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Diskussion um die ÖSFA: Individualismus vs. Geschlossenheit

  • Hildegard Suntinger
  • Donnerstag | 07. Januar 2016  |  10:33 Uhr
2013 fand die Sommer-ÖSFA in ihrer 50. Auflage das letzte Mal statt. Der Grund: Termindiskussionen und mangelnde Frequenz. Zudem war die Zahl der Orderplattformen gewachsen. Wechselhaft in ihren Orderplattformen zeigte sich zuletzt auch die Bikebranche, die von der Brandboxx zur Reed Messe wechselte und jetzt auf die Messe Wels und die Brandboxx aufgesplittet ist.
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Die „Best of Bike 2015“ wurde gecancelt und die Bike-Aussteller teilen sich auf die „Bike Order“ in der Brandboxx Salzburg und „Arge Fahrrad Ordertage“ in der Messe Wels auf.
© Bandboxx Bike Order

Text: Hildegard Suntinger, Wien

Mit der Sommer-ÖSFA wurde die Geschlossenheit zugunsten der Individualität aufgegeben. Deren Funktion als Angebotsüberblick und Branchentreffpunkt wird zwar bedauert, aber da seit dem Abgang von Sport Eybl der Premiummarkt ausgedünnt ist, kommen Sparmaßnahmen gerade recht. Außerdem konnte sich ja auch eine internationale Sommer-ISPO nicht halten, wie sollte es dann einer nationalen ÖSFA gelingen? Wie Franz Alton, unabhängiger Sportfachhändler sowie Fachgruppenobmann Sportfachhandel in Vorarlberg anmerkt, ist durch die Veränderungen in der Handels- und Messelandschaft alles flexibler geworden. Jetzt seien es eben OutDoor und Eurobike, die das komplette Programm anbieten. Der zentrale Orderplatz bleibe aber Salzburg, wo es nicht mehr um die Show sondern um die Order gehe.

Als Antwort auf die Terminproblematik hat die Brandboxx 2014 erstmals drei im Juli, August und September gesplittete Ordertermine angeboten. Wobei der Juli-Termin kaum Frequenz zeigte und 2015 gestrichen wurde. Wie Karin Berger, die Leiterin der Sportmessen betont, sei die Trennung der Termine in Hartware und Textil entscheidend gewesen, um den verschiedenen Produktionszyklen gerecht zu werden. Ergo dessen werde die Order Textil vom 18. - 20. August und die Order Hartware von 6. – 8. September abgewickelt. Die Ordertermine sind schon allein durch die 77 Fixmieter aus dem Sportartikelsektor gerechtfertigt. Die Zahl der temporären Textilaussteller liegt bei sechs, das Hartware-Angebot ist auf die Fixmieterschaft konzentriert. Im wenige Gehminuten entfernten Gusswerk Salzburg sind weitere 33 Mieter aus dem Sportartikelsektor fix eingemietet. Es ist also schon allein die Angebotsdichte, die Salzburg zum zentralen Orderplatz macht. Über die Ordertage hinaus stehen die Showrooms der Fixmieter den Händlern sechs Monate im Jahr über Terminvereinbarung offen.

Terminprobleme gibt es aber nicht nur auf Lieferanten-, sondern auch auf Händlerseite. Weil sich auch die aktualisierten Ordertermine schwer mit dem Terminkalender von Händlern in Tourismusregionen vereinbaren lassen.

Hannes Hettegger jun. ist Sport 2000 Mitglied in Bad Ischl und würde sich Ordertermine Textil ab Anfang September und Ordertermine Hartware ab Ende September wünschen. Weil die Sommerorder aber in die hektische Hauptsaison Juli/August falle, könne immer nur eine Person zur Order fahren. Um aus dem vollen Sortiment wählen zu können, müsse schon im Juli geordert werden; später seien die Kontingente bei interessanten Produkten bereits ausgeschöpft, so Hettegger. Orderplätze, die er nutzt, sind Brandboxx und Sport 2000. In der Hartware wickelt er Termine mitunter noch über den Außendienst im Haus ab.

