deutschland (HDE) Stefan Genth in einem offenen Brief an Bundesinnenminister Horst Seehofer, dass viele Innenstädte in Deutschland „in höchster Not“ seien. Immer weniger Menschen fänden den Weg in die Stadt. „Leerstände bewirken jedoch“, so Genth an den Minister, „nicht nur eine Verschlechterung der Versorgungssituation in diesen Kommunen, sie haben Folgewirkungen für die Attraktivität der Innenstädte“. Er fordert Horst Seehofer auf, dass die Politik „diesem Erosions-Prozess nicht länger nur zuschauen“ dürfe und aktiv werden müsse.

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Als Nahversorger müsse man „der ehrliche und faire Partner im Sport sein“, erklärt Intersport Borgmann seinen Ansatz von „Best in Town“.
© Intersport Borgmann

Bereits 2018 hatten der Deutsche Städte- und Gemeindebund (DStGB) und der HDE vor den Folgen vielerorts steigender Leerstände und einer Verödung der Innenstädte gewarnt und eine „Allianz für Innenstädte“ gegründet. Man wies darauf hin, dass der Einzelhandel selbst in einem großen Umbruch stecke. Grund dafür wären die demografische Entwicklung und „besonders die voranschreitende Digitalisierung, die vielerorts Geschäftsmodelle in Frage stellt“. Auch städtebauliche Maßnahmen, die Erreichbarkeit der City und Mieten wurden damals angesprochen. Mit der Allianz, so DStGB-Hauptgeschäftsführer Dr. Gerd Landsberg, wolle man „den Niedergang unserer Innenstädte verhindern und diese als vitale Orte der Kommunikation erhalten. Lebendige Innenstädte und Ortskerne stehen für Lebensqualität vor Ort“. Gleichzeitig warnte der HDE drastisch davor, dass Nichts-tun dazu führe, dass „zehntausende Handelsstandorte wegfallen“.

Onlinehandel, Erreichbarkeit und horrende Mieten – Diese Faktoren sind bekannt. Hinzu kommt, dass sich Leerstände wie durch einen Dominoeffekt vervielfachen können. Bricht ein Frequenzbringer weg, trifft es oft das nächste Geschäft und dann das übernächste. Neue Geschäfte werden oft nicht mehr eröffnet. Die Leerstände sorgen dafür, dass die Innenstadt als noch unattraktiver wahrgenommen wird. Gerade Mittelzentren im Einzugsgebiet von Großstädten klagen zudem darüber, dass Kunden in die Nachbarstadt abwandern. Es entsteht ein Kreislauf, der nur schwer zu durchbrechen ist.

Martin Gößl vom Sporthaus Werne kennt das Problem, das „nicht erst seit gestern vorhanden, sondern vielmehr ein Prozess ist, der sich schleichend immer mehr zum Negativen entwickelt hat. Bereits vor zehn Jahren haben in Werne einzelne Flaggschiffe und Traditionsunternehmen dicht gemacht, wie z.B. Spielwarenläden, Haushaltwaren, Spezialgeschäfte für Heimtextilien und Wäsche, usw.“ Das Shopping­erlebnis in Werne sei so immer mehr verloren gegangen. Auch deswegen würden Kunden alternativ im Internet kaufen oder in die nächste Großstadt fahren. Aus eigener Erfahrung weiß er, dass „die Eigentümer vieler Immobilien zudem kaum bis gar nicht kompromissbereit“ seien, wenn es darum geht, mehrere Häuser oder Flächen zusammenzulegen, oder darum, „Toleranz und Engagement“ bei den Mieten zu zeigen.

