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Der Machtpoker von München

  • Andreas Mayer
  • Mittwoch | 25. März 2015  |  14:36 Uhr
Wer gedacht hat, Intersport lädt zur ISPO, nur um mit Sekt und Schnittchen den neuen Warenvorstand zu feiern, der sah sich getäuscht. Denn Kim Roether redete Klartext und lies so manchen gestandenen Industrievertreter zurück wie ein kleines Kind, das zu Nikolaus Begegnung mit Knecht Ruprecht machen musste. Es droht eine Machtprobe zwischen dem Heilbronner Händlerverbund und der Industrie.

Noch bevor in der bayerischen Landeshauptstadt die weltgrößte Sportartikelmesse so richtig begonnen hatte, hatte sie auch schon ihren Aufreger: Der größte Händlerverbund fordert die Hersteller heraus. Von klaren Worten hinter verschlossenen Türen war die Rede, sogar von Angriffen auf Einzelne bis hin zu gestandenen Top-Managern, die aus Protest den Saal verließen.

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© © istockphoto.com/enjoynz

Eingeladen waren die Top 50 Lieferanten der Intersport,

um sich aus erster Hand über die Umstrukturierungen bei der weltweit führenden Einkaufsgenossenschaft zu informieren: Die neue Vorstandsstruktur, die neue Konstellation in einem Sechs-Länder-Verbund – und schließlich wurde mit Jochen Schnell am ersten Messetag ja auch noch der neue Warenvorstand sowie Nachfolger des geschätzten Klaus Jost vorgestellt.

Doch kaum ist der Rauch um das unschöne Ende der Ära Jost verflogen, kam es jetzt zu einem denkwürdiges Gipfeltreffen über die Zukunft der Branche, das sich insbesondere vor dem Hintergrund eines erneut enttäuschenden Winters zum Krisen-Gipfel und zur Machtprobe zwischen Industrie und Intersport entwickeln könnte.

Die Hersteller sollen sich angeblich auch finanziell stärker beteiligen müssen.

Von ein- bis dreiprozentigen Rückvergütungen oder Zusatzforderungen berichten Industrievertreter aufgeregt. Da gehe es schnell um einige Millionen Euro Zusatzbelastung für die Industrie, heißt es.

Darüber hinaus stößt die Vereinheitlichung in der neu avisierten Sechs-Länder-Struktur (für Deutschland, Österreich, Polen, Ungarn, Tschechische Republik und die Slowakei) auf viel Skepsis vor allem bei Anbietern, die in den unterschiedlichen Märkten über eigene Niederlassungen oder Distributeure verfügen.

„Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und sagen: Wir bieten unglaublich viel Potenzial”, rechtfertigt Kim Roether die Forderung auf Nachfrage von sportFACHHANDEL. „Wir poolen jetzt die Kernsortimente für sechs Länder. Da kommen Mengen und verlässliche Absatzkanäle zustande für die Industrie.Wir haben viel Geld in die Hand genommen, wir haben ein tolles, zusätzliches Portfolio an Händlern und hochprofessionelle Flächen dazubekommen. Wir haben unglaubliche Bereitschaft, Investitionen zu tätigen in interessante Standorte, in Flächen, die man auch als Einkaufserlebnis positionieren kann sowohl in Österreich als auch in Deutschland. Nehmen wir es mal als Fakt: Eybl ist ein Ausfall für die Markenindustrie. Das hat viele Lieferanten wirklich getroffen. Und wenn wir uns jetzt aufstellen und alleine in diesem Jahr zwischen zehn und zwölf neue und große Flächen in Österreich aufmachen, dann ist auch der Zeitpunkt gekommen, an dem wir sagen: Lasst uns gemeinsam schultern, was zu schultern ist.”

Details würden aktuell in Einzelgesprächen vertieft, so der Intersport-Vorstandsvorsitzende weiter. „Es gab schon sehr, sehr gute Gespräche mit Industrieplayern, um auch noch mal die Unruhe abzugreifen, die da im Markt entstanden ist”, berichtet Roether. „Weiter wie immer ist im Moment nicht die richtige Losung. Es ist ein neues Miteinander gefordert. Als Händler haben wir in der letzten Zeit viel gegeben – und das muss jetzt wieder in die richtige Balance gebracht werden.”

Hinzu kommen Preisveriss und Markenstores,

die dem Einkaufsboss ebenso ein Dorn im Auge sind. „Wir alle kämpfen um den Endverbraucher, insbesondere im Wintersport. Wenn ich aber seine Wahrnehmung darauf reduziere, dass er ein Produkt der sehr guten, oberen Mittelpreislage für weniger als hundert Euro bekommt, ist das nicht nur eine Vernichtung von Warenwerten, sondern auch von Markenwerten! Und das ist in der Konkurrenzsituation, in der wir uns alle befinden, kontraproduktiv. Genau das Gegenteil ist notwendig: Dem Endverbraucher aufzuzeigen, dass die Produkte etwas wert sind, dass da viel Know-how, Technik und Arbeit drin steckt.”

Es gehe ihm hierbei nicht um Einzelfälle, beteuert der neue mächtige Mann in Heilbronn: „Am Ende, in den Einzelterminen mit unseren Partnern, hat sich bei vielen die Einsicht gezeigt: Ja, wir haben da ebenfalls unsere Hausaufgaben nicht gemacht.” Und gleiches gelte in punkto Markenstores: „Wir müssen ins Gespräch darüber kommen, wie weit wir es alle gemeinsam verkraften können, dass Lieferanten Konkurrenten auf der Fläche werden. Alle wollen wachsen, das kann ich nachvollziehen. Wir erhalten aber ganz wesentliche Teile unserer Vergütung performance-abhängig, und wie wollen wir Performance bringen, wenn diejenigen, die uns zu Performance auffordern, unsere größten Konkurrenten sind. Wir haben vielleicht viel zu lange stillgehalten und uns mit potenziell möglichen Konditionen abspeisen lassen, die wir de facto in der Praxis nicht erhalten, weil in den Onlineshops der Industrie oder in Monolabel-Stores genau die Produkte angeboten werden, die auch bei uns zum Kernsortimentgehören. Es kann nicht sein, dass sich das hier immer mehr zu Lasten des Handels verschiebt. Deshalb war es notwendig, diesen Branchentreff zur ISPO einzuberufen.”

Es brodelt in der Industrie,

die sich zunächst einmal eine blutige Nase geholt hat und schütteln muss, ob und wie sie darauf reagiert. Hat der Chef der Genossen den Bogen überspannt? Oder können in sachlichen Geprächen doch noch einvernehmliche Lösungen gefunden werden? Keine Frage, die Zeiten sind härter geworden. Und in München scheint aus hohlen Phrasen Ernst geworden zu sein …

Andreas Mayer

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Autor: Andreas Mayer

Chefredakteur sportFACHHANDEL / Wanderlust / SkiMAGAZIN

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 04 / 2015