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Die restriktive Vertriebspolitik globaler Brands, macht den Zugriff auf deren Sortimente für kleine Händler schwierig. Sport 2000 will das mit Hausmessen ändern.
© Sport 2000 Österreich

Zur komplexen Terminproblematik kommt eine weitere Erschwernis, nämlich die restriktive Vertriebspolitik globaler Brands, die deren Sortimente kleinen Händlern zunehmend schwer zugänglich macht: Im ca. 60 km von Salzburg entfernten Ohlsdorf erweiterte Sport 2000 deshalb unlängst die Zahl der Hausmessen von zwei auf drei und versammelte vom 5. bis 7. Juli 2015 erstmals rd. 15 namhafte Marken mit Ganzjahressportsortiment; darunter auch Adidas und Nike. Nach Ausstelleraussagen war die Frequenz so hoch wie noch nie.

Die Zentrale meldete 95 Händler, wovon 80 aus Österreich und 15 aus Bayern waren. Die weiteren Termine hat Sport 2000 ebenfalls in Textil (5. – 7. August) und Hartware (1. – 3. September) getrennt. „Mit der neuen Ordermesse bieten wir unseren Händlern die Möglichkeit, gewisse Markenware auch außerhalb des Sport 2000 Großhandelssortimentes zu begutachten und Ansprechpartner der Marken persönlich anzutreffen“, erklärt Holger Schwarting, Vorstand von Sport 2000 Österreich. Bei Intersport datieren die Hausmessen in die Gründungszeit zurück. Anders als bei Sport 2000 stellen diese jedoch lediglich die Selektion der Zentrale dar, d.h. eigene Präsentationen von Lieferanten sind nicht vorgesehen. Das Aus für die Sommer-ÖSFA habe die Strategie der Einkaufsgemeinschaft in keiner Weise beeinflusst, so Geschäftsleiter Vertrieb & Marketing Franz Koll. Zum einen wegen der von jeher geringeren Bedeutung und zum anderen, weil die saisonal drei Hausmessen das schlagkräftige Sortiment für die Mitglieder gewährleisten sollen. „Zweck ist es, einen Marktüberblick zu geben – gesamt und auch bezogen auf die einzelnen Erlebnisbereiche bzw. Sortimente – sowie einen Überblick über die Performance der jeweiligen Marken in den einzelnen Bereichen“, so der Intersport-Manager.

Auch im ABC Ausstellungs- und Bildungscenter Tirol im Gewerbegebiet Innsbruck, das rund 180 km von Salzburg westwärts liegt, wurde aktuell eine Erweiterung der Ordertermine durchgeführt: Vom 28. bis 30. Juli fanden erstmals die „Outdoortage West“ statt. Von 24. bis 26. August folgt der seit 1997 etablierte Termin der „Ismag“ und zwischen 28. September und 7. Oktober die „Mountain Shoe Days2. Das 34 Räume umfassende Ausstellungscenter ist ähnlich wie die Brandboxx mit einer Immobilie verbunden, die 40 Showrooms hauptsächlich fix aber auch temporär vermietet. In dieser Synergie kann ein relativ dichtes Orderangebot geboten werden und die Orders haben sich bei großteils tourismusorientierten Händlern aus Tirol und Vorarlberg aufgrund von Nähe und Termin etabliert, wie Franz Oberacher, der GF des ABC erklärt. Textil ist im Sommer kaum ein Thema. Das Hartwaresegment ist jedoch kontinuierlich gewachsen. Zur Winterorder ist die Fläche den ganzen April über mit Hartware-Anbietern ausgebucht. Große Resonanz fanden auch die Produktschulungen für Händler, die im Oktober 2014 erstmals mit den Fixmietern veranstaltet wurden.

