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Die Community begeistern: Läufer wie Du und ich

  • Marcel Rotzoll
  • Dienstag | 14. Januar 2020  |  12:28 Uhr
„Dieter Baumann läuft halt“, heißt das aktuelle Programm des wohl nach wie vor bekanntesten deutschen Läufers. Damit gastierte der Olympiasieger Ende vergangenen Jahres bei Laufsport Bunert in Essen. sportFACHHANDEL war dabei.

Dieter Baumann ist ein Publikumsmagnet. Wo der Olympiasieger über 5.000 Meter von Barcelona 1992 auch auftaucht, ist er umringt von Interessierten und Laufbegeisterten. Das war auch am 30. November nicht anders, als Dieter Baumann die Gäste begrüßte, die zu Laufsport Bunert in Essen gepilgert waren, um dessen aktuelles Programm „Dieter Baumann läuft halt“ zu sehen.

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Das Geschäft von Marc Böhme in Essen ist so eingerichtet, dass es sich nach Geschäftsschluss zum Vortrags-, Kurs oder sogar zum Konzertraum verwandeln kann.
© SFH

Community ist eines der Zauberworte des Jahres 2019. Gerade im Laufsport wollen Händler mit Laufgruppen, der Teilnahme an Laufveranstaltungen, Workshops oder anderen Aktivitäten aus Kunden eine Gemeinschaft formen. Das Laufsportfachgeschäft soll so zum Treffpunkt für die Laufbegeisterten des Ortes oder der Region werden.

Marc Böhme, Inhaber von Laufsport Bunert in Essen hatte einst gegenüber sportFACHHANDEL erklärt, dass man „den Kunden immer wieder Mehrwerte bieten muss, die sie woanders nicht finden. Wir verkaufen nicht nur Waren, sondern vor allem Emotionen. Das dürfen wir nie vergessen. Wir wollen unseren Kunden eine Anlaufstelle bieten, wo sie sehr gut beraten werden und sich zu Hause fühlen können. Wir verstehen das Geschäft auch als Begegnungsstätte für die Lauf-Community, indem wir Kurse, Vorträge und Veranstaltungen oder sogar Konzerte bieten“. Aber wie lockt man die Kunden an einem Samstagabend ins Geschäft? Ganz einfach: Dieter Baumann. Bereits zum zweiten Mal gastiert der Olympiasieger bei Marc Böhme – und das Geschäft in der Rüttenscheider Straße platzt wieder aus allen Nähten.

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Läuft halt: Dieter Baumann verbringt nahezu den gesamten Abend auf dem Laufband.
© SFH

Ein jeder Lauf sei wie ein kleines Leben voller Höhen und Tiefen, hebt Dieter Baumann an. Am Beispiel des 100-Kilometer-Laufs von Biel exerziert Baumann dieses Bonmont durch. Man trifft unterschiedlichste Menschen. Wie beispielsweise den Läufertypus des Tiefstaplers, der bereits am Start davon ausgeht, den Ultralauf nie und nimmer zu schaffen, weil der Körper bereits bedrohliche Signale sendet. Und der dann doch mit einer Fabelzeit ins Ziel kommen wird. Oder das Großmaul, mit Trinkgürtel bewaffnet, das von Dieter Baumann aufgrund der neon-gelben Kompressionsstrümpfe nur „Gelbsocke“ genannt wird und ihm während des gesamten Rennverlaufs immer wieder begegnen wird. Und als sich Dieter Baumann auf „den Weg vom Olymp Richtung Universum“ macht, springt er auf ein auf der Bühne installiertes Laufband und bestreitet nahezu den gesamten Abend laufend: Läuft halt!

