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OutDoor: Die Frage der Zeit

  • Andreas Mayer, Andreas Mayer, Marcel Rotzoll
  • Sonntag | 02. Juli 2017  |  13:36 Uhr
Obwohl die Verschiebung schon im Februar 2016 der Öffentlichkeit präsentiert wurde, nahm die Diskussion um den vorgezogen OutDoor-Termin erst in diesem Jahr so richtig an Fahrt auf. sportFACHHANDEL fragte nach bei Befürwortern und Kritikern und fand heraus: Das Thema hat viele Facetten …

Text: Andreas Mayer & Marcel Rotzoll

Die OutDoor war seit jeher etwas Besonderes. Bereits der Entscheid, an den Bodensee zu wechseln, war ein Zeichen dafür, dass die Outdoor-Branche zusammen steht und man gemeinsam etwas bewegen kann. Das spiegelte sich auch über Jahre in den Messehallen wieder. Im besten Sinne hemdsärmeliger, familiärer und auch freundschaftlicher ging es in den Hallen der Messe Friedrichshafen zu. Hat die OutDoor und mit ihr die Branche diesen Nimbus mit der Entscheidung für einen vorgezogenen Termin nun eingebüßt? Denn zwar wurde die im Februar 2016 veröffentlichte Neuterminierung auf der kurz vorher stattgefundenen Jahresversammlung der European Outdoor Group abgesegnet, einig war man sich im Lieferantenlager deswegen aber keineswegs. Fakt ist: Der Outdoor-Boom spätestens seit Beginn des neuen Jahrtausends rüttelte auch an den Grundfesten der Branche. Aus den kleinen Bergsport- und Nischenanbietern von einst sind teils global agierende Unternehmen entstanden, so mancher familiengeführte Hersteller ist Teil eines größeren Firmenkonglomerats geworden oder gehört gleich ganz branchenfremden Investoren. Aus einer freundschaftlich verbundenen Community sind Wettbewerber, aus gelebten Partnerschaften zwischen Händlern auf der einen und der Outdoor-Industrie auf der anderen Seite sind in vielen Fällen profane Geschäftsbeziehungen geworden. Das zeigt sich auch in der Diskussion um den neuen Termin der Friedrichshafener Leitmesse. Noch auf der ISPO war bei vielen Outdoor-Ausstellern insbesondere aus dem Schuh- und Hartwarenbereich zu hören, dass der neue Termin Bauchschmerzen verursache. Der um einen knappen Monat vorgezogene Termin bedeute, dass die Kollektionen entsprechend früher fertig sein müssten, was zu erheblichem Mehraufwand führen würde. Auch dass nicht alle Lieferanten die Kollektionen bis zum Messestart fertig hätten, war zu hören. Die Textillieferanten begrüßten die Neuregelung jedoch in der Regel einhellig.

Marmot
Andy Schimeck
© Marmot

Im Raum stand hier auch die bange Frage nach der Relevanz der OutDoor und der großen Branchenmessen allgemein. Können die deutschen Leitmessen überhaupt noch als Branchenplattformen fungieren, wenn sie durch die Branchen­entwicklung für den Sportfachhandel immer unattraktiver werden? Denn nicht jeder Händler kann und will es sich zeitlich oder finanziell leisten, OutDoor, ISPO, die diversen Ordermessen und die Besuche in den Showrooms der Lieferanten unter einen Hut zu bringen. Immer wenn die Messen nach Torschluss von einer noch größeren Internationalisierung bei nahezu gleich bleibenden Besucherzahlen sprechen, heißt das im Umkehrschluss eben auch, dass weniger nationale Fachbesucher, sprich Sportfachhändler, den Weg nach Friedrichshafen oder München gefunden haben. Ist die Neuterminierung also tatsächlich eine Entscheidung getragen hauptsächlich von den Textillieferanten, die mit mehr Vorlauf durch frühere Orders mehr Planungssicherheit für die Produktion in Fernost gewinnen? Oder ist sie auch ein Versuch, die Relevanz der OutDoor für den Sportfachhandel wieder zu erhöhen?

Lowa
Werner Riethmann
© Lowa

Marmot-Geschäftsführer Andy Schimeck sieht die Grundidee der Vorverlegung „sehr positiv“: „Durch den früheren Termin schaffen wir wieder eine echte Relevanz für die Veranstaltung“ so der Vorsitzende der Fachgruppe Outdoor innerhalb des Bundesverbands der Deutschen Sportartikel-Industrie (BSI). Und weiter: „Die Vorlagen und auch die Ordermessen der Verbundgruppen waren bisher immer schon Vergangenheit, als die OutDoor endlich die Tore öffnete.“ Dadurch hätten viele Händler die aktuelle Ware bereits mehrmals gesehen. „In Friedrichshafen wurde also nur noch Small Talk gemacht und Kaffee getrunken. Jetzt wird es wieder wie früher erst auf der Messe zum Erstkontakt mit dem Produkt kommen. Die Order kann dann ebenfalls vor Ort oder bei einem späteren Termin, zum Beispiel im Showroom, erfolgen.“ Deshalb sieht Schimeck auch nicht mehr Druck auf der Order, sondern im Gegenteil ein verbessertes Zeitmanagement „sowohl für die Industrie als auch den Handel“. Und in Bezug auf die Relevanz der Messe fügt er hinzu: „Und der Termin hilft der OutDoor – auch vor dem Hintergrund der Entwicklungen in den USA und der Ferienzeit in Skandinavien – auf dem Weg, zur weltweiten Leitmesse zu werden.“

