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Messen

Klaus Dittrich: "Wir sind in einem Umbruch, der letztendlich alle Branchen betrifft"

  • Andreas Mayer
  • Sonntag | 28. Januar 2018  |  16:10 Uhr
In einer Zeit, in der physischer Messen für manche Unternehmen nur noch ein Weg zur Kundenansprache sind und Fachhandels- und Endverbraucherkommunikation zunehmend ineinander greifen, müssen sich die Messegesellschaften neu erfinden. Darüber sprach sportFACHHANDEL mit Klaus Dittrich, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe München.

Interview: Andreas Mayer

sportFACHHANDEL: Herr Dittrich, wünschen Sie sich manchmal, lieber früher Messechef gewesen zu sein, als es nur darum ging, möglichst viel Fläche zu verkaufen?

Klaus Dittrich: Nein. Ich finde die heutige Zeit viel spannender. Durch die Digitalisierung herrscht eine große Dynamik und es bieten sich neue Chancen. Heute stehen wir vor viel größeren Herausforderungen als nur möglichst viel Fläche zu vermieten.

sportFACHHANDEL: Wie hat sich das Geschäft denn genau verändert?

Klaus Dittrich: Bei der ISPO haben wir bereits 2010 begonnen, zusätzlichen Mehrwert über die reine Messeveranstaltung hinaus zu schaffen, indem wir Angebote für die Branche entwickelten, die 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag, funktionieren. Wir haben dieses Angebot über die Jahre hinweg sukzessive ausgebaut. Heute gilt die ISPO unter all unseren Messeveranstaltungen als Vorreiter für die digitale Zukunft. Wir werden 2018 zum 30. Mal ISPO Brandnew ausloben, einen der größten Wettbewerbe für Sport-Start-ups weltweit. Mit ispo.com wurde ein News-Hub aufgebaut. Damit verlängern wir unsere Reichweite über die Messehallen hinaus Richtung Konsument. Das entspricht auch dem Trend in der Industrie, mehr in die direkte Endverbraucherkommunikation zu investieren.

sportFACHHANDEL: Daher auch die Diskussionen um eine Endverbrauchermesse?

Klaus Dittrich: Wir haben uns immer gegen eine Öffnung der ISPO Munich für Endverbraucher ausgesprochen. Wir können uns nicht als Fachmesse für den Sportfachhandel positionieren und zum Ende der Veranstaltung ein oder zwei Tage für Sportbegeisterte aus Oberbayern anhängen - das passt nicht zusammen. Deshalb haben wir neue Lösungen gesucht und gefunden. Zum Beispiel ISPO Open Innovation, eine Plattform, über die die Endverbraucher in die Entwicklung von Produkten einbezogen werden können. Auch hier geht es darum zusätzlichen Mehrwert für eine Messebeteiligung zu schaffen. Früher gab es in der Entscheidungsfindung nur Schwarz oder Weiß - entweder ausstellen oder nicht ausstellen. Heute bieten wir unseren Kunden eine ganze Palette von Möglichkeiten, die ISPO als Plattform zu nutzen.

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"Wichtig ist, dass wir wach sind und offen bleiben für Neues." – Klaus Dittrich, Vorsitzender der Geschäftsführung Messe München
© Messe München

sportFACHHANDEL: Wer ist denn für Sie die Hauptzielgruppe einer Messe?

Klaus Dittrich: Auf der einen Seite sind Sie nach wie vor auf Händler angewiesen, die die Messe besuchen, auf der anderen Seite richten Sie sich direkt an den Endverbraucher, also am Handel vorbei. Ich glaube, das widerspricht sich nicht. In erster Linie geht es uns darum, Angebot und Nachfrage zu verbinden. Der ISPO Award ist dafür ein gutes Beispiel. Für den Fachhandel bietet er eine gute Orientierung in der großen Produktvielfalt einer Messe. Für die Hersteller ist der ISPO Award ein hervorragendes Marketinginstrument. Und wenn die Ware im Fachgeschäft ist, bietet dieses Gütesiegel dem Endverbraucher Orientierung. Es profitieren also alle davon.

sportFACHHANDEL: Aber Sie verlieren doch mit diesem digitalen Geschäftsmodell im Vergleich zum reinen Verkauf von Quadratmetern Geld?