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Das ‚ABC Ausstellungs- und Bildungscenter Tirol’ kann ein relativ dichtes Orderangebot bieten und hat sich bei großteils tourismusorientierten Händlern aus Tirol und Vorarlberg etabliert.
© ABC

Im Vergleich zu den bisher genannten Orderplattformen ist jener, den das MGC Wien bietet, eine konstante Größe, wie Isabella Wimmer, Marketing Publikumsmessen, betont. Zur Sportorder sind i.d.R. 20 bis 30 Aussteller aus dem Bekleidungs- und Schuhsegment präsent. Hartware-Anbieter nehmen die Plattform nicht wahr. Die vergangene Sport & Dessous von 5. bis 6. August litt an einer Überschneidung mit der Order Textil der Sport 2000 und zählte lediglich acht Aussteller.

Durch die terminliche Kombination mit 12 Bademodenanbietern, war es am Ende doch noch ein respektabler Event.

Veränderter Informationsfluss

Reinhard Hetzeneder, Verkaufsleiter bei Löffler, merkt an, dass sich nicht nur die Messe- und Ordersituation, sondern auch der Informationsfluss verändert habe. So seien die Händler zum Zeitpunkt der Order schon durch Online-Präsentationen oder persönliche Gespräche informiert. Sein Unternehmen ist auf allen Orderplattformen präsent und zusätzlich bietet der Außendienst lokal temporäre Showrooms. Zitat: „Wir verlangen von keinem Händler, dass er 200 km fährt – außer er kann es mit weiteren Terminen verbinden. Zu wichtigen Kunden fahren wir auch hin.“ Im Bikesektor nutzt Löffler lediglich die Eurobike, die unumgänglich sei, so Hetzeneder, auch wenn der Termin Ende August für den Bekleidungssektor spät sei. Am Heimmarkt nimmt Löffler an keinen einschlägigen Messe- und Orderveranstaltungen teil, sondern ist Fixmieter der Brandboxx und auf oben genannten Orderplattformen präsent. So gesehen ist es eine glückliche Fügung, dass die Brandboxx Salzburg vom 6. bis 8. September 2015 erstmals die „Bike Order“ veranstaltet – zeitgleich mit der Sportorder Hartware. Die Veranstaltung deckt die Bereiche Bike, Radsportzubehör und -ausrüstung sowie Textil ab. Das Angebot wird von 20 Fixmietern und 13temporären Präsentationen gestellt.

Die Brandboxx hatte von 1984 bis 2012 die „Bike & Trimm“ im Portfolio, die in diesem Zeitraum die einzige und größte Radsportmesse Österreichs war. 2012 hatte sich die „Arge Fahrrad“ als nationale Vereinigung von Industrie, Import und Großhandel aus dem Fahrradsegment wegen begrenzter Flächenverfügbarkeit von der Bike & Trimm abgewandt, um zur „Best of Bike“ der Reed Messe Salzburg zu wechseln. Anfangs konnte auch eine Frequenzsteigerung verzeichnet werden. 2014 brachte es die Messe auf 80 Direktaussteller mit 275 Marken und 2100 Fachbesucher aus Österreich und dem südbayrischen Raum. Da die Messe aber nicht für alle Arge-Mitglieder die beste Lösung war, erfolgte eine neuerliche Re-Orientierung. Der Abgang der 14 Mitglieder mit 100 Marken führte zum vorläufigen Ende der Best of Bike, die 2015 gecancelt wurde.

Wie Arge Fahrrad-Obmann und Thalinger Lange Geschäftsführer Fred Schierenbeck erklärt, wollte man auch zukünftig geschlossen auftreten und habe deshalb die Dinge selbst in die Hand genommen, um einen eigenen Order-Event zu schaffen. In den gemeinsamen Überlegungen zur Ausrichtung habe sich guter Service und Zeit für die Gespräche mit den Händlern als vorrangiges Anliegen der Arge gezeigt. In der Folge war es die Messe Wels, die das beste Angebot unterbreitete. Weiters entschied man, die Order über vier Tage laufen zu lassen. Zuvor waren es drei. Die ’Arge Fahrrad Ordertage’ finden erstmals vom 12. Bis 15. September statt. Der Angebotsfokus liegt auf Fahrrad, Komponenten und Zubehör.

