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Gedanken einer Sportfachhändlerin: Internet-Shopping

  • Freitag | 11. Oktober 2019  |  11:06 Uhr
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© ISTOCKPHOTO.COM/HIDEYUKISUZUKI
Mary-Ann Lindig ist Sportfachhändlerin in einer thüringischen Kleinstadt. Exklusiv in sportFACHHANDEL schreibt sie – ausgestattet mit einer guten Portion Augenzwinkern – über ihre tagtäglichen Erlebnisse ...

„Das können sie nicht tun!“


„Und ob ich das kann“, sagte ich mit fester Stimme. Zeitgleich starrte ich mit zusammen gekniffenen Augen meinem Gegenüber ins Gesicht. Ein Blick, der ihr raten sollte, sich besser nicht mit mir anzulegen. Doch diese Frau wollte einfach nicht hören …


„Noch einmal von vorn. Sie möchten die grünen Turnschuhe, richtig? Die Frau nickte stumm. „Sie möchten den gelben Jogginganzug?“ Wieder nickte sie. „Und sie möchten das blaue T-Shirt?“

„Ja, um Himmels willen, ja! Was soll denn diese dumme Fragerei“, wetterte sie. „Ich möchte nur sicher gehen, dass ich sie richtig verstanden habe, antwortete ich ruhig. „Und da wir das nun geklärt haben, gebe ich jetzt die Preise in die Kasse ein. Anschließend werden sie den errechneten Preis bezahlen und das Geschäft verlassen. Können wir uns darauf einigen?“

„NEIN!“
 Sie schleuderte mir die Antwort wie einen nassen Lappen ins Gesicht. „Wissen sie wer ich bin? Ich werde unter keinen Umständen den vollen Preis bezahlen. Wo muss man das heutzutage schon noch? Schauen sie sich um! Überall, in jedem Geschäft gibt es reduzierte Waren. Es gibt Rabattaktionen soweit das Auge reicht und sie wollen mir ernsthaft erzählen, ich soll den vollen Preis zahlen. Das ist doch ein Witz!“


Ich sah sie eindringlich an und spürte, dass ich mich nur schwer zügeln konnte. Mein professionelles Lächeln verrutschte ein wenig. Aber ich riss mich zusammen und antwortet höflich: „Nein, ein Scherz ist das ganz und gar nicht. Und um ehrlich zu sein, ich habe keine Ahnung, wer sie sind.“ Und sehen sie hier eine Rabattaktion? Ein Schild mit Aufschrift „REDUZIERT“. Nein? Dann muss das wohl daran liegen, dass diese Ware nicht reduziert ist.“

Ihr Gesicht hatte inzwischen die Farbe einer überreifen Tomate angenommen und ich konnte schwören, dass etwas Schaum in ihren Mundwinkeln aufblitzte. Scheinbar war diese Diskussion noch nicht zu Ende ausgetragen. Leider sollte ich Recht behalten …

„Wissen Sie,“ fing sie schon wieder an, „Sie haben Glück, dass ich überhaupt hier einkaufe! Im INTERNET würde mich das alles nur die Hälfte kosten und ich müsste nicht einmal den Fuß vor die Tür setzen.“


Das war’s! Ich setzte mein schönsten Lächeln auf, warf meine Haare in den Nacken und entgegnete ihr mit zuckersüßer Stimme: „Wissen Sie, ich glaube nicht, dass ich glücklich darüber bin, dass sie hier einkaufen. Liebend gern können sie ihre Kleidung im Internet bestellen. Sind wir doch ehrlich: Sie sind jetzt zwei Stunden in meinem Geschäft, haben alles Mögliche anprobiert und sich mit ach und krach für diese drei Teile entschieden, die sie nun auch noch reduziert haben möchten. Ich denke, dass sie dafür sonst sogar sehr viele Füße vor die Tür setzen müssten! Denn hätten sie diese ganzen Kleidungsstücke online bestellt, müssten diese auch zurück geschickt werden. Sie müssten alles auspacken, anprobieren und wieder ordnungsgemäß verpacken. Sie müssten viele Artikel beschriften und Aufkleber anbringen. Sie müssten oftmals zum Auto hin und zurück laufen, da diese ganzen Teile unmöglich in ein Paket passen würden. Vielleicht müssten sie sogar zwei Tage frei nehmen. Wenn ich recht darüber nachdenke, könnten es sogar drei sein. Nun gute Frau, ich denke Internet-Shopping ist in ihrem Fall die richtige Wahl!“

Die Röte wich aus ihrem Gesicht und färbte sich in ein Kalkweiß. Ihre Kinnlade klappte herunter und ihre Augen starrten mich durchdringend an. Doch das war mir egal. Ich lächelte sie weiterhin an, schürzte die Lippen und nickte mit den Kopf in ihre Richtung: „Wenn ich noch etwas anmerken darf, ihrer Figur würde die zusätzliche Bewegung nicht schaden.“

Das war’s. Sie machte auf dem Absatz kehrt und stürmte ohne ein weiteres Wort hinaus. Noch immer lächelnd schaute ich ihr nach, als schon der nächste Kunde das Geschäft betrat …

Weitere Beiträge von Mary-Ann Lindig:

Gedanken einer Sportfachhändlerin, Teil 1

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… mit den in diesem Artikel genannten Firmen und Personen liegen derzeit nicht vor.