Im Mai 2017 war Marc Böhme mit seinem Laufsportfachgeschäft an den heutigen Standort umgezogen. Insgesamt stehen dem Laufspezialisten 400 Quadratmeter zur Verfügung, davon 250 Quadratmeter Verkaufsfläche, ein Lager, ein Analyse-Raum, Büro, Personalraum und natürlich eine Dusche. Das Geschäft ist so eingerichtet, dass es sich nach Geschäftsschluss zum Vortrags-, Kurs oder sogar zum Konzertraum verwandeln kann. Kursangebote wie Laufkurs, Yoga, Blackroll oder Nordic Walking finden ebenso hier statt wie Vorträge, Lesungen oder Veranstaltungen wie an diesem Abend Ende November. Das sind jene Mehrwerte, die den Kunden von Marc Böhme nicht nur im Gedächtnis bleiben sollen, sondern das Sportfachgeschäft zum Erlebnis- und Begegnungsraum für die Essener Laufenthusiasten werden lassen.

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Marc Böhme (links) konnte Dieter Baumann bereits zum zweiten Mal für einen Auftritt nach Essen locken.
© SFH

Und Dieter Baumann hält, was er verspricht. Auf und neben dem Laufband rekapituliert er Erinnerungen an die 100 km von Biel, Anekdoten eines Läufers, kleinere und größere Wehwehchen. Aber auch persönliche Erinnerungen. Vor allem während schwierigerer Phasen, wenn die Beine müde werden, stehlen sich schmerzhaftere Erinnerungen an Niederlagen ins Gedächtnis. Wie beispielsweise bei Kilometer 28, angezeigt durch ein kleines Schild rechts neben dem Laufband, als die Gedanken abwandern zum Hamburg-Marathon von 2002. Als alles vorbereitet war, um die Olympia-Qualifikation zu schaffen und Baumann doch frühzeitig aussteigen muss. Oder bei Kilometer 60, wenn es in Biel auf den berühmt-berüchtigten so bezeichneten „Ho-Chi-Minh-Pfad“ geht, die Beine noch schwerer werden und der Läufer längst über seine Grenzen hinausgewachsen ist. Oder noch später, als der läuferische Tiefpunkt in Biel erreicht ist und plötzlich die dramatischen Ereignisse rund um die berühmte „Zahnpasta-Affäre“ gegenwärtig werden.

Und zwischendurch immer wieder die Begegnung mit der „Gelbsocke“, die sich dann doch nicht als Überläufer entpuppt. All das und noch viel mehr präsentiert Dieter Baumann mit seiner sympathischen und überaus humorvollen Art. Die Läuferanekdoten haben die meisten Zuhörer so oder so ähnlich selbst schon erlebt. Jeder kennt mindestens eine „Gelbsocke“, jeder wurde während eines Laufs von Selbstzweifeln gepackt und jeder hat es dennoch ins Ziel geschafft. So auch Dieter Baumann bei Laufsport Bunert in Essen, der nach fast zwei Stunden auf dem Laufband seine Biel-Erlebnisse mit dem Zieleinlauf abschließt, wo er sich, wie er berichtet, endlich mit der „Gelbsocke“ einträchtig in den Armen liegt.

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Arbeitsgerät: Nach der Zugabe ist das auf der Bühne installierte Laufband verwaist.
© SFH

Der Aufbau einer Community, die das Geschäft als Begegnungsstätte empfindet: Als Ort, an dem es nicht nur darum geht, Produkte für die eigene Leidenschaft zu kaufen, sondern auch darum, Erlebnisse zu teilen. An diesem Abend ist daraus zweifelsohne Realität geworden. Unter Standing Ovations wird zunächst Dieter Baumann zu einer Zugabe zurück auf die Bühne geholt. Und als auch diese „Ehrenrunde“ absolviert ist, bleibt Baumann der nahbare Läufer zum Anfassen, der geduldig Fotowünsche erfüllt und mit den Gästen ins Gespräch kommt. Jeder Besucher dieses Abends wird persönlich von Marc Böhme verabschiedet und wird nicht nur das Programm von Dieter Baumann in bleibender Erinnerung behalten, sondern vor allem auch den Ort, der dieses Erlebnis möglich machte: Das lokale Sportfachgeschäft.

Marcel Rotzoll

Rotzoll

Autor: Marcel Rotzoll

Stellv. Chefredakteur sportFACHHANDEL