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"An manchen Tagen wissen wir nicht, wie wir die Geschäfte öffnen sollen!"

  • Marcel Rotzoll
  • Mittwoch | 10. Mai 2017  |  16:31 Uhr
Die Region Südschwarzwald ist ländlich geprägt und zeichnet sich durch Großunternehmen aus. Für den Sportfachhandel entstehen dadurch Probleme bei der Mitarbeitergewinnung. sportFACHHANDEL sprach darüber mit Dirk Nasdala, Geschäftsführer bei Sport Lehr.

Interview: Marcel Rotzoll

sportFACHHANDEL: Herr Nasdala, wie ist Sport Lehr im Markt aufgestellt?

Dirk Nasdala: Wir haben die Firma vor fünfeinhalb Jahren übernommen. Damals gab es drei Standorte. Das Haupthaus mit den Schwerpunkten Outdoor, Bergsport und Ski sowie zusätzlich noch Tourismus. Hier am Standort Todtnau übernehmen wir dabei eine Nahversorgungsfunktion. Zusätzlich betreiben wir als Franchiser eine Quick-Schuh-Filiale, in Todtmoos ein Schuhgeschäft auf 120 qm. Seit drei Jahren betreiben wir im Winter noch zwei Ski-Verleihstationen. Im Mai des vergangenen Jahres sind wir zusätzlich noch in die Zweirad-Branche eingestiegen, also Verkauf, Service und Verleih.

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Das Sport Lehr-Stammgeschäft liegt in der 5.000-Seelen-Gemeinde Todtnau.
© Sport Lehr

sportFACHHANDEL: Wie viele Mitarbeiter beschäftigen Sie in Ihren Geschäften?

Dirk Nasdala: Das hängt natürlich von der Jahreszeit ab. Aber durchschnittlich beschäftigen wir 15 Mitarbeiter, davon vier Teilzeitkräfte und drei Lehrlinge.

sportFACHHANDEL: Sie sind ein Ausbildungsbetrieb. Welche Ausbildungen bieten Sie an?

Dirk Nasdala: Zwei Azubis werden bei uns zum Einzelhandelskaufmann im Sport ausgebildet. Ein Azubi macht bei uns Büromanagement, das bedeutet 50 Prozent Vertrieb, also Verkauf, und 50 Prozent Büro.

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Dirk Nasdala hatte Sport Lehr vor fünfeinhalb Jahren übernommen.
© Sport Lehr

sportFACHHANDEL: Was macht eine gute Bewerbung für Sie aus? Wann laden Sie Bewerber zum Vorstellungsgespräch ein?

Dirk Nasdala: Zumindest muss die Bewerbung ordentlich geschrieben sein. Mich interessieren dabei nicht so sehr die Versatzstücke, die von der Arbeitsagentur oder den Lehrern in den Schulen immer gepredigt werden. Das Schema F interessiert mich überhaupt nicht. Auch die Noten interessieren mich zunächst nicht. Die Bewerbung sollte insofern gut geschrieben sein, als dass ich erkennen möchte, dass sich der Bewerber tatsächlich für eine Stelle bei Sport Lehr interessiert.

sportFACHHANDEL: Das heißt Noten und Schulbildung sind eher zweitrangig?

Dirk Nasdala: Warum sollte ein Hauptschüler, der anschließend die Wirtschaftsschule besucht hat, schlechter qualifiziert sein als ein Realschüler? Mittlerweile bekommen wir auch immer mehr Bewerbungen von Abiturienten. Aber entscheidend ist doch nicht die Note oder der Schulabschluss, sondern ob der Bewerber bereit und interessiert ist, sich auf die Ausbildung in unserem Unternehmen einzulassen. Gerade in der Sportbranche kommt es doch vielmehr darauf an, Emotionen zu haben und vorwärts zu gehen. Schnarchnasen gibt es da unter den Haupt- und Realschülern genauso wie unter Abiturienten. In der Regel bewerben sich aber nach wie vor hauptsächlich Realschüler bei uns.

sportFACHHANDEL: Wenn Sie von einer Bewerbung überzeugt sind und Sie den Bewerber zum Vorstellungsgespräch einladen, wie läuft das ab?