Im Fahrradmarkt ist die Situation ähnlich wie im Sportartikelmarkt. Die Ordergepflogenheiten haben sich individualisiert. Roswitha Sturm von 2-Rad-Sturm in Traun freut sich, dass die Orderplattform der Arge räumlich näher rückt. Die meisten Großhändler kommen schon im Vorfeld ins Haus und so werden ihre Einkaufsverantwortlichen gut vorbereitet zu den Ordertagen erscheinen. Bekleidung spielt eine Nebenrolle im Sortiment und die gezählten Orders werden über den Außendienst im Haus abgewickelt. Martin Rösner, Geschäftsführer von Mountainbiker in Wien, erklärt, dass er nur mehr die Interbike in Las Vegas und die Eurobike in Friedrichshafen besuche und den Großteil der Order schon Ende Juli abgeschlossen habe. In seinem Sortiment fokussiert er zwei große amerikanische Brands, die die Order jeweils über exklusive Veranstaltungen abwickeln. So versammle Specialized seine Händler in Leogang und Trek in Ulm. Die Order im Bekleidungssegment tätigt sein Unternehmen über Außendienstmitarbeiter im Haus.

Händler in Westösterreich holen sich die Informationen über die nahe gelegene Eurobike und wickeln die Orders primär über den Außendienst ab. Salzburg steht fallweise auf dem Terminkalender, aber nicht zwingend. Philipp Puchmayr, der Bike Puchmayr in Wolfurt seit 2013 in zweiter Generation führt, moniert, dass eine wachsende Zahl an Herstellern eigene Hausmessen durchführen. Dadurch werde der Händler zu immer früherer Order gezwungen. Er selbst verhält sich weitgehend gegen den Strom und sucht die Zusammenarbeit mit Anbietern, die auch spätere Orders akzeptieren.

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Philipp Puchmayr, Bike Puchmayer in Wolfurt, moniert, dass die wachsende Zahl an Hausmessen den Händler zu immer früheren Orderterminen dränge.
© Puchmayr

Der Fahrradmarkt in Österreich zeigt sich weiterhin stabil: 2014 wurden in Österreich etwas mehr als 400.000 Fahrräder verkauft. Für Fred Schierenbeck eine stabile und gute Entwicklung. Die Zahlen im Radmarkt schwanken seit zehn Jahren zwischen 375.000 und 450.000 Stück. 2014 war von massiven Veränderungen der Handelslandschaft durch den Abgang von Eybl geprägt, der einer der größten Premium-Anbieter war. Wie Schierenbeck betont, konnten die Umsatzeinbußen nahezu komplett durch den lokalen Fahrrad- und Sportfachhandel aufgefangen werden. In Eybl-Zeiten waren die Vertriebskanäle ungefähr 50:50 zwischen Sportfachhandel und Fahrradfachhandel aufgeteilt. Seither hat sich der Schwerpunkt in Richtung Fahrradfachhandel verschoben. Bestseller ist nach wie vor das Mountainbike, das fast 40 Prozent des Gesamtvolumens ausmacht. Das größte Wachstum ist anhaltend bei E-Bikes zu beobachten. 2014 wurde erstmals die 50.000 Marke geknackt und ein Ende des Wachstums ist nicht abzusehen. Das größte Volumen innerhalb der Kategorie E-Bike liegt im City- und Trekking-Sektor. Durch das wachsende Interesse sportlicher Fahrer wächst aber auch der Sektor Mountainbike kräftig. Da sich auch weniger sportliche Personengruppen vom E-Bike angesprochen fühlen, ist auch ein steigendes Zielgruppenpotenzial zu verzeichnen. Preise in einer Spanne von 1500 bis 2500 Euro haben letztendlich zu einer Steigerung im Wert des Gesamtvolumens geführt.

Autor: Hildegard Suntinger

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 11 / 2015