Gerade die Mieten, klagen viele Händler, verschlingen mittlerweile vor allem in den 1a- und 1b-Lagen einen erheblichen Anteil der Betriebskosten. Geld, dass an anderer Stelle fehlt. Der Immobilien-Experte York Friedrich Stahlknecht, der Eigentümer und Einzelhändler berät, plädiert im Gespräch mit sportFACHHANDEL für ein kooperatives Miteinander von Mieter und Vermieter. Er rät, „die Diskussion auf einer kooperativen Ebene zu führen. Der Vermieter hat ein Interesse daran, eine möglichst hohe Miete über einen möglichst langen Zeitraum verlangen zu können (...) Der Einzelhändler hat hingegen ein Interesse daran, die Miete auch über diesen Zeitraum gut erwirtschaften zu können. Ich würde die Fragen stellen: Welches gemeinsame Ziel haben beide Parteien, um den Standort und die Immobilie langfristig attraktiv zu halten? Kann man sich beispielsweise sowohl als Vermieter als auch als Mieter zusätzlich in größerem Rahmen an Konzepten zur Steigerung der Attraktivität des Quartiers beteiligen?“ Das helfe letztlich allen Beteiligten.

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Gemeinsam zum Erfolg: Im Zusammenspiel der Gewerbetreibenden und der Stadt Werne entstehen zukunftsfähige Konzepte, von denen auch das Sporthaus Werne profitiert.
© Sporthaus Werne

Sowohl Martin Gößl als auch die Stadt Werne haben frühzeitig auf die örtlichen Probleme reagiert. Gößl berichtet: „2010 haben wir uns dazu entschlossen, von einem zweigeschossigen Ladenlokal in einen ebenerdigen, größeren Neubau zu ziehen. Wir haben die Fläche dadurch von 320 auf 470 Quadratmeter erweitert. Für uns war das zum richtigen Zeitpunkt ein echter Quantensprung. Und nur, um auf das Problem aufmerksam zu machen, das alte Ladenlokal ist bis heute noch nicht neu vermietet. Warum? Weil die Eigentümer weder Kosten für eine Renovierung ausgeben wollen, noch in punkto Miete Toleranz zeigen. Da steht ein Gebäude lieber fast zehn Jahre leer.“ Der Umzug sei der richtige Schritt für das Sporthaus gewesen: „Durch die neue Ladengestaltung und die ebenerdige Fläche haben wir am Ende neues Publikum angezogen, was wiederum eine positive Umsatzentwicklung mit sich gebracht hat. Leider mussten tatsächlich kleine Sportläden in der Umgebung schließen, was uns nicht nur zu einem klassischen Nahversorger macht – Kunden kommen auch von außerhalb, um sich mit Ware einzudecken. Und, ganz klar, wir sind auch online präsent, um diesen wichtigen Markt zu bedienen.“

Zudem habe sich die Werner Werbegemeinschaft, dessen Vorstandsmitglied Martin Gößl lange Zeit war, bereits vor acht Jahren dazu entschlossen „und uns nicht nur als reine Einzelhandelsgemeinschaft sondern als Gemeinschaft aller Gewerbetreibenden dafür stark gemacht, uns bei der Stadt Gehör zu verschaffen und das Problem am Schopf zu packen.“ So habe die Stadt Werne vor mehreren Jahren ein spezielles Programm ins Leben gerufen, mit Hilfe dessen man im Zwei-Jahres-Rhythmus sinnvolle Änderungen umsetzt. „So haben wir z.B. eine neue Fußgängerzone bekommen, die zum Flanieren einlädt. Bald eröffnet zusätzlich das neue Solebad. Mit der Neueröffnung lässt sich hoffentlich die Frequenz wieder erhöhen, das kommt uns Einzelhändlern am Ende auch zu Gute.“ Schließlich könne sich die Stadt in den vergangenen Jahren über einen Zuwachs der Bevölkerung freuen. „Viele Familien werden bei uns sesshaft, da die Stadt mit guten Schulen, vielen Kindergärten und attraktiven Wohnflächen punkten kann. Der Arbeitsweg nach Münster oder Dortmund ist zudem machbar.“

Im Zusammenspiel von Händlern und Stadt lässt sich also einiges erreichen. Ein anderes Beispiel für diese Anstrengung ist Solingen. Die Klingenstadt im Städtedreieck Düsseldorf – Köln – Wuppertal kämpft nach wie vor mit einem dramatischen Strukturwandel. Hier hatte man sich dazu entschlossen, die Gesamt-Einzelhandelsfläche der Innenstadt zu verkleinern, um diese an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Mittendrin bei den Entscheidungsprozessen ist immer auch Michael Borgmann von Intersport Borgmann in Solingen. „Ich verstehe es nach wie vor auch als Verpflichtung“, kommentierte er gegenüber sportFACHHANDEL, „sich für den Wirtschaftsstandort einzusetzen, an dem man tätig ist. Die Städte und Gemeinden benötigen aktive Händler, um die Zukunft zu gestalten.“ Und weiter: „Gerade weil wir hier in Solingen schwierige Rahmenbedingungen haben, müssen wir umso besser sein.“

