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„Einzelkämpfer können sich nicht mehr behaupten“

  • Marcel Rotzoll
  • Sonntag | 05. Februar 2017  |  10:13 Uhr
Jüngst wurde die Genossenschaftsidee zum ideellen Weltkulturerbe erklärt. Warum Genossenschaften Zukunft haben, darüber sprachen wir mit Dr. Ludwig Veltmann, dem Hauptgeschäftsführer des Mittelstandsverbundes, dem Dachverband der deutschen Genossenschaften.

Interview: Marcel Rotzoll

sportFACHHANDEL: Ist das genossenschaftliche Modell wirklich ein Zukunftsmodell?

Dr. Ludwig Veltmann: Die Genossenschaften bilden nicht nur seit Jahrzehnten eine Konstante der deutschen Wirtschaft, sondern können jetzt ihren Know-how-Vorsprung im Bereich des vernetzten Handelns zur Bewältigung der Digitalisierung nutzen. Gerade lokale Händler, Handwerker oder Dienstleistungsunternehmen müssen ihre Kräfte mit anderen bündeln. Das Prinzip „Was einer alleine nicht schafft, das schaffen Viele“ – über Jahrzehnte bewährt im gemeinsamen Einkauf, in Marketing-Aktionen oder bei der Logistik – folgt der erst vor wenigen Wochen von der UNESCO zum ideellen Weltkulturerbe erklärten Genossenschaftsidee und ist der Schlüssel für einen starken und wettbewerbsfähigen Mittelstand der Zukunft. Mit Blick auf die Globalisierung und immer neue und aggressivere Marktteilnehmer sowie auf die Vertikalisierung der Wertschöpfungsketten, wird es für kleine und mittlere Unternehmen nicht mehr möglich sein, sich als „Einzelkämpfer“ am Markt zu behaupten. Genossenschaftliche Zusammenschlüsse können sich heute aber nicht nur auf Erfahrenes und traditionell Bewährtes stützen. Sie müssen ihre Kunden vielmehr noch genauer beobachten und auf deren veränderte Ansprüche reagieren. Dazu müssen sie sich auch für innovative Ideen etwa aus der Startup-Szene öffnen und veränderungsbereit sein. Den Genossenschaftszentralen kommt dabei eine Schlüsselrolle zu.

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Dr. Ludwig Veltmann glaubt an das Prinzip „Was einer alleine nicht schafft, das schaffen Viele“
© Mittelstandsverbund

sportFACHHANDEL: Teils desruptive Unternehmen wie Amazon oder Zalando bestimmen die Schlagzeilen. Verbundgruppen mit vielen Einzelmeinungen erscheinen dagegen häufig als schwer zu manövrierende Tanker. Wie müssen sich Verbundgruppen wandeln, um der veränderten Handelslandschaft und dem sich ändernden Konsumentenverhalten zu begegnen?

Dr. Ludwig Veltmann: Gegenüber den Internet-Giganten hat das stationäre Unternehmen selbst mit guter Unterstützung durch seine Verbundgruppe einige merkliche Nachteile. Allein durch schier unbegrenzt erscheinende Investitionssummen und den direkten Zugriff auf die Kundendaten sowie der Möglichkeit grenzübergreifender Steueroptimierung erreichen die Internetplattformen ein für die lokale Wirtschaft schwindelerregendes Wachstumstempo. Allerdings kann der Betreiber eines lokalen Geschäfts ebenfalls auf einen für die Internetplattformen schwer einholbaren Vorteil zurückgreifen: er ist vor Ort näher am Kunden und kann ihm auf seiner Fläche schnellere Verfügbarkeit oder besondere Einkaufserlebnisse bieten. Neben der professionellen und anspruchsvollen Gestaltung seines Geschäfts kommt es aber zunehmend darauf an, dass Unternehmen für die zeitgemäße Kommunikation mit den Kunden optimal in den digitalen Medien und gerade in den Suchmaschinen gefunden werden. Natürlich muss die Homepage professionell aufgebaut und leicht bedienbar sein. Um die besten Ergebnisse zu erreichen, bedarf es der intensiven Unterstützung der Marketing-Profis in der Verbundgruppenzentrale und deren externer Partner. Da Kunden zunehmend kanalunabhängig einkaufen, müssen Verbundgruppenzentralen ihre Mitglieder in ihrer Omnichannel-Kompetenz stärken. Kunden, die online zu Hause bestellen, müssen offline abholen können. Oder umgekehrt: Wer im Laden bestellt, muss die Ware über eine schnelle Logistik zum Wunschtermin nach Hause geliefert bekommen.

Der Mittelstandsverbund:

Die dem Mittelstandsverbund angeschlossenen 310 Verbundgruppen erwirtschaften mit 2,5 Mio. Vollzeitbeschäftigten in rund 230.000 angeschlossenen mittelständischen Unternehmen einen Umsatz von mehr als 490 Mrd. Euro. Das entspricht einem Anteil von rund 18 Prozent am deutschen BIP. Einige Gruppen treten unter einer Marke auf, wie Intersport, Sport 2000, DATEV, BÄKO, Euronics, expert, Hagebau, REWE oder EDEKA.

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Autor: Marcel Rotzoll

Stellv. Chefredakteur sportFACHHANDEL

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 02 / 2017