Dirk Nasdala: Mich interessiert beispielsweise, ob der Bewerber sich Gedanken über seinen weiteren Berufsweg gemacht hat. Das heißt, wie steht er im Leben? Wurde er von der Mutter geschickt oder will er wirklich den Weg zum Einzelhandelskaufmann mit uns gehen? Natürlich sollte der Bewerber auch eine gewisse Affinität zum Sport haben. Das Bewerbungsgespräch ist aber bei uns nur ein Baustein. Anschließend gibt es ein dreitägiges Praktikum, damit man einander besser kennenlernen kann.

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Große Fußballschuh-Wand bei Sport Lehr. Das Todtnauer Fachgeschäft versteht sich als Nahversorger.
© Sport Lehr

sportFACHHANDEL: Der Lehrstellenmarkt weist regional sehr große Unterschiede auf. Welche Besonderheiten gibt es bei Ihnen im Südschwarzwald?

Dirk Nasdala: Gerade in der Zahnbürstenproduktion gibt es hier im Umfeld sehr große Betriebe. Nageln Sie mich nicht auf Zahlen fest, aber ich glaube, dass fast alle Discounter-Zahnbürsten hier in der Region produziert werden. Maschinenbau ist ein weiterer wichtiger Faktor für die Region.

sportFACHHANDEL: Mit diesen Groß-Unternehmen müssen Sie also um Auszubildende konkurrieren?

Dirk Nasdala: Absolut!

sportFACHHANDEL: Mit welchen Problemen werden Sie dadurch konfrontiert?

Dirk Nasdala: Lehrlinge zu finden, war lange Zeit gar nicht das große Problem. Es gab eigentlich immer genügend Jugendliche aus der Region, die sich für die Ausbildung bei uns interessiert haben. Schwierig wurde und wird es allerdings, wenn sie ausgelernt haben. Dann entscheiden sich viele doch für die Industrie. Und das, obwohl wir für den Einzelhandel insgesamt recht entspannte Arbeitszeiten bieten. Das heißt, hier im ländlichen Raum schließen wir das Geschäft wochentags um 18:00 Uhr, samstags um 13:00 Uhr. Allerdings wird es tatsächlich zunehmend schwieriger Auszubildende zu finden. Ich sehe in dieser Diskussion eher das grundsätzliche Problem, dass Dienstleistungsberufe bei den Jugendlichen überhaupt nicht mehr gefragt sind.

sportFACHHANDEL: Woran liegt das?

Dirk Nasdala: Ich glaube nicht, dass es darauf eine allgemeingültige Antwort gibt. Sicher mag eine Rolle spielen, dass die großen Betriebe hier in der Region teilweise eine 35-Stundenwoche und ein 13. Monatsgehalt bieten. Aber das allein ist es nicht. Denn ähnlich wie die Industrie gewähren auch wir ein 13. Monatsgehalt. Wir besprechen das Problem auch in unserem Gewerbeverein. Egal, ob Autohaus, Installateur oder Gaststätte und Hotel, alle berichten davon, dass es schwieriger wird, die angebotenen Lehr- und Arbeitsstellen adäquat zu besetzen. Diese dienstleistungsorientierten Berufe scheinen derzeit einfach nicht mehr sexy zu sein.

sportFACHHANDEL: Welche Auswirkungen hat das auf Ihr Unternehmen?

Dirk Nasdala: Im Winter bekommen wir wirklich große Probleme. Das hat dann auch einfach was mit der Personaldecke zu tun. Gerade dann, wenn man ein oder zwei krankheitsbedingte Ausfälle hat, kann es schon vorkommen, dass wir an manchen Tagen nicht wissen, wie wir die Geschäfte öffnen sollen. Wie gesagt, das ist kein reines Azubi-Problem, das betrifft die Mitarbeitergewinnung insgesamt.

sportFACHHANDEL: Würden Sie der These zustimmen, dass es aus diesen Gründen heute nicht mehr reicht, auf eine Bewerbung zu warten, sondern es darauf ankommt, als Unternehmen um diejenigen Mitarbeiter und Auszubildenden zu werben, die noch Entwicklungspotenzial haben, die man noch "formen" kann?

