Dienstag | 05. Juni 2018  |  11:04 Uhr

Alibaba: "Viele Marken und Segmente sind noch gar nicht erschlossen"

Über eine Kooperation mit der ISPO will der chinesische E-Commerce-Gigant Alibaba weiter Fuß fassen im Sportartikelmarkt. sportFACHHANDEL sprach mit Karl Wehner, Managing Director Deutschland, Österreich, Schweiz, Türkei und Osteuropa bei der Alibaba Group, über das aktuelle El Dorado der Sportartikel- und Outdoor-Industrie.

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Karl Wehner ist MD der Alibaba (Germany) GmbH mit Sitz in München.
© Alibaba

sportFACHHANDEL: Karl Wehner, viele haben sicherlich von Alibaba gehört. Aber die wenigsten verstehen dieses Riesen-Konglomerat. Erklären Sie uns doch mal so einfach wie möglich das „Alibaba-Ökosystem“!

Karl Wehner: Es gibt verschiedene vertikale und horizontale Ebenen. Zum Endkonsumenten hin steht der B2C-Arm Tmall im Vordergrund. Dort verkaufen Marken direkt. Denn der chinesische Konsument will wissen, vom wem er kauft. Er will Echtheit und Authentizität, und das größte Vertrauen haben die chinesischen Konsumenten, wenn sie direkt von der Marke kaufen. Mit Tmall Global bieten wir außerdem die Option des Cross-Border E-Commerce für Händler, die nicht über eine physische Präsenz in China verfügen. Das operative Tagesgeschäft auf den Plattformen übernimmt in der Regel ein Trade Partner im Auftrag des Händlers. Außerdem betreibt Alibaba eine B2B-Plattform, auf der sich Anbieter und Großhändler finden. Dann gibt es die Entertainment-Sparte, da gehört unter anderem der Videostreaming-Dienst Youku dazu. In China ist Konsum unmittelbar mit Entertainment, also Content, verbunden. chinesische Konsumenten lieben solche Hintergrundinformationen, sie wollen zum Beispiel wissen, ob da auf dem Foto ein Schauspieler oder tatsächlich der Firmengründer persönlich zu sehen ist. Im Durchschnitt verbringen chinesische Konsumenten etwa eine halbe Stunde täglich auf den Alibaba-Shopping-Apps. Und dann gibt es noch viele weitere so genannte Local Services, zum Beispiel im Travelbereich oder auch Food Delivery. Darüber hinaus gibt es mit Alibaba Cloud eine Technologieinfrastruktur, diverse Marketingtools sowie den Payment-Anbieter Alipay. Und dann noch die Logistikplattform Cainiao: Wenn zum Beispiel am 11. November 2017 beim Global Shopping Festival 812 Millionen Paketversendungen innerhalb von 24 Stunden angestoßen werden, dann liefern wir die nicht selbst aus, sondern das machen Fulfillment-Partner, die sich an Cainiao’s Schnittstellen andocken.

sportFACHHANDEL: Und wie passen hier kleine, europäische Outdoormarken rein?

Karl Wehner: Gerade in den Bereichen Sportartikel und Outdoor hat China eine wachsende Nachfrage. Wenn man sich den chinesischen Konsumenten anschaut, sieht man den Trend hin zu Outdooraktivitäten, abgeleitet von dem Wunsch, die Lebensqualität zu verbessern. China hat eine stark wachsende Mittelschicht, bald eine halbe Milliarde Menschen. Da gibt es eine starke Bewegung, die gesund und aktiv sein möchte. Alibaba bzw. die B2C-Plattform Tmall steht für qualitativ hochwertige Marken. Viele Marken und Segmente sind dabei noch gar nicht erschlossen. 730 Millionen online aktive Menschen sind auf der Suche nach neuen Marken und Segmenten. Da ist das Alibaba-Ökosystem mit Tmall Global ein guter Einstieg: Man kann sich Kunden erschließen, ohne dort eine Dependance aufbauen oder ein Joint Venture eingehen zu müssen.

sportFACHHANDEL: Wo lagern denn die Waren?

Karl Wehner: Außerhalb von China. 80 Prozent der westlichen Marken schaffen ihren Einstieg in China über Cross-Border-E-Commerce, zum Beispiel mit Tmall Global. Das ist Teil der Tmall-Plattform. Es gibt die Möglichkeit des Direct Shipment, der nächste Schritt wäre ein Lager in Hongkong. Größere Unternehmen beteiligen sich an einem so genannten Bonded Warenhauses in Festlandchina.

sportFACHHANDEL: Was versprechen Sie sich von der Kooperation mit der ISPO?

Karl Wehner: Unser Ziel ist es, den Handel weltweit zu vereinfachen. Dafür suchen wir Projekte und Partner, die uns dabei helfen. Die ISPO kann unser Wissen an 4.000 Kunden weitergeben. Denn das Mindset in China ist immer schon einen Schritt weiter. Während es hier noch um on- oder offline geht, ist in China die Verzahnung völlig normal. Man muss das ganze Thema ganz anders betrachten, nämlich: Was ist digitalisiert und was nicht? In China werden 18 Prozent des Handels online abgebildet, Tendenz stark steigend. Unser Ansatz ist es, die Kundenerfahrung im stationären Handel ebenso einfach zu gestalten, indem wir bei der Digitalisierung helfen. Ein Vorzeigebeispiel sind die HEMA-Lebensmittelläden. Hier gibt es keinen Unterschied mehr zwischen online und offline.

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Schon per Flagshipstore bei Tmall in China vertreten: Mammut, Puma und der FC Bayern.
© Alibaba

sportFACHHANDEL: Wie sieht es denn aktuell im Sportartikelmarkt aus?

Karl Wehner: Wenn man zum Beispiel Zahlen aus dem weltgrößten Shoppingtag, dem Singles Day oder „Double Eleven“ am 11. November zugrunde legt, wurden 2017 innerhalb von 24 Stunden 25,3 Mrd. US-Dollar umgesetzt. Da sind deutsche Marken unter den Top 5 und viele dieser Marken sind im Bekleidungs- und Outdoor-Bereich.

sportFACHHANDEL: Was sind momentan die angesagtesten Sportarten?

Karl Wehner: Radfahren, man sieht immer mehr Rennräder; Wandern ist ganz groß, Skifahren kommt. Und natürlich Tischtennis!

Andreas Mayer

Mayer

Autor: Andreas Mayer

Chefredakteur sportFACHHANDEL / Wanderlust / SkiMAGAZIN

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Dipl. Volkswirt s.R. (Universität zu Köln) +++ zuvor u.a. Chefredakteur outdoor.markt (Jahr Top Special Verlag), Editorial Director Redaktionsbüro Wipperfürth (Köln), Redaktion & Moderation Westdeutscher Rundfunk (Köln), Börsenkorrespondent Johannesburg (Südafrika), Volontariat +++ Persönliche Interessen: Klavier, Jazz, 1.FC Köln

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 07 / 2018