Immer früher, immer schneller also, so wie es andere Branchen bereits vorgemacht haben? Lowa-Chef Werner Riethmann sieht die Termindiskussion als „ein Rad, das sich immer weiterdreht, bis es wieder zum Anfang kommt“. Während die textilen Designermarken zunehmend „Ready-to-buy“-Kollektionen anbieten, ist diese Entwicklung aber für traditionelle Marken, von denen es gerade in der Outdoor-Industrie viele gibt, nur unter höchsten Anstrengungen mitzuvollziehen. Denn die Geschwindigkeit der großen Konzerne können diese in Bezug auf die Kollektionen oft nicht mitgehen. Immerhin arbeiten viele dieser Lieferanten in Fernost teils seit Jahrzehnten mit denselben Produzenten zusammen. Die gesamte Produktion an einen vermeintlich schnelleren Anbieter auszulagern, ist dabei gerade für Hartwaren- und Schuhlieferanten vor dem Hintergrund von Spezialmaschinen und -Werkzeug kaum möglich.

Jack Wolfskin
Ulrich Dausien
© Jack Wolfskin

Fakt ist: Um die Kollektion nun rechtzeitig präsentieren zu können, muss sie spätestens im März stehen. Ausgeliefert wird sie aber erst von Januar bis März des folgenden Jahres. Da stellt sich mitunter nicht nur die Frage der Aktualität, sondern auch die der Finanzierung. Denn obwohl die Branche nun gezwungen ist, die Kollektion einen Monat früher zu präsentieren, werden deshalb nicht unbedingt früher Aufträge geschrieben. Im Gegenteil: „Wir werden sehen, ob die immer früheren Messetermine dazu führen, dass der Handel eine noch größere Risikoverteilung zu Lasten der Hersteller fordern wird,“ mahnt nicht nur Werner Riethmann.

Einig sind sich aber offensichtlich aber viele Beteiligten, dass die vergangenen und derzeitigen Diskussionen um den Messetermin nicht dazu führen dürfen, dass sich die Branche auseinander dividieren ließe. Die Entscheidung wurde innerhalb der European Outdoor Group (EOG), dem „Besitzer“ der OutDoor, per demokratischer Wahl getroffen. Und letztendlich steht und fällt der Erfolg des neuen Termins mit der Akzeptanz durch den Fachhandel. Einer, der beide Seiten kennt, ist Ulrich Dausien. Einst als Gründer von Jack Wolfskin Mitbegründer der OutDoor, steht er heute für den Filialisten McTrek. Für letzteren sei der Termin kein Nachteil, „weil wir uns schon gerne im Juni einen Überblick darüber verschaffen, was im nächsten Jahr so kommt“. Generell sieht er aber die Gefahr, dass „ein früherer Termin zu Lasten des Handels geht. Viele kleinere Fachhändler werden nicht hingehen, weil sie noch gar keine Zahlen und Daten haben zu diesem Zeitpunkt.“ „Viele unserer Kunden aus dem Einzelhandel würden die Messe am liebsten noch früher ansetzen“, berichtet dagegen Thomas Lange, Sales Director EMEA beim US-Schuster Keen. „Bei Keen sprechen wir jetzt wieder ganz bewusst von einer Handelsmesse. Denn sie erfüllt wieder ihren ursprünglichen Zweck einer Ausstellung, auf der sich alle Marktteilnehmer präsentieren und informieren sowie ihre Kaufentscheidungen treffen können – ohne Zeitdruck.“

Sport 2000
Hans-Hermann Deters
© Sport 2000

Die Juli-OutDoor litt zunehmend unter der Konkurrenz mit den Odermessen der großen Verbundgruppen, die zuletzt bereits Anfang Juli stattfanden. Dies hat dazu geführt, dass die Messe in Friedrichshafen größtenteils nur noch Schaulaufen und Kaffee-Trinken war, weil die Kollektionen entweder bereits vorher schon begutachtet werden konnten oder manche Deadlines zum Messebeginn sogar schon verstrichen waren. er Juni-Termin der OutDoor führt nun also dazu, dass viele Händler die Kollektionen in Friedrichshafen wieder zum ersten Mal sehen und man somit mehr Zeit für die Order habe. Gleichzeitig heißt der neue Termin aber auch, dass bereits zu einem Zeitpunkt Order-Entscheidungen getroffen werden sollen, zu dem die aktuelle Saison gerade erst begonnen hat und mögliche aktuelle Entwicklungen und Zahlen also gar nicht mehr in die Entscheidung einfließen können. Auch im Sportfachhandel kann die neue Terminierung also zu mehr Druck und einem höheren Risiko führen, wenn die Industrie die Order-Deadlines ebenso anpasst.

