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Ausbildung jetzt!

  • Marcel Rotzoll
  • Donnerstag | 18. Juli 2019  |  12:53 Uhr
Geeignetes Personal zu finden, wird für viele Sportfachhändler immer schwieriger, für manche fast unmöglich. Und dass, obwohl mehr als je zuvor die Mitarbeiter im Vordergrund stehen, insbesondere die Verkäufer und Fachverkäufer. Zur Ausbildung gibt es deshalb keine Alternative.

Denn vorbei sind die Zeiten, in denen sich Sportartikel von selbst verkauft haben. Vorbei die Zeiten, in denen sich Sportartikel im Fachhandel über den Preis verkauft haben. Vorbei sind schließlich auch die Zeiten, in denen es für die Konsumenten nur wenige Alternativen zum Sportfachgeschäft vor Ort gab. Sportartikel heute zu verkaufen, heißt: Ein Umfeld schaffen, in dem sich der Kunde wortwörtlich am richtigen Ort wähnt. Es gilt, zu begeistern, teilzunehmen, zu beraten und zu verkaufen. Es ist das Personal, dass diese Anforderungen letztlich umsetzt. Und hier hat sich in den vergangenen Jahren eines der drängendsten Probleme für den Sportfachhandel aufgetan.

Grundsätzliche Probleme des Handels

Dabei kämpft der Handel generell mit zwei sehr grundsätzlichen Problemen. Problem 1: Der Arbeitsmarkt ist vielerorts schlicht leergefegt. Betrachtet man allein die Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen, wird schnell das grundsätzliche Dilemma deutlich. Insgesamt 427.227 Betriebe bildeten laut des Bundesbildungsberichts 2019 im vergangenen Jahr aus. Es wurden 531.413 Ausbildungsverträge geschlossen, davon allein im Zuständigkeitsbereich der IHKn 336.107. Gleichzeitig ist die Zahl der unbesetzt gebliebenen betrieblichen Ausbildungsstellen weiter auf knapp 57.700 gestiegen – ein neuer Höchststand. Ein Wettbewerb unter den Betrieben um die Auszubildenden ist die Folge.

Und hier schließt das zweite grundsätzliche Problem des Handels an: Der Handel ist für Bewerber häufig unattraktiv. Neben den bekannten Passungsproblemen, wonach es nach wie vor gleich­zeitig viele unbesetzte Lehrstellen und viele erfolglose Bewerber beispielsweise aufgrund von Unter- oder Überqualifikation gibt, hat sich die Anspruchshaltung der Jugendlichen gewandelt. Die Arbeitszeiten im Handel sind nicht vergleichbar mit jenen in der Industrie oder im Handwerk. Haben die Freunde der zukünftigen Auszubildenden in diesen Wirtschaftszweigen Feierabend oder Wochenende, stehen die Azubis im Handel noch im Geschäft. Und auch das Gehalt ist ein Faktor, der immer wichtiger wird. Wieder sind es Industrie und Handwerk, die hier die Messlatte hoch legen. Diese Faktoren sind ein Grund dafür, dass 2018 allein für die Ausbildung zur Kauffrau oder zum Kaufmann im Einzelhandel 4.698 Stellen nicht besetzt werden konnten. Das ist fast jeder sechste ausgeschriebene Ausbildungsplatz! Im Wettbewerb um Auszubildende hat der Handel hier gegenüber den attraktiver erscheinenden Ausbildungsplätzen in Industrie und Handwerk einen strukturellen Nachteil.

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Auf Bewerbungen zu warten, reicht nicht mehr. Handelsbetriebe müssen um Auszubildende werben. Dazu gehört auch, die Anforderungen der Bewerber in Sachen Arbeitsbedingungen und Gehalt Ernst zu nehmen.
© Grafik: SFH

Auch deshalb ist die Zahl der Ausbildungsbetriebe im vergangenen Jahr noch weiter gesun­ken. Dabei sind es vor allem die Klein- und Kleinstbetriebe, die sich immer mehr aus der Ausbildung zurückziehen. Über die Hälfte (53 Prozent) der ausbildenden Betriebe mit bis zu 19 Beschäftigten klagte im vergangenen Jahr darüber, dass sie Ausbildungsstellen nicht besetzen konnten. Auch sind es diese Betriebe, in denen besonders häufig Ausbildungsverträge gelöst und erfolgreiche Auszubildende besonders selten übernommen werden, nämlich aktuell nur noch 60 Prozent.

