• sportFACHHANDEL – Das Insider-Magazin mit News · Fakten · Hintergründen

Hintergrund: Versandhandel unter Druck

  • Marcel Rotzoll
  • Donnerstag | 07. März 2019  |  16:21 Uhr
Die so genannten „letzte Meile“ zum Kunden ist für die Versender die schwierigste. Ist der Kunde zu Hause nicht erreichbar, entstehen zusätzliche Kosten für die Zustelldienste. Nun wird über höhere Preise für die Haustürlieferung debattiert sowie über ein Gesetz zur Nachunternehmerhaftung.

Noch nie wurden so viele Pakete verschickt wie heute. Und obwohl sich der Paket-Markt durch den Onlinehandel in den vergangenen Jahren rasant verändert hat, ist eines gleich geblieben: Die Kunden erwarten, dass das Paket zu ihnen nach Hause geschickt wird. Die Folge: Nachbarn, manchmal auch die Geschäfte im Erdgeschoss, lagern die Pakete für diejenigen, die der Paketbote nicht antrifft. Gibt es den freundlichen Nachbarn oder Ladenbesitzer nicht, wird das Paket entweder bei einer Packstation oder Poststelle hinterlegt oder der Fahrer muss noch einmal anreisen. Ob der Kunde dann zu Hause ist: ungewiss. Die so genannten „letzte Meile“ zum Kunden ist deshalb die komplizierteste und mitunter teuerste Etappe im Logistikprozess. Dieser Umstand spiegelt sich allerdings nicht in den Versandkosten wieder – noch nicht. Denn zum einen bringen einige Versanddienstleister selbst nach Medienberichten Haustürzuschläge in die Diskussion ein. Zum Anderen könnte der Gesetzgeber den Markt stärker regulieren.

neuer_name
In nur 17 Jahren hat sich die Zahl der Pakete in Deutschland nahezu verdoppelt. Waren es im Jahr 2000 knapp 1,7 Milliarden Pakete, sind es 2017 bereits über 3,35 Milliarden Sendungen. Ein Ende der Paketflut ist nicht abzusehen.
© Bundesverband Paket und Expresslogistik e.V.

Ein Blick auf die Zahlen der Branche veranschaulicht das Dilemma: Noch nie war das Paketaufkommen so hoch wie heute. Im Jahr 2017 wurden in Deutschland nach Zahlen des Bundesverbands Paket und Expresslogistik (BIEK) 3,35 Milliarden Sendungen verschickt. Damit hat sich die Paketflut seit dem Jahr 2000 nahezu verdoppelt. Für 2018 liegen noch keine Zahlen vor, es wird aber erwartet, dass die Marke von 3,5 Milliarden Sendungen locker erreicht und übertroffen wurde. Der Verband prognostiziert, dass dieses Wachstum weiter anhalten wird und 2022 die Marke von 4,3 Milliarden Sendungen erreicht sein werde. Auch wenn die Branche also wächst, steht sie vor einem gewaltigen Problem: Obwohl die Zustellung immer komplizierter wird, verdienen die Dienstleister heute weniger pro Paket als im Jahr 2000. Durchschnittlich hatten die Dienstleister damals 5,94 pro Sendung erlöst. Heute sind es hingegen nur 5,78 Euro.

neuer_name
Obwohl die Zustellung der Sendungen für die Versanddienstleister aufgrund der schieren Menge immer komplizierter wird, verdienen sie an den einzelnen Paketen seit Jahren immer weniger. Seit 2012 sinken die Erlöse pro Sendung kontinuierlich, mittlerweile liegen die Erlöse unter denen des Jahres 2000.
© Bundesverband Paket und Expresslogistik

Ein Grund dafür: große Onlineversender können durch ihre schiere Marktkraft die Preise für den Versand gegenüber den Zustelldiensten hart verhandeln. Immerhin bieten viele Onlinehändler ab einem bestimmten Einkaufswert versandkostenfreie Lieferung für die Konsumenten an. Im Kampf um preissensible Kunden ein unschlagbarer Vorteil – auch gegenüber dem stationären Handel. Die sinkenden Erlöse pro Paket wiederum dürften schließlich ein Grund dafür sein, dass Hermes, DPD oder GLS im Gegenzug immer stärker auf Subunternehmen setzen, die die Lieferung übernehmen. Eines ist dabei aber klar: Während die Erwartungen der Konsumenten immer höher werden, stehen die Paketdienste selbst unter gehörigem Druck.

neuer_name
Kein Bild mit Symbolwert: Gerade für die Kuriere von beauftragten Subunternehmen bietet der Arbeitsalltag oft wenig Grund zur Freude. Damit zumindest die arbeitsrechtlichen Vorgaben eingehalten werden, will Bundesarbeitsminister Heil jetzt eigens ein neues Gesetz auf den Weg bringen.
© Zalando

Jetzt gibt es in der Branche Überlegungen, die Haustürzustellung zu einer Premiumdienstleistung zu machen, sprich höhere Preise dafür zu verlangen. Zufall oder nicht: Gleichzeitig stellte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil Pläne für ein Gesetz vor, dass durch eine Nachunternehmerhaftung sicherstellen soll, dass auch Subunternehmer korrekte Arbeitsbedingungen gewährleisten. Nachunternehmerhaftung bedeutet dabei, dass bei Verstößen gegen die gesetzlichen Regeln der eigentliche Auftraggeber in die Haftung genommen werden kann.

Beide Überlegungen, also Haustüraufschläge und ein eventuelles Gesetz zur Nachunternehmerhaftung, sprechen dafür, dass die bisherige Praxis auf dem Prüfstand steht und in Zukunft nicht weitergeführt werden kann. Für Onlinehändler dürfte das bedeuten, dass die Versandkosten steigen. Wahrscheinlich ist, dass die Versandkosten dann nicht mehr von vielen Händlern selbst übernommen, sondern an die Kunden durchgereicht werden.

Marcel Rotzoll

Rotzoll

Autor: Marcel Rotzoll

Stellv. Chefredakteur sportFACHHANDEL

Weitere Artikel …

… mit den in diesem Artikel genannten Firmen und Personen liegen derzeit nicht vor.