Klaus Dittrich: Nicht unbedingt. Natürlich sind wir nicht glücklich, wenn ein Hersteller nicht mehr ausstellt. Und natürlich wollen wir, dass die wichtigsten Player vor Ort sind. Atomic und Salomon haben sich entschieden, 2018 nicht auf der ISPO Munich auszustellen. Das bedauern wir sehr und hoffen auch, dass wir sie wieder zurückgewinnen können. Dafür werden wir alles tun. Doch dank unserer verschiedenen, digitalen Services haben wir Atomic und Salomon nicht für die ISPO verloren, sondern konnten ihnen ein anderes Angebot machen - das sie auch schon nutzen und entsprechend bezahlen.

sportFACHHANDEL: Wenn große Marken fehlen, leidet aber auch die Reputation, was langfristig einen noch größeren Schaden anrichten kann als Umsatzeinbußen …

Klaus Dittrich: Natürlich lebt eine Messe von großen Marken. Aber Fakt ist auch, dass die ISPO Munich 2018 mehr Aussteller und Fläche aufzeigen wird als im Vorjahr.

sportFACHHANDEL: Im vergangenen Jahr haben Sie Adidas als Rückkehrer gefeiert und ziemlich hofiert. Das hat bei manch zahlendem Aussteller durchaus für Verstimmung gesorgt …

Klaus Dittrich: Hofieren würde ich das nicht nennen. Aber wenn Adidas nach elf Jahren zurückkehrt, verdient diese Tatsache eine angemessene Aufmerksamkeit. Diese Rückkehr dient der gesamten ISPO Gruppe. Adidas ist übrigens 2018 auch als Aussteller wieder mit von der Partie. Es geht darum, einen Markt möglichst vollständig abzudecken. Früher verging kaum eine Pressekonferenz zur ISPO Munich, auf der nicht die Frage aufkam: Wo sind eigentlich die Marktführer? Jetzt haben wir einen mit Hilfe unserer digitalen Angebote zurückgeholt. In diesem Jahr wird ein Schwerpunkt "Digitalisierung im Sportfachhandel" lauten. Zum Beispiel bieten wir Fachhändlern einen "Digital Readyness Check" an und präsentieren ihnen Angebote, wie sie sich verbessern können. Und im Sommer launchen wir eine Veranstaltung mit dem Namen "Digitize Summit by ISPO Academy", bei der Adidas als Hauptpartner dabei ist. Mit ihrer "Speed Factory" geht auch das Unternehmen neue Wege, sowohl in der Fertigung als auch in Produktpräsentation.

sportFACHHANDEL: Wem "gehört" eigentlich die ISPO? Die OutDoor gehört ja zum Beispiel der EOG ...

Klaus Dittrich: Die ISPO gehört der Messe München. sportFACHHANDEL: Das heißt, die Unternehmen, die Teil der EOG sind, haben in München kein Mitspracherecht in Sachen Inhalte, Gestaltung etc.?

Klaus Dittrich: Doch, wir haben einen Fachbeirat mit Repräsentanten der Aussteller und der Besucher. Der Fachhandel ist zum Beispiel über den Vorsitzenden des Verbands Deutscher Sportfachhandel, Sport 2000 und Intersport vertreten. Mit ihnen und den Ausstellern diskutieren wir intensiv das Konzept der Messe, wir entwickeln es weiter, greifen neue Themen auf. Das ist auch in unserem Interesse. Wir machen die Messe nicht für uns, sondern für die Aussteller und die Besucher. Da ist ein enger Dialog ganz entscheidend. Im Übrigen sind auch die European Outdoor Group und der Bundesverband der Sportartikelindustrie in unserem Fachbeirat vertreten.

sportFACHHANDEL: Sind Sie eigentlich eher Beamter oder Unternehmer?

Klaus Dittrich: Eindeutig Unternehmer, überhaupt kein Beamter! Die Messe München ist ein Unternehmen im Wettbewerb und ein Unternehmen, das ergebnisorientiert wirtschaftet und sich in den letzten Jahren sehr stark internationalisiert hat. Natürlich können wir nicht agieren wie ein börsennotiertes Unternehmen, das sich nur am Quartalsgewinn orientiert, aber das hat auch seine Vorteile: Wir sind auf Nachhaltigkeit angelegt, eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit unseren Kunden ist ganz elementar. Und wir sind standortgebunden, das heißt, wenn eine Messe nicht mehr so gut funktioniert, dann wird alles dafür getan, um sie am Standort München wieder erfolgreich zu machen.

sportFACHHANDEL: Das heißt, Sie können nicht einfach am Ende des Jahres zum Bürgermeister gehen und sagen: "Stopfen Sie mir die Löcher in der Kasse"?

