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Händler-Portrait Sportshop Solingen: No Shoes!

  • Marcel Rotzoll
  • Dienstag | 01. September 2020  |  12:47 Uhr
Dagmar Saure vom Sportshop Solingen ist Laufspezialistin. Aber nicht irgendeine. Der Sportshop Solingen setzt vor allem auf das Messegeschäft auf Laufveranstaltungen – und verzichtet dabei auf den Messen wie auch im kleinen Geschäft in Solingen auf Schuhe. sportFACHHANDEL hat die Händlerin besucht.

„Wenn ich mich entscheiden müsste, welche Veranstaltung meine liebste ist, dann wäre das der Oberelbemarathon“. Seit 2014 war Dagmar Saure immer dabei in Dresden. Die Marathonis lockt die einzigartige Kulisse. Immerhin geht es nach dem Start in Königstein vorbei an den bizarren Felsformationen des Elbsandsteingebirges, durch das historische Stadtzentrum von Pirna über den Elberadweg in Richtung Dresden mit dem Blauen Wunder, den drei Schlössern Eckberg, Albrechtsberg und Lingnerschloss, der Frauenkirche und den vielen weiteren kulturhistorischen Sehenswürdigkeiten der Sachsenmetropole bis zum Zieleinlauf in das Heinz-Steyer-Stadion. Für Dagmar Saure sind aber andere Faktoren entscheidend. „Anfangs“, schildert sie, „habe ich mich noch geziert, weil die Startnummernausgabe und die Messe in einem Einkaufscenter platziert sind. Ich war überzeugt, das könne nicht funktionieren. Ich habe es dann trotzdem gemacht – und war letztendlich begeistert. Super nette Leute, tolle Veranstalter. Der Oberelbemarathon macht einfach jedes Mal Spaß!“

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Dagmar Saure wird auf den Laufmessen häufig von ihrem Ehemann unterstützt.
© Sportshop Solingen

Saure ist Inhaberin des Sportshop Solingen. Das Fachgeschäft ist zwar Mitglied der Laufprofis, der Spezialisten-Einheit der Sport 2000, hat aber mit den vielen Running-Experten, die sich in der Gruppe organisieren, nur wenig gemeinsam. Denn der Großteil des Umsatzes bei Laufsport-Händlern wird mit Schuhen erzielt. Dann folgen in wechselnder Reihenfolge Accessoires und Zubehör sowie Textilien. Das ist für viele Laufsport-Spezialisten ein ehernes Gesetz. Nicht so für Dagmar Saure. Die Solinger Händlerin ist eine der wohl bekanntesten Händler auf den vielen kleinen Messen rund um die Lauf- und Ausdauersportveranstaltungen in Deutschland. Und das ganz ohne Schuhe im Sortiment.

Keine Schuhe – wie soll das funktionieren?

Dagmar Saure hat ihre Gründe. „Wenn man sich bei den Läufen anschaut, welche Schuhe getragen werden, so sind das in der Regel Asics, Adidas, Brooks und dann Nischen-Marken. Nischenmarken lassen sich auf Messen schwer verkaufen. Und bei den großen Marken machen andere Händler Preise, bei denen ich nicht mitgehen will. Zumal bei den großen Marken in den vergangenen Jahren die Abnahmemengen einfach zu hoch geworden sind. Das wollte ich nicht mehr mitmachen. Denn Schuhe nehmen nicht nur sehr viel Platz ein, sie benötigen auch ein hohes Maß an Beratung. Das konnte und wollte ich auf Dauer auf den Messen so nicht mehr umsetzen!“ Hinzu käme ein zu schneller Preisverfall der Schuhe während der Saison. „Ich will“, ergänzt Dagmar Saure, „mit preisstabilen Marken zusammenarbeiten. Mit Marken, bei denen das Preis-Leistungsverhältnis stimmt. Und ich will Basics haben. Der Otto-Normal-Läufer sucht nach wie vor die lange schwarze Laufhose für den Winter und die passende Jacke und nicht ausgefeilte Designerstücke.“

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Haupteinnahme-Quelle: Das Messe-Geschäft ist zwar anspruchsvoll, für Dagmar Saure jedoch ist damit das Hobby zum Beruf geworden. Aufgrund der familiären Stimmung ist der Oberelbemarathon die Lieblingsveranstaltung der Solinger Händlerin.
© Sportshop Solingen

