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Gedanken einer Sportfachhändlerin: Die gefürchtete Spezies

  • Mittwoch | 20. November 2019  |  12:55 Uhr
Mary-Ann Lindig ist Sportfachhändlerin in einer thüringischen Kleinstadt. Exklusiv in sportFACHHANDEL schreibt sie – ausgestattet mit einer guten Portion Augenzwinkern – über ihre tagtäglichen Erlebnisse ...
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© istockphoto.com/soberve

Der „Gong“ an der Eingangstür ertönte und ich lief gut gelaunt in den Geschäftsraum. „Guten Morgen!“, flötete ich freundlich. Eine blonde, hochgewachsene Frau, mittleren Alters kam mir entgegen. „Guten Morgen“, erwiderte sie ebenso freundlich. „Wir haben einen Gutschein und möchten ihn gerne einlösen.“

„Das ist sie! Die gefürchtete Spezies!“

„Wir?“, überlegte ich kurz und sogleich sah ich das Unheil auf mich zukommen: Ein großer, schlaksiger Teenager kam hinter ihr zum Vorschein. Sein Blick war starr und sein Gesicht verriet, dass er keine Lust hatte, irgendetwas einzulösen „Das ist sie! Die gefürchtete Spezies!“, dachte ich im Stillen. Diese Gattung ist mit Vorsicht zu genießen! Übellaunig, teilnahmslos und desinteressiert schleichen sie durch die Geschäfte.

„Kann ich helfen? Soll es etwas bestimmtes sein?“, fragte ich vorsichtig nach. „Mein Sohn will erst mal nur schauen“, antwortete sie, und lief sogleich bestimmend voraus: „Schau mal Schatz, das wäre doch was!“, rief sie euphorisch und hielt ein rotes Adidas-Shirt in die Luft. Der Teenager sah kurz auf, brummte missmutig und widmete sich wieder dem Fußboden. Schon oft habe ich mich gefragt: Steht da irgendwo eine geheime Inschrift „Vorsicht Leute, voll out! Nicht kaufen!“ oder „Total krass! Nehmt mit, was ihr tragen könnt!“

Die Mutter war inzwischen am nächsten Ständer angelangt

„Guck doch mal, Konstantin! Sowas hat dir doch immer gefallen!“ Sie brachte ihm eine hellblaue, kurze Sporthose und hielt sie ihm unter die Nase. Denn Konstantin war inzwischen dazu übergegangen, wie angewurzelt mitten im Geschäft zu stehen. „Die ist doch scheiße!“, knurrte er. So langsam konnte ich das nicht mehr mitansehen und ich mischte mich nun doch in das Gespräch ein. Wenn man das überhaupt Gespräch nennen konnte! „Hast du denn eine ungefähre Vorstellung, was du möchtest?“, fragte ich charmant. „Nee!“ warf er mir vor die Füße. Also gut, neuer Versuch: „Hast du ein Hobby? Fußball oder eventuell Joggen?“, hakte ich nach. „Gamen!“, kam die Antwort geschossen „Mmmhhh…gamen, überlegte ich. „Übersetzt heißt das wohl, am Computer hocken und zocken.“ Das war zumindest ein Ansatz! Schnell brachte ich ihm einen Jogginganzug. „Das wäre doch was! Der ist voll bequem und da kannste ewig hocken und zocken!“, versuchte ich es in seiner Sprache. „Nee, voll hässlich das Teil!“

„Ein ganzer Satz, wir kommen voran!“

„Oh wow!, dachte ich. „Ein ganzer Satz, wir kommen voran!“ Und tatsächlich: Jetzt bewegte er sich und ging langsam, schlendernd auf die Schuhwand zu! „Das ist meine Chance“, dachte ich und eilte ihm voraus. „Hast du den Schuh schon gesehen? Der neue BOOST! Geile Sohle! Hervorragende Dämpfung ! Ultraleicht und er ist gestern erst reingekommen!“ „Nicht meine Farbe!“, erwiderte er kurz und knapp. Sprachlos schaute ich Konstantin an und überlegte ob das sein ernst sei. „Der Schuh ist schwarz und das ist nicht seine Farbe? Alles was er trägt ist schwarz! Schwarzes T-Shirt, schwarze Jogginghose und schwarze Turnschuhe - ja, sogar seine Socken sind schwarz!“ Ich stand kurz vorm Kollaps. Dennoch riss ich mich zusammen und startete einen letzten Versuch. „Was ist denn deine Farbe?“, bohrte ich etwas gereizt nach. „Keine Ahnung!“ entgegnete er schulterzuckend auf meine Frage.

Unbeirrt schlenderte er weiter Richtung Tür. Überraschend tauchte die Mutter zwischen den Ständern wieder auf. Vermutlich hatte sie sich dort in Sicherheit gewähnt und sich eine wohl verdiente Pause von ihrem vernichtenden Nachwuchs gegönnt. Sie warf mir einen entschuldigenden Blick zu und folgte ihrem Sohn aus dem Geschäft. Mitleidig blickte ich ihr nach und hoffte insgeheim, dass dieser Gutschein sich in Luft auflösen würde …

Weitere Beiträge von Mary-Ann Lindig:

Gedanken einer Sportfachhändlerin, Teil 1: "Stöcke, ich suche Stöcke!"

Gedanken einer Sportfachhändlerin, Teil 2: Internet-Shopping

Gedanken einer Sportfachhändlerin, Teil 3: "Herr, lass es regnen!"

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