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E-Commerce: Amazon jagd Zalando

  • Nicolas Kellner
  • Dienstag | 26. Juni 2018  |  11:17 Uhr
Amazon ist weltweit unangefochten Nummer eins im Onlineshopping. Die Segmente Mode- und Sportbekleidung haben einen wichtigen und steigenden Anteil daran. Und der US-Internetriese will noch mehr vom Fashion-Kuchen. Das bekommt auch der Berliner Online-Riese Zalando zu spüren.
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© Archiv

Die einst von den Samwer-Brüdern und deren Start-up-Klonschmiede Rocket Internet hochgezogene Schuhverkaufsplattform ist nach wie vor auf Gedeih und Verderb zum Wachstum verdonnert. Zalando macht zwar über 4 Mrd. Euro Umsatz, aber nur mageren Gewinn.

Auf seiner jüngsten Jahreshauptversammlung Anfang des Monats kündigte man nun weitere Investitionen für die Wachstumsstrategie in Höhe von bis zu 350 Mio. Euro an. „Wir wollen im laufenden Jahr um 20 bis 25 Prozent wachsen,“ so Finanzvorstand Rubin Ritter. Bis 2020 will der Online-Shop seinen Jahresumsatz auf zehn Milliarden Euro steigern – mehr als doppelt so viel wie 2017. "Wir haben den Ehrgeiz, fünf Prozent Marktanteil zu erreichen", so Ritter bezogen auf den europäischen Modemarkt. Derzeit liege dieser bei 1,3 Prozent.

Investiert wird in neue IT, Logistik- und Verteilcenter sowie in die Sparte Kosmetik. Die Zahl der Logistikzentren soll insgesamt auf 11 Standorte wachsen. Denn auch in Sachen Logistik – sowohl onlinebasiert als auch im stationären Bereich – ist Amazon sowohl im Heimmarkt USA als auch mittlerweile in Europa die Benchmark im weltweiten Onlinebusiness. Weil immer mehr Kunden Smartphones oder Tablets zum Online-Shopping nutzen würden, konzentriere sich jetzt auch die Technik- und Softwareabteilung von Zalando verstärkt auf die Entwicklung weiterer Apps, heißt es aus Berlin.

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In den Startlöchern: Amazon mischt auch im Sport und in der Mode kräftig mit.
© Amazon

Und auch die Erweiterung des Sortiments scheint ebenfalls notwendig, wenn die Berliner Onlinehändler weiter zulegen wollen. Längst gelten nicht mehr nur Schuhe, sondern – wie bei Amazon – auch Fashion und Sportswear als Umsatztreiber. Obwohl sich Geschäftsmodelle und Sortimente bei beiden Anbieter doch sehr unterscheiden würden, wie die Zalando-Geschäftsführung auf der jüngsten Hauptversammlung noch einmal extra betonte, sorgen die Aktivitäten von Amazon offenbar trotzdem für einige Nervosität. Auf Amazon würden Kunden gezielt „nur das weiße T-Shirt oder die schwarzen Socken" kaufen, lästerte zum Beispiel Co-Gründer Robert Gentz. Reagiert hat sein Unternehmen trotzdem: Neuerdings bietet der Onlineverkäufer nämlich für 19 Euro im Jahr ebenfalls ein Premium-Abo an. Damit sollen Zalando-Kunden ihre bestellten Produkte schneller zugestellt bekommen und müssen Retouren nicht mehr selbst zur Post bringen. Das Thema Rückläufe ist bei dem Händler allerdings immer noch sehr kostspielig und aufwendig. Ob die Quote von über 50 Prozent bereits gedrückt werden konnte, wird bislang nicht klar. Sicher ist: Die ganze neue Aktion jedenfalls erinnert stark an das schon länger eingeführte Modell Amazon Prime. Die Sorgen mancher Aktionäre, dass Amazon Zalando gefährlich werden könnte, weist das Zalando-Management nachdrücklich zurück und versucht zu beruhigen. Es sei das Beste für alle, "wenn wir wachsen, um so den Wert unserer Aktie langfristig zu steigern“.

Doch der Druck des US-Wettbewerbers wächst. Überhaupt sprechen die hauseigenen „Hitlisten" der „verkauften", „gewünschten" und „bestellten" Artikel von Sportmode und Ausrüstung bei Amazon eine andere – und zwar deutliche Sprache. So tummeln sich auf den Bestseller-Listen von verkaufter Sportbekleidung bei Amazon von Platz eins bis zwanzig ausschließlich Markennamen von Adidas (am häufigsten) über Puma und Nike bis Under Armour, Fruit of the Loom, Calvin Klein und weitere. Die Preise (VK) sind alle massentauglich beziehungsweise wachstumsverdächtig: Sie liegen nämlich zwischen 4 Euro für Sportsocken und 59 Euro für das DFB-Trikot. Auf gleichem Niveau und mit ähnlicher Markenauswahl lesen sich Amazons Hitlisten der „gewünschten" und „geschenkten" Sportartikel. Dazu zählen auch Badeschuhe, Caps und Bikins. Auf jeden Fall wird klar: Hier überschneiden sich Zielgruppen und Produktranges beider Plattformen. Wer auf diesem Feld, das grundsätzlich als umsatzstark auch in Zukunft gilt, weiter wachsen will, kämpft und buhlt um das gleiche Geld der Konsumenten.

„Wir haben das Ziel, bei den Kunden zur beliebtesten Adresse für Modekäufe zu werden", formulierte Susan Saideman, Amazons Modebeauftragte für Europa, unlängst. Unter diesem Blickwinkel wird für Insider dann auch schon wieder fraglich, ob die avisierten Investitionen in Höhe von 350 Mio. Euro bei Zalando überhaupt ausreichen. Dieses Ziel sei ambitioniert, heißt es im Vorstand, nach dem Wachstum in 2017 in Höhe von 23,4 Prozent auf den Umsatz von 4,5 Mrd. Euro. Zusätzlich wurde angekündigt, in diesem Jahr noch in zwei weitere europäische Länder auf den Markt zu gehen. Derzeit ist Zalando in 15 Ländern aktiv, um welche weiteren es sich handelt, wird jedoch noch nicht verraten.

Nicolas Kellner

Autor: Nicolas Kellner