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Kommentar: Zur Zukunft von Fachmessen

  • Marcel Rotzoll
  • Dienstag | 11. Februar 2020  |  12:45 Uhr
Ja, eine Leitmesse als Branchenschaufenster ist wichtig. Das allein wird einer Leitmesse aber nicht das Überleben sichern, wenn die Fachbesucher sich abwenden. Die Frage muss also lauten: Wie kann eine Messe noch attraktiver für die Besucher werden? sportFACHHANDEL-Redakteur Marcel Rotzoll hat eine mögliche Antwort …
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Die Bühne der ISPO Academy im Foyer West war in diesem Jahr häufig gut besucht. Viele andere Vorträge und Weiterbildungsangebote hingegen fristen nur ein Schattendasein. Dabei könnten diese die Zukunft der Leitmesse sein.
© Messe München

Ich selbst zähle mich eindeutig zu den ISPO-Fans. Meiner Meinung nach gibt es keinen anderen Ort, an dem man auf einen Blick an den Trends der Branche fühlen, sich mit seinen wichtigen Partnern treffen, sich mit Kollegen austauschen und in diversen Vorträgen und Diskussionsrunden über den Tellerrand hinausschauen kann. Aber was nützt das schon? Dass ich und offenbar circa 80.000 andere Fachbesucher ISPO-Fans sind, wird die Messe langfristig nicht retten.

Denn der Trend spricht aktuell gegen die Leitmesse: Mehr Internationalität bei nahezu gleichbleibender Besucherzahl bedeutet, dass wieder weniger Fachbesucher – also Sportfachhändler – aus Deutschland nach München gereist sind. Die ISPO – so muss man schlussfolgern – verliert weiter an Relevanz für die heimischen Händler. Das haben offenbar auch viele Aussteller erkannt: Dass die Skiindustrie das Investment in den großen Messeauftritt Jahr für Jahr hinterfragt, ist kein Geheimnis. Andere Aussteller haben bereits die Standfläche verkleinert. Die mittlerweile ermüdende Diskussion darüber, die Messe anders zu terminieren und der dabei offen zu Tage tretende Bruch zwischen Textil- und Hartwarenlieferanten sorgt auch nicht für mehr Ruhe.

Braucht man solch große Messen wie die ISPO also überhaupt noch? Braucht der Sportfachhandel „vier Tage voller Impulse und ergiebiger Kontakte“? Für viele Händler ist die Antwort: Nein, eine solche Messe braucht man nicht. Die Order wird größtenteils ohnehin woanders geschrieben, nämlich in den Showrooms der Lieferanten und auf den Ordermessen der Verbundgruppen. Für ein Meet & Greet nach München zu reisen, macht unter diesen Voraussetzungen wenig Sinn. Genauso wenig Sinn übrigens wie die Hausmessen der Lieferanten, ob sie nun Convention oder sonstwie genannt werden. Diese sind überflüssig wie ein Kropf! Letztlich produzieren sie für den Händler nur noch mehr Kosten. Würde zudem jeder Lieferant seine eigene „Convention“ veranstalten und würden Händler diese auch tatsächlich besuchen, wer soll dann noch auf der Fläche im Handel stehen? Wenn aber eine Leitmesse als Treffpunkt nicht nachhaltig funktioniert, wäre es dann nicht an der Zeit, das Messeformat radikal zu überdenken?

Ein Vorschlag: Wohl kaum ein Thema wird derzeit so heiß diskutiert wie Mitarbeitergewinnung und -qualifikation. Hier könnte eine Messe der Zukunft ansetzen.

Einige Lieferanten „belohnen“ ihre Handelspartner bereits heute dafür, wenn diese ihre Verkäufer zu Schulungen schicken, beispielsweise durch bessere Konditionen. Eine Messe könnte von den Lieferanten deshalb auch genutzt werden, um neben den vielfältigen Vortrags- und Diskussionsangeboten zusätzlich wichtige Produkt- und Markenschulungen durchzuführen. Wenn den Händlern dafür beispielsweise über ein Punktesystem handfeste (Konditions-)Vorteile entstünden, würde auch die Bereitschaft steigen, die Anreise zur Messe in Kauf zu nehmen. Dass die teils außerordentlich guten Vorträge sowie Academy- und Schulungsangebote, die bereits heute auf der ISPO stattfinden, mitunter deprimierend schlecht besucht sind, würde dadurch der Vergangenheit angehören.

Für die Lieferanten auf der anderen Seite dürften sich die Mehrkosten dafür in Grenzen halten. Immerhin sind die meisten ohnehin in Mannschaftsstärke auf der Messe vertreten. Während sich aber heute viele Außendienstler auf der Messe eher die Beine in den Bauch stehen als Händlerkontakte pflegen zu können, könnten diese in Zukunft die Betreuung der Schulungen übernehmen.

Positiver Nebeneffekt: Wenn die Sportfachhändler, ihre Einkäufer und mit ihnen auch der eine oder andere Verkäufer schon einmal da sind, ist auch Zeit, um sich in den Messehallen umzusehen. Um neue Marken zu entdecken, neue Produkte zu bewerten und zu testen, neue Trends aufzuspüren.

Könnten so nicht aus den Messetagen tatsächlich wieder vier Tage „voller Impulse und ergiebiger Kontakte“ werden? Und zwar sowohl für den Sportfachhandel als auch die Aussteller?

Marcel Rotzoll

Rotzoll

Autor: Marcel Rotzoll

Stellv. Chefredakteur sportFACHHANDEL

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