2011 machte sich Dagmar Saure selbständig. Während des Trainings für einen Ironman begegnete sie dem Repräsentanten einer Laufmarke, der sie kurzerhand zu einer Laufmesse mitnahm. Das gefiel ihr nach den Erfahrungen als Geschäftsführerin in ihrem alten Job so gut, dass fortan ihr Hobby zum Beruf wurde. Zunächst ohne Ladenlokal sah das Geschäftskonzept vor, bei Marathon-, Triathlon- und Bike-Veranstaltungen Sportartikel zu verkaufen. Als sich später die Möglichkeit bot, für drei Monate eine kleine Fläche in der Solinger Clemens-Galerie zu mieten, deren Hauptmieter heute Intersport Borgmann ist, schlug Saure zu. „Das hat sehr gut funktioniert“, erinnert sich die Solingerin. „Aber mir war die Miete zu teuer und geschäftlich war mir das Center zu unsicher. Durch einen Zufall wurde mein heutiges Geschäft frei. Mein Plan war dabei aber nicht, einen Laden aufzumachen, sondern ein Lager mit Verkauf.“ Seitdem ruht das Konzept des Sportshop Solingen auf drei Säulen: Verkauf auf Marathon- und Laufmessen, zuletzt pro Saison insgesamt über 25 Veranstaltungen, der Verkauf über Online-Marktplätze und einen eigenen Onlineshop sowie der Verkauf im Geschäft. „Das ist eine Kombination, von der wir bisher sehr gut gelebt haben.“

Preis-Leistung wichtiger als Marke

Dabei setzte Dagmar Saure von Anfang an auf Artikel mit gutem Preis-Leistungsverhältnis. „Ich habe mir die Frage gestellt, wie ich selbst kaufen würde. Will ich die Marke? Oder will ich einfach einen guten Artikel? Achte ich auf Werbung für Geschäfte oder Produkte? Ich wollte zeigen, dass auf den Messen, online oder hier im Geschäft jemand ist, bei dem man einfach gut einkaufen kann. Die meisten Händler verkaufen Marken. Ich aber wollte stets Produkte verkaufen. Und zwar Produkte mit einem guten Preis-Leistungsverhältnis, die ich vorher auch selbst getestet habe.“ Hinzu käme, dass sie auf den Laufveranstaltungen hauptsächlich Produkte anbietet, die kurzfristig von den Läufern benötigt würden. Also beispielsweise Accessoires wie Trinkgürtel und Flaschen, Bandanas, Startnummernbändern, Handschuhe, Mützen, Armlinge und Sporternährung.

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Preis-Leistungsverhältnis schlägt Marke: Dagmar Saure konzentriert sich bei den Laufmessen auf Produkte, die kurzfristig von den Läufern benötigt werden.
© Sportshop Solingen

Aber auch Sportbandagen führt Dagmar Saure. „Ich dürfte die erste gewesen sein, die Bauerfeind-Bandagen auf Laufveranstaltungen präsentiert hat“, berichtet Dagmar Saure stolz. „Es kommt auch bei den Messen nicht auf den Preis an. Für mich ist vielmehr das Preis-Leistungsverhältnis entscheidend. Zum Beispiel arbeite ich erfolgreich mit Bauerfeind zusammen. Bauerfeind ist eine alles andere als günstige Marke. Aber was die Produkte bieten, steht eben in einem hervorragenden Verhältnis zum Preis. Das honorieren die Läufer!“

Und dann kam Corona...

Das Geschäftsmodell des Sportshop Solingen steht und fällt mit den Laufveranstaltungen. „Was Corona heißt, wollte man ja zuerst nicht wahrhaben. Aber dann wurde die erste Messe abgesagt, dann die zweite und dritte. Und wir mussten uns mit dem Gedanken beschäftigen, dass es in diesem Jahr keine großen Laufveranstaltungen und damit auch keine Messen mehr geben wird.“ Dabei hatte Dagmar Saure alle Ware bereits im März geliefert bekommen, Mitte März war alles startklar für die erste Veranstaltung in Freiburg – dann der Shutdown. „Die meisten Lieferanten“, berichtet Dagmar Saure, „haben sich wirklich rührend gekümmert. Es wurden längere Valuten gewährt, es wurde Kommissionsware zurückgenommen, es wurde auf die Vororder im Herbst verzichtet. Nichtsdestotrotz muss aber Ware bezahlt werden.“ Und es stellte sich, wie bei so vielen Sportfachhändlern die Frage danach, wie es weitergeht, welche Fixkosten es gibt, wo es Hilfen gibt. Doch Dagmar Saure bleibt optimistisch: „Wir können es schaffen, wenn wir online ausbauen und gleichzeitig etwas kürzer treten. Auch wenn natürlich niemand weiß, was kommt und wir hoffen müssen, dass es im nächsten Jahr wieder Laufveranstaltungen mit Messen gibt, bin ich sehr zuversichtlich, dass wir es schaffen.“

Und dann wird wieder der Citröen Jumper mit Ware befüllt, das Verkaufszelt aufgebaut mit den Gittern und Ständen. Dann geht es wieder los nach Freiburg, nach Hamburg, nach Berlin, zum Nordsee-Man und zum Ostsee-Man und natürlich auch wieder nach Dresden zum Oberelbemarathon.

Marcel Rotzoll

Rotzoll

Autor: Marcel Rotzoll

Stellv. Chefredakteur sportFACHHANDEL