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Szene

City Report: Der Kampf um Wien

  • Nicolas Kellner
  • Sonntag | 17. Juni 2018  |  18:25 Uhr
Walzer, Hofreitschule und Sachertorte? Ja, all das gibt es, und zwar in gewohnter Pracht. Doch die alten Klischees reichen nicht mehr, um Wien zu beschreiben. Jahrzehntelang hat die Metropole fast jeden Trend vertrödelt und sich lieber mit dem verblassten Ruhm ihrer Habsburg-Vergangenheit beschäftigt. Nun ist die Stadt aus dem Sissi-Schlaf erwacht und holt Versäumtes mit Hochgeschwindigkeit nach. Und der Sporthandel mischt dabei kräftig mit.

Wien ist nicht nur als bei Touristen und Trendsettern angesagt, sondern ist auch Österreichs Sporthandelsmetropole Nr. 1. Insbesondere die Themen Outdoor und Bike ­pushen die Branche. Und der Glanz der Wiener Sporthandelsszene reicht mitunter bis nach Graz, wie beispielsweise der des ältesten Bergsporthändlers der Stadt, Bergfuchs. Andere, wie der skandinavische Großflächenhändler XXL, machen es dem Pionier demnächst nach. Der Wiener Fachhhandel sonnt sich also in einem gesunden Kima, nachdem die einst übergewichtige Abhängigkeit vom Schneesport entscheidend verringert werden konnte. Nicht, dass das Ski- und Snowboardbusiness abgelöst wird, ganz im Gegenteil: Österreich ist und bleibt eine Wintersportnation. Davon profitierte der Sporthandel insbesondere im letzten guten Winter. Aber mit Ganzjahressportarten wie Wandern und Trendsportarten wie Biken punkten viele Händler zusätzlich und können dabei auch Wintersportfans locken.

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Premiere in Wien: Großer Run auf XXL aus Skandinavien.
© XXL

Mit einem Jahresumsatz von 607 Mio. Euro konnte Intersport Austria das Vorjahresergebnis um 13 Prozent steigern. Vor allem die Stadtgeschäfte, aber auch das Verleih-Business, boomen. Alle wichtigen Segmente liegen zweistellig im Plus (Bike +33%, Outdoor +23%, Ski Alpin +18%). Große Erwartungen verknüpft Verbandsboss Mathias Boenke mit dem Thema E-Bike, die in der letzten Saison schon „wahre Verkaufsschlager“ gewesen und nun zum „Lifestyle-Produkt des Jahres“ avanciert seien. Kein Wunder, bei einem Umsatzplus von über 70 Prozent! Laut Verband der Sportartikelerzeuger und Sportartikelausrüster Österreichs (VSSÖ) kamen im letzten Jahr insgesamt gut 414.000 Fahrräder in den Fach- und Sporthandel – ein sattes Mehr von 17.000 Rädern gegenüber 2016 und ein neuer Rekordwert seit 2010. Von den 414.000 Rädern seien 2017 gut 120.000 E-Bikes gewesen.

Gerade der Wiener Bike- und Sporthandel profitiert und hat das Segment in den vergangenen Jahren auch entscheidend angeschoben. In der Donaumetropole war schon immer das Zusatz- und Ausrüstungsgeschäft wichtig, von dem auch der klassische Sporthandel etwas abbekommt. Intersport versucht außerdem durch Wettbewerbe an Wiener Schulen das Skigeschäft und die Begeisterung beim Nachwuchs dafür neu zu entfachen. Da soll sich letztendlich für den Fachhandel auszahlen. Und auch die neuen Großflächen-Stores mit bis zu 3.000 Quadratmetern liefen noch besser als erwartet. Renner sind Ski, Helme und hochwertige Skibekleidung, abgerundet durch Wander- und Laufschuhe sowie Fitness- und Badetextilien im Sommer.

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Große Bekleidungsmarken dienen XXL als Magnet, um Kunden auf die Fläche zu holen.
© XXL

Die Händler aus dem Einkaufsverband Sport 2000 in Österreich konnten sich im letzten Jahr sogar über ein Umsatzplus von knapp 15 Prozent freuen. Dafür verantwortlich waren der frühe Wintereinbruch und die daraus resultierende gute Kauflaune der Konsumenten. Winterhartware wird auch in der Großstadt Wien gerne gekauft und ins Skigebiet mitgenommen. Nach wie vor ein großes Thema sei Bootfitting, berichten Händler: Die speziell an den eigenen Fuß angepassten Skischuhe boomen nach wie vor. Hinzu kommt ein interessantes und immer stärkeres Textilgeschäft, das von hochwertiger Ware geprägt ist. Im Vergleich zu den Vorjahren legte der Verkauf von Alpinski zu, ein starkes Wachstum verzeichnet die Verleihplattform „Sport 2000 Rent“. Hier setzte der Boom bei Online-Buchungen aufgrund der guten Schneelage bereits Anfang Dezember ein. Das alles würde aber nicht funktionieren, wenn der Fachhandel nicht Qualitätsprodukte sowie eine kompetente Beratung im Geschäft anbieten würde, unterstreicht der österreichische Sport-2000-Chef Dr. Holger Schwarting.

