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Décathlon ante portas - Handel in Panik

  • Nicolas Kellner
  • Mittwoch | 25. Mai 2016  |  11:43 Uhr
Décathlon gibt Gas und der Fachhandel zittert: Einmal wieder zeigt sich Berlin derzeit als Spiegel der Branche. Der französische Großflächendiscounter eröffnet an der Spree momentan eine Filiale nach der anderen, andere Wettbewerber aus unserer Branche versuchen an der Spree verzweifelt gegenzusteuern.

Text: Nicolas Kellner

An keinem Standort der Bundesrepublik geht Décathlon gerade so in die Offensive wie in Berlin: Nach der Premiere am Berliner Alexanderplatz im vergangenen Sommer setzt der Tiefpreishändler nun auf ein Trommelfeuer von Neuereröffnungen, die den gewachsenen Sportfachhandel in der Stadt – ob Outdoor oder Generalist – massiv in Panik versetzen. Die Reaktion: Hektische Umbauten und Neuausrichtungen des gewachsenen Sporthandels und die „Hoffnung“, im Strom der Décathlon-Welle ein paar „neue Kunden“ abzubekommen. Als erstes setzten die Franzosen ihr neues Mini-Laden-Vorhaben im Osten der Stadt um. Am 12. März wurde im Stadtteil Heinersdorf auf knapp 40 Quadratmetern ein „Click+Collect“-Abhol-Store in einem dortigen Food- und Non-Food-Geschäft von Kaufland eröffnet. Dorthin kann sich der Händler bekanntlich neu seine Online-Bestellung liefern lassen. Diese Art von Kleinstgeschäft ist Teil des neuen digitalen Konzepts, mit dem die Franzosen on- und offline verknüpfen wollen.

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Laufkundschaft: Gegenüber von Décathon liegt ein Billig-Einkaufscenter.
© Sportfachhandel

Mitte März schließlich haut der französische SB-Händler jedoch wieder in die Vollen: auf 3.000 Quadratmetern, ebenfalls im tiefsten Osten der Metropole in Schöneweide. Genau gegenüber des gleichnamigen S-Bahnhofs und eines Einkaufscenters (Takko, Reno, Mac-Geiz) ist auf einer neu ausgewiesenen Gewerbefläche (Schnellerstraße 133) eine komplett neue Mammut-Verkaufshalle hochgezogen worden. In den Regalen findet der Käufer nach eigenen Angaben rund 35.000 Produkte von Alpinski bis Zelte. 70 Sportarten sollen abgedeckt werden. Wie bei fast allen Discountern von Décathlon befindet sich vor der Einkaufshalle ein „Sportpark“, in dem viele Sportgeräte ausprobiert werden könnten. Damit verfügt der Großflächenverkäufer pünktlich zu seinem 30-jährigen Deutschland-Jubiläum über ein Netz von 27 Filialen.

1986 eröffnete seinerzeit der erste Laden in Dortmund. In den anschließenden Jahren dümpelte der französische Eigenmarkenhändler allerdings mit drei bis vier Geschäften mehr oder weniger erfolglos und unbeachtet in der deutschen Sporthandelslandschaft vor sich in. Erst im Jahr 2000, zur Weltausstellung Expo in Hannover, als Décathlon nicht nur als Bauherr des Länderpavillions Frankreichs in Aktion trat, sondern anschließend das gut 7.000 Quadratmeter große Gebäude auch als Sport-Discounter fortführte, schwante dem deutschen Sporthandel, was da auf ihn zukommt.

Wie sportFACHHANDEL vor Ort erfuhr, arbeitet Décathlon mit Hochdruck derzeit an einer weiteren Eröffnung – und zwar in Berlin-Steglitz, an der Schloßstraße. Die Tore sollen noch in diesem Jahr öffen, und damit zielt der preisaggressive Franzose erstmals auf das Geld der Westberliner Konsumenten – und in direkte Konkurrenz zu ortsansässigen Traditionshändlern wie Globetrotter, Sport Scheck und Intersport Olympia. Man mache sich Hoffnung auf „zusätzliche Kunden und ein bisschen mehr Besucherfrequenz“, sagt ein Sport-Verkäufer vom Sport Scheck in der Schloßstraße und hofft auf mehr Schwung in der Einkaufsstraße überhaupt. Die neue Décathlon-Filale entstehet genau schräg gegenüber von Scheck in einem abgewirtschafteten Mini-EK-Center, das neu auferstehen soll. Bereits vor einiger Zeit hatte das Intersport-Geschäft Olympia (Inhaber Klaus Ott) diesem Center den Rücken gekehrt und war weiter oben in der Schloßstraße auf die frühere Fläche eines Karstadt Sporthauses im Forum Steglitz gezogen. Auch dort hofft man nun inständig, dass die neuen Konsumenten „weiter als bis zu Décathlon kommen“. Denn der in Berlin mehrfach ansässige Intersport-Ableger Olympia glänzt derzeit an der Schloßstraße eher durch Übersichtlichkeit als durch Kundengedränge. Dabei wurde viel investiert in die vor einigen Jahren an neuer Stelle auf rund 2000 Quadratmetern neu eröffnete Olympia-Filiale. Das Geschäft ist sehr ansehnlich geworden. Liegt jedoch etwas abgehängt im zweiten Stock des Forums. Sorgen braucht sich Geschäftsführer Klaus Ott trotzdem nicht zu machen, der Händler war von Potsdam aus schon gleich nach der Wende in der DDR mit einem westdeutschen Sporthändler J. Hübner in einem früher DDR-Sporthaus an den Start gegangen. Mittlerweile gehen Hübner und Ott getrennte Wege, beide verfügen jedoch über ein großes Filialnetz von Intersport-Häusern in Berlin und darüber hinaus. Im letzten Jahr stießen außerdem noch einige Geschäfte von insgesamt 18 früheren Sportpoint-Filialen des Intersport-Gewächses Wolfgang Rossow zu Ott und Hübner.

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Noch geheim: Hier an der Schloßstraße in Steglitz kommt Décathlon rein.
© Sportfachhandel

Schlussendlich macht sich sogar Globetrotter in Berlin-Steglitz „echte Sorgen“ über den Verbleib der Kundschaft, um die mit dem massiven Auftauchen von Décathlon künftig gebuhlt werden muss. Auch der einstige Stern am Berliner Outdoor-Himmel muss und will offenbar reagieren: Leider gehöre dazu auch der „Abgang mehrerer Verkaufskollegen“, ist aus dem großflächigen Outdoor-Laden zu hören. Der glänzte immerhin lange ohne echte Konkurrenz in der Stadt durch Vielfalt und Angebot, verfügte über ein großes Wasser-Testbecken für Boote, eine Kältekammer und Top-motiviertes und geschultes Personal. Das Wasserbecken musste jetzt einer Schnäppchen- und Ramschfläche weichen und soll dem Vernehmen auch nicht wieder eröffnet werden, die Kältekammer gibt es ebenfalls nicht mehr und Eventflächen sollen nach für nach Markenflächen und -stores von Globetrotter-Mutter Fenix geopfert werden. Eine ähnliche Umwandlung hat gerade in Europas größtem Globetrotter-Store in Köln bereits stattgefunden (s. Seite 30) und soll dem Vernehmen nach auch in anderen Filialen von Globetrotter in Deutschland umgesetzt werden.

Autor: Nicolas Kellner

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 05 / 2016