Dirk Nasdala: Das würde ich vollkommen unterschreiben!

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Neben dem Haupthaus betreibt Sport Lehr ein Schuhgeschäft, eine Quick-Schuh-Filiale sowie ...
© Sport Lehr

sportFACHHANDEL: Was unternehmen Sie, um Ihre Auszubildenden zu fördern und ihre Mitarbeiter weiter zu qualifizieren?

Dirk Nasdala: Für unsere Azubis gibt es regelmäßig Lehrlingsunterricht. Zudem schulen wir unser Personal permanent. Das kann auch extern geschehen. Natürlich muss hier immer abgewogen werden, ob das zeitlich passt. Denn ein Fachgeschäft, dass mal eben eine Woche auf einen Mitarbeiter verzichten kann, ohne es zu merken, dürfte Probleme haben. Dann stimmt was nicht.

sportFACHHANDEL: Nutzen Sie die Fort- und Weiterbildungsangebote Ihrer Verbundgruppe?

Dirk Nasdala: Wir nutzen hauptsächlich die Angebote der Sport 2000, vor allem die Seminare Azubi I und Azubi II. Zusätzlich gibt es die verschiedenen Kooperationen, wie beispielsweise im Bootfitting-Bereich. Die nutzen wir auch. Die Angebote der Sport 2000 machen aus unserer Sicht Sinn.

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... im Winter zwei Ski-Verleihstationen und seit kurzem ein Zweirad-Fachgeschäft.
© Sport Lehr

sportFACHHANDEL: Gibt es Verbesserungspotenzial?

Dirk Nasdala: Ich würde mir wünschen, dass es noch mehr regionale Angebote gibt. Es ist ein großer Unterschied, ob unsere Mitarbeiter einen ganzen oder vielleicht nur einen halben Tag fehlen. Ganz klar ist es für uns besser, wenn der Mitarbeiter zur Bootfitting-Schulung nach Bad Dürrheim fährt als nach Mainhausen.

sportFACHHANDEL: Was würden Sie sich seitens der Politik wünschen?

Dirk Nasdala: Ich denke, wir müssen zunächst eigene Wege beschreiten, bevor wir uns etwas von der Politik wünschen. Wir haben beispielsweise den Gewerbeverein Treffpunkt Todtnau gegründet. Dort versuchen wir ein Konzept zu entwickeln, eigenständig unsere Region zu präsentieren, auch mit der Industrie zusammen. Ein Thema für die Politik wird aber in naher Zukunft die Frage werden, wie man die Flüchtlinge auch in den Arbeitsmarkt integrieren kann. Dabei geht es nicht nur um Arbeitsmarktpolitik, sondern ganz allgemein um Integration und um Fragen der Toleranz und Akzeptanz - übrigens auch bei der Kundschaft.

sportFACHHANDEL: Sehen Sie Flüchtlinge auch als Chance, um den Problemen bei der Mitarbeitergewinnung Herr zu werden?

Dirk Nasdala: Richtig. Ich glaube, dass Flüchtlinge für alle dienstleistungsorientierten Berufe eine Chance sein können.

sportFACHHANDEL: Was müsste sich in den Schulen ändern?

Dirk Nasdala: Schön wäre es natürlich, wenn der Handel, bzw. die dienstleistungsorientierten Berufe insgesamt einen festen Platz in den Lehrplänen hätten. Schön wäre es auch, wenn Schulen und Unternehmen enger kooperieren. Bisher findet diese Kooperation fast ausschließlich bei den Praktika statt. Warum aber sollte es Besuche von Schülern in Betrieben oder auch umgekehrt Besuche von Unternehmern in Schulen nicht häufiger geben? Und schließlich: Die Lehrer gehören auch mal in einen Betrieb.

Rotzoll

Autor: Marcel Rotzoll

Stellv. Chefredakteur sportFACHHANDEL

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 06 / 2017