Intersport
Jochen Schnell
© Intersport

„Für uns ist die frühe Ansetzung besser“, so Sport 2000-Geschäftsführer Hans-Hermann Deters, „denn der neue Termin kommt unserer nachgelagerten Händler-Ansprache mit den Outdoorprofi- und Laufprofi-Ordermessen Anfang Juli entgegen.“ Man spreche sich für die großen deutschen Leitmessen aus, die ihre Relevanz als Branchentreff

behalten sollen: „Auf diesen Großmessen diskutieren wir mit unseren Lieferanten übergreifende Themen wie Marketing, Trends und Innovationen, die während einer Ordermesse zu kurz kommen.“ Deshalb empfehle man den Partnern, zu denen neben den vielen Multisporthäusern auch die Spezialisten der Outdoorprofis gehören den Messebesuch. „Denn sie profitieren von einem gemeinsamen Marktplatz aller relevanten Marken, sie werden über Neuheiten und Trends informiert und können sich damit gut auf die nachgelagerte Order vorbereiten.“

Genau darauf weist auch Outdoorprofi Andreas Winkenhoff von Sport Spezial in Aachen hin. Aus Handelsicht mache der frühere OutDoor-Termin unbedingt Sinn. Sein Argument: „Bisher war es doch so, dass zur OutDoor manche Deadlines der Lieferanten schon überschritten waren und wir gar nicht mehr ordern konnten. Jetzt können wir uns wieder auf der OutDoor informieren und uns alle Kollektionen genau anschauen, bereits erste Entscheidungen treffen und kurz darauf auf unserer Ordermesse ordern.“

Aus denselben Gründen begrüßt auch Intersport-Vorstand Jochen Schnell den neuen Termin: „So kann die OutDoor im Vorfeld unserer Intersport-Ordermesse im Juli in Heilbronn noch mehr Lust auf das Segment Outdoor machen. Schließlich handelt es sich um eine der wichtigsten Kategorien für unsere Händler. Auf der OutDoor können sich die Händler über den Austausch mit Branchen-Experten und Partnern wertvolle Erkenntnisse und Ideen holen, die sie dann direkt auf unserer Ordermesse einfließen lassen. Die OutDoor sollte sich deshalb viel stärker als Netzwerkplattform profilieren. Gleichzeitig muss es den Messeverantwortlichen gelingen, einen echten Mehrwert für Händler zu schaffen. Das heißt, wir erwarten von der Industrie innovative Neuheiten und Ideen, die Orientierung und Inspiration bieten.“ Gleichzeitig warnt Jochen Schnell aber auch, dass der vorgezogene Termin nicht bedeuten dürfe, dass die Order-Deadlines der Industrie nach vorne rücken: „Unsere Händler brauchen ausreichend Informationen aus der laufenden Saison, um ihre Order zu gestalten. Das muss weiterhin gewährleistet werden.“

Der Rauch der Diskussion über die Neuterminierung der OutDoor wird sich legen. Innerhalb der OutDoor-Industrie gibt es trotz allem nach wie vor einen starken Willen, die Branche gemeinsam zu gestalten. Letztlich wird entscheidend sein, ob der Sportfachhandel den Termin mitträgt. Unter der Voraussetzung, dass sich trotz des Juni-Termins die Order-Deadlines nicht verschieben und so genug Zeit bleibt, um aktuelle Saisonzahlen bei der Planung zu berücksichtigen, kann auch der Sportfachhandel offensichtlich gut mit den Veränderungen leben. Bereits zur Bekanntgabe des neuen Messestarts hatte EOG-Geschäftsführer Mark Held formuliert: „Die naheliegende Frage, ob sich damit nicht auch die Ordertermine nach vorne verschieben, kann mit einem klaren ‚Nein‘ beantwortet werden. Wir erwarten, dass Auftragsdaten so bleiben, wie sie jetzt sind.“

Messe Friedrichshafen
Outdoor ist mehr als Bergsport. Die Zielgruppen sollen erweitert werden.
© Messe Friedrichshafen
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Autor: Andreas Mayer

Chefredakteur

Mayer

Autor: Andreas Mayer

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Rotzoll

Autor: Marcel Rotzoll

Stellv. Chefredakteur sportFACHHANDEL

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 07 / 2017