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Gedanken einer Sportfachhändlerin: „Herr, lass es regnen!“

  • Freitag | 08. November 2019  |  13:21 Uhr
Mary-Ann Lindig ist Sportfachhändlerin in einer thüringischen Kleinstadt. Exklusiv in sportFACHHANDEL schreibt sie – ausgestattet mit einer guten Portion Augenzwinkern – über ihre tagtäglichen Erlebnisse ...
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© istockphoto.com/soberve

„Schnell, ich brauche ganz dringend eine Regenjacke, wir wollen spontan wandern gehen!“
Mit diesen Worten hetzte eine junge Frau in mein Geschäft. Im flotten Schritt lief sie an mir vorbei in Richtung Jacken. Okay...dachte ich mir. Das wird eine schnelle Sache! Also lief ich ihr im Eiltempo nach. Die Frau war nicht besonders hochgewachsen, was ein Kurzgröße erforderte. Mit gezielten Handgriffen nahm ich fünf verschiedene Modelle aus den Ständern heraus und hielt sie, eine nach der anderen, der Frau vor die Nase.

Selbstverständlich unterschieden die Jacken sich in Wassersäule, Atmungsaktivität – und natürlich auch im Preis. Von den Farben einmal ganz abgesehen. Mit geschultem Blick auf die Herstellermarke, ließ sie mich direkt eine Jacke zurück hängen. „Zu teuer“, warf sie mir zwei Worte vor die Füße. Kommunikation war scheinbar nicht ihre Stärke. Ja nun, vier sind ja noch übrig ...

Eine gelbe wanderte auch direkt zurück.

„Zu grell, da kommen ja die Mücken.“ Nächster Versuch. Doch auch diese Jacke wurde ausgemustert. „Kariert? Ist das Ihr Ernst“, fragte sie mich empört. „Ähm ja...eigentlich schon. In dieser Saison ist kariert ein absoluter Trend“, versuchte ich ihr zu erklären.
Doch kaum hatte ich es ausgesprochen, hob sie demonstrativ die Hand, rollte mit den Augen und drehte sich wieder den Jacken zu.
Nun waren es nur noch zwei. Bis jetzt hatte sie noch keine der Jacken anprobiert und wollte auch nichts von Wassersäulen hören, was meiner Meinung nach, ausschlaggebend für den Kauf einer Regenjacke wäre. Aber was weiß ich schon...


Ich unterdrückte ein Seufzen...

... und startete einen neuen Versuch. Diesmal klappte es und sie war zumindest bereit, in ein Modell hineinzuschlüpfen. Schnell brachte ich ihr die genannte Größe und sie zog sie hastig über. „Was ist das denn?“, rief sie so laut, dass weitere Kunden sich nach ihr umdrehten. „Das ist eine Regenjacke,“ entgegnete ich ihr sofort. „Ist damit etwas nicht in Ordnung?“
„Etwas? Sie ist ganz und gar nicht in Ordnung! Das ist ein Sack, keine Taille im Schnitt, der Stoff raschelt, sie reicht mir bis über den Po und diese Kapuze ist sowas von nervig“, schimpfte sie.


„Sie wollten eine Regenjacke, nicht wahr?

So schaut eine Regenjacke aus! Wir können die Kapuze abnehmen, aber dient sie dann noch als Regenjacke?“, entgegnete ich ihr zuvorkommend und lächelte sie unentwegt an. Ich erinnerte mich gedanklich stets daran, ruhig und gelassen zu bleiben. „Ich bin ein Baum und wiege mich im Wind“, flüsterte ich, nicht hörbar, meinen Lieblingsspruch vor mich hin.


Nun gut, eine Jacke haben wir noch. Ich atmete tief ein und hielt ihr die Jacke hin. Sie beäugte sie misstrauisch, nahm sie in die Hand, rieb am Stoff und stellte fest, dass ihr das Material zu dünn sei.
„Gute Frau, vielleicht suchen sie gar keine Regenjacke. Ich denke sie brauchen einen Wintermantel, der natürlich nur zur Hüfte reicht, der einen seidenen, wohlig warmen Stoff aufweist, keine Geräusche von sich gibt und vor allem einen sehr engen Schnitt hat. Mit ihrer tollen Figur würde das sicher wie ein neu erfundenes Michelinmännchen wirken.“

Ohne weitere Begutachtung und ohne jedes Wort, drehte sie sich um und lief hastig zur Tür. So schnell, wie sie gekommen war, war sie auch wieder verschwunden. Ich blieb mit meinen Jacken zurück und hoffte aus tiefstem Herzen, dass bald ein Unwetter aufziehen und der Regen nur so herab prasseln würde ...

Weitere Beiträge von Mary-Ann Lindig:

Gedanken einer Sportfachhändlerin, Teil 1

Gedanken einer Sportfachhändlerin, Teil 2

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