Mitarbeiter sind Wettbewerbsvorteil

Trotzdem: Qualifizierte Mitarbeiter sind im Sportfachhandel der entscheidende, manchmal der einzige Wettbewerbsvorteil. In einem Markt, der geprägt ist von Wettbewerbsdruck beispielsweise durch den Onlinehandel und die Own-Retail-Bemühungen der Industrie, sind es die Verkäufer und Fachverkäufer, die den Unterschied ausmachen. Deshalb führt trotz und gerade wegen der geschilderten Probleme an der Ausbildung kein Weg vorbei. Ältere Mitarbeiter zu finden, gestaltet sich im Sportfachhandel teils noch schwieriger, als die Suche nach geeigneten Auszubildenden. Denn die Probleme bleiben einerseits die gleichen, andererseits ist die Erwartungshaltung der Bewerber in der Regel noch höher.

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Die Flinte ins Korn zu werfen, weil der Handel wegen mieser Bezahlung und unattraktiven Arbeitszeiten ohnehin den Kürzeren im Kampf um Auszubildende ziehen würde, ist auch kein Lösung. Auszubildenden, wie hier Magdalena Knopp (rechts) bei Sprengers Sportland, kommt es nämlich nicht nur auf Geld und Freizeit an.
© Maximilian Prechtel

Was also kann der Sportfachhandel unternehmen? Erste Hinweise liefert eine Bewerberbefragung, die in den aktuellen Bildungsbericht eingeflossen ist. Demnach seien Bewerber zu Kompromissen bei der Berufswahl bereit, wenn der Betrieb „gefällt“. Als besonders attraktiv werden Unternehmen beur­teilt, die ein gutes Betriebsklima, einen sicheren Arbeitsplatz und gute Übernahmechancen bieten. Eine „gute Anbindung mit öffentlichen Verkehrs­mitteln, finanzielle Unterstützungen, z. B. durch Fahrtkostenzuschüsse“ seien für die Jugendlichen ebenfalls relevant.

Sportfachhändler berichten zudem von Arbeitszeitmodellen und Teilzeitausbildung sowie Teilzeitstellen. Möglichkeiten der Fort- und Weiterbildung werden gerade bei den Jüngeren immer beliebter. Auch die Einbindung der Mitarbeiter in bestimmte Unternehmensentscheidungen wird von einigen Sportfachhändlern praktiziert. Insgesamt gilt: Wenn der eigene Nachwuchs quasi selbst herangezogen wird, wird auch die Identifikation mit dem Unternehmen größer. Sticht zudem ein Mitarbeiter im Laufe der Zeit besonders hervor, kann auch die nicht minder wichtige Nachfolgeproblematik mitunter entspannter angegangen werden.

Werbung um Auszubildende

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Für den Sportfachhandel gilt es, sich aktiv um zukünftige Auszubildende zu bemühen. Stichworte sind Praktika oder Jobmessen.
© Maximilian Prechtel

Es mag stimmen: Der Wettbewerb um geeignete Auszubildende und Mitarbeiter ist gerade für den Fachhandel hart. Klar ist aber, dass die Zeiten vorbei sind, in denen der Handel nur auf Bewerbungen warten musste. Es gilt, sich aktiv um zukünftige Auszubildende zu bemühen. Viele Schulen bieten heute Tage der Ausbildung an, an denen sich Betriebe vorstellen können. Praktikumsplätze dienen dazu, dass Schüler einen ersten Einblick in ein Unternehmen erhalten können – und umgekehrt. In vielen Städten gibt es zudem die Möglichkeit, sich auf Jobmessen zu präsentieren. Nicht zuletzt wird das eigene Netzwerk oft vergessen. Nahezu jeder Händler ist in Vereinen aktiv. Hier die Werbetrommeln zu rühren, kann sich auszahlen. Und natürlich sind auch die eigenen Kunden stets Werbeträger.

Klar ist nur eins: Ohne Nachwuchs blutet der Sportfachhandel aus.

Marcel Rotzoll

Rotzoll

Autor: Marcel Rotzoll

Stellv. Chefredakteur sportFACHHANDEL

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 10 / 2019