Klaus Dittrich: Nein. Früher haben wir tatsächlich Zuschüsse bekommen, aber seit acht Jahren nicht mehr. Ein Grund für die Zuschüsse war die Investition in unser neues Gelände, das 1998 eröffnet wurde. Die Kosten betrugen damals 1,2 Milliarden Euro, die wir bei einem Jahresumsatz von 200 Millionen Euro nicht selbst finanzieren konnten.

sportFACHHANDEL: Wie sieht denn eigentlich Ihr typischer Arbeitstag aus?

Klaus Dittrich: Er besteht aus ganz unterschiedlichen Themen und Tätigkeiten. Jeder Geschäftsführer trägt einen Teil der Messeverantwortung, bei mir sind das die ISPO sowie unsere Messen für Schmuck und Uhren, Baumaschinen und Immobilien. Alle diese Messen sind international ausgerichtet. Wir veranstalten die ISPO nicht nur in München, sondern auch in Peking und in Shanghai, die Baumaschinenmesse BAUMA findet neben Deutschland auch in China, Indien, Südafrika, Russland und Brasilien statt. Aus diesem Grund bin ich viel auf Reisen. Aber es ist ein spannender Job! Wir haben zum Beispiel einen eigenen Geschäftsbereich Digital etabliert. In diesem Geschäftsbereich werden digitale Produkte entwickelt, mit denen wir neue Umsätze generieren wollen. Dafür haben wir einen jungen Chief Digital Officer angeheuert, der erst Anfang 30 ist. Es ist wichtig den Wandel der Unternehmenskultur weiterzuentwickeln. Wir sind in einem Umbruch, der letztendlich alle Branchen betrifft. Keiner hat bisher den Königsweg in der Digitalisierung gefunden. Auch wir führen ständig Diskussionen über den richtigen Weg. Manches funktioniert, manches funktioniert nicht. Dann muss man vielleicht ein bisschen nach links gehen oder nach rechts, oder auch ein paar Meter zurück und einen neuen Anlauf versuchen. Wichtig ist, dass wir wach sind und offen bleiben für Neues.

Herr Dittrich, vielen Dank für Ihre Zeit und das Gespräch!

Zur Person: Klaus Dittrich

Klaus Dittrich, geb. 1955 in Gauting bei München, ist seit Januar 2010 Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe München GmbH. In dieser Funktion ist er auch für die Gesamtleitung und Koordination des Konzerns Messe München zuständig. Nach dem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft trat er 1980 beim Freistaat Bayern in den Öffentlichen Dienst ein. Darüber hinaus sammelte er in verschiedenen Aufsichts- und Verwaltungsräten Wirtschafts- und Branchenerfahrung. Von 1990 bis 1995 war Dittrich Mitglied des Stadtrates der Landeshauptstadt München. Im Ausschuss für Arbeit und Wirtschaft sowie im Ausschuss für Stadtplanung und Bauordnung wirkte er u.a. an der Vorbereitung und Ausgestaltung des neuen Messegeländes mit. Von 1997 bis 1999 gehörte Klaus Dittrich dem Bayerischen Senat an. Dittrich ist Mitglied im Vorstand des Ausstellungs- und Messeausschuss der Deutschen Wirtschaft (AUMA) und Vorsitzender der FKM - Gesellschaft zur Freiwilligen Kontrolle von Messe- und Ausstellungszahlen. Er gehört dem Board of Directors des Weltverbands der Messewirtschaft (UFI) an, ist Mitglied im Präsidium des Wirtschaftsbeirats Bayern, Vorstandsmitglied der italienischen Handelskammer München-Stuttgart, Vizepräsident des Export-Clubs Bayern sowie des Senats der Wirtschaft und Mitglied der Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern. Er wurde darüber hinaus in die Beiräte der Bayern LB, der Stadtsparkasse München, der Commerzbank sowie des TÜV Süd berufen.

Mayer

Autor: Andreas Mayer

Chefredakteur sportFACHHANDEL / Wanderlust / SkiMAGAZIN

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 02 / 2018