Hier kommen sodann die Verbundgruppen ins Spiel. Das allgemeine Frequenzproblem des stationären Handels steht derzeit im Mittelpunkt der Überlegungen zu neuen Retail-Konzepten und Strategien. Intersport Borgmann beispielsweise tritt in Solingen mit dem Motto „Best in Town“ an. Als Nahversorger müsse man „der ehrliche und faire Partner im Sport sein. Es darf dann nicht um den schnellen Verkauf gehen, sondern um den ehrlichen und sinnvollen Verkauf.“ Jüngst hatte die Intersport das zunächst aus Österreich adaptierte Konzept „Best in Town“ weiterentwickelt zu „Best in Sports“. Man wolle sich zu einer Sport-Plattform wandeln, die dem Kunden die Möglichkeit bietet, mittels Partnern alle Angebote aus einer Hand zu erwerben. Im Hintergrund dieses Plattformgedankens steht die Überlegung, dass der heutige Sport-Kunde ganz verschiedene Bedürfnisse hat. Er suche neben dem Produkt auch nach Ausgleich, Gesunderhaltung, Entertainment, Events und einem möglichst einfachen Zugang dazu. Sprich: Es soll künftig egal sein, ob der Kunde in der Stadt oder im Netz nach einem Produkt oder einer Aktivität sucht. Er soll in beiden Fällen möglichst auf ein Intersport-Angebot treffen. Dadurch, so hofft man, könne sich der einzelne Händler besser positionieren und andere, neue Kundengruppen ansprechen. Um künftig erfolgreich Geschäfte zu machen und die Rendite zu steigern, reiche es nicht, auf den 50jährigen Kunden zu setzen, der im Schnitt 50 Euro im Laden lässt. Vielmehr müsse man sich stärker an der Zielgruppe der 30- bis 40jährigen ausrichten, die weiblicher sei und durchschnittlich 90 Euro ausgebe.

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Spezialisierte Sortimente, Modularer Ladenbau, Platz für die Community: So sieht das erste ABSOLUTE Run-Geschäft in der Bonner Innenstadt aus, das die Sport 2000 gemeinsam mit dem Laufladen Bonn verwirklicht hat.
© Sport 2000

Die Sport 2000 hat hingegen unter anderem das ABSOLUTE-Konzept entwickelt, für das soeben die ersten Piloten starten. Das Ziel des „ganzheitlichen, vertikal integrierten“ Konzepts ist, neue Kunden in die Geschäfte zu locken. Dabei sollen es gerade die althergebrachten Fachhandelstugenden wie Beratung und Service sein, die die Kunden überzeugen sollen. Der Aufbau von Communities und gemeinsame Aktivitäten sollen die Treue der Kunden steigern.

Für Martin Gößl ist klar, dass man in der schwierigen Situation am Ball bleiben muss: „Für uns als Sportartikel-Fachgeschäft bedeutet das Service, Service und nochmals Service bieten. Das Sortiment ständig den Kundenwünschen anpassen. Flexibles Reagieren auf Trends, das bringt oft auch mit sich, Sortimente aus dem Programm zu nehmen und um neue Produktgruppen zu erweitern oder auszutauschen. Wer heute im Einzelhandel Erfolg haben will, muss bereits sein, schnell auf Veränderungen zu reagieren. Wir sind mit unserem Geschäft ein klassischer Nahversorger mit Spezialistentum (Skihartware, eigene Skiwerkstatt, etc.). Stellt sich nur immer die Frage: Reicht die Fläche in Zukunft noch aus, um den Kundenwünschen weiter gerecht zu werden oder muss man sich doch mehr spezialisieren. Es bleibt spannend.“

Marcel Rotzoll

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Autor: Marcel Rotzoll

Stellv. Chefredakteur sportFACHHANDEL