Der Verkauf von Sport Eybl an den britischen Billigfilialisten Sports Direct vor vier Jahren hatte massive Folgen für die gesamte Branche: Der österreichische Sporthandel, auch der Wiener, musste umdenken und sich neu erfinden. Es folgte eine stattliche Kundenwanderung, Intersport- und Sport-2000-Händler umgarnten dabei erfolgreich enttäuschte Eybl-Kunden mit Fachhandelsangeboten. Mittlerweile ist die Konkurrenzgefahr aus England verpufft. Das Unternehmen schreibt in Österreich hohe Verluste und verzeichnet Umsatz­einbußen. Dafür trat unlängst von Wien aus ein neuer Mitbewerber aus dem Norden mächtig an: Im August letzten Jahres hatte der norwegische Sportfilialist XXL seinen ersten Store in Österreich aufgesperrt. Inzwischen gibt es drei der Megaläden, zwei davon in der Landeshaupstadt. Für den Markteintritt hatten sich die Norweger nach eigenen Angaben ganz gezielt die Trendmetrople Wien auserkoren (zunächst auf 4.000 Quadratmetern). Die Skandinavier setzten dabei auf einen hohen Hartwarenanteil (über 50 Prozent Schuh) und Service (speziell im Bikebereich und Bootfitting). Als Kernsortimente im Geschäft werden Ski, Bike und Outdoor angesehen, der Eigenmarkenanteil liegt bei nur sechs Prozent. XXL-CEO Fredrik Steenbuch und Österreich-Chef Patrick Verwilligen wollen von Wien aus bis zum Jahr 2022 nichts weniger als die Marktführerschaft im gesamten österreichischen Sportfachhandel erreichen.

Etwas vom Kuchen abhaben möchte auch Décathlon, die sich in diesem Sommer erstmals in der Donaumetropole niederlassen. Weitere Filialen in der Stadt sind angeblich geplant. Österreichs Vorzeigehersteller Northland baut seine Shoppräsenz ebenfalls aus, ohne sich dabei selbst oder anderen Händlern das Wasser abzugraben. Marken-Läden kommen gut an in der Walzer-Metropole. „Viele der Kunden suchen Marken und Qualität“, berichtet ein Verkäufer aus dem neuen, jüngst in Wien eröffneten Asics Store. Auch Vibram ist gerade neu an der Donau gestartet.

Erste Anlaustelle für echte Outdoorfans ist immer noch der Bergfuchs, ein Traditionsgeschäft in der Innenstadt. Freundlich und kompetent – das Personal kennt sich merkbar in der Materie aus und hilft auch gerne bei Sonderwünschen. Hier gibt es Beratung ohne aufdringlich zu sein. Das Geschäft ist generell gut besucht, besonders am Wochenende. Man sei eben gut sortiert und könne eine kompetente Beratung anbieten, meint ein Verkäufer selbstbewusst. Auch Kleinteile und Besonderheiten wie bei alten Tourenbindungen stellen keine Herausforderung für den Händler dar. Die Preise sind der Qualität entsprechend. Bei seiner Gründung im Jahre 1983 hatte Bergfuchs Wien das Glück, den traditionellen Standort in der Kaiserstraße übernehmen zu können. Die Bergsteigerin, Skifahrerin und Geschäftsfrau Mizzi Langer-Kauba gründete 1896 an dieser Stelle das erste Sportgeschäft in Wien – spezialisiert auf Bergsteiger-Ausrüstung und -Bekleidung.

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Seit 1983 an derselben Stelle: Bergfuchs in der Kaiserstraße.
© NPK

Die Firma Bergfuchs geht also auf das 1896 gegründete „Sporthaus“ der berühmten Bergsteigerin und Skipionierin zurück. Und an diesem Standort halte man auch fest – trotz aller Raumprobleme, heißt es. „Wir bleiben der Tradition des ältesten Bergsportgeschäfts Österreichs konsequent treu und legen besonderen Wert auf hervorragende Beratung und nachhaltige Kundenbetreuung. Darüber hinaus setzen wir uns laufend intensiv mit innovativen Neuerungen am Markt auseinander, um unsere Kunden auch in den Bereichen Technik und Sicherheit am Puls der Zeit zu halten. Selbstverständlich sind alle unsere Mitarbeiter aktive Bergsteiger und Outdoor-Fanatiker“, sagt Geschäftsführer Gregor Schwenk.

Nicolas Kellner

Autor: Nicolas Kellner

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 08 / 2018