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Copa, King und Tiempo: Klassische Werte

  • Marcel Rotzoll
  • Donnerstag | 03. Januar 2019  |  15:02 Uhr
Schnelle Kollektionswechsel, limitierte Top-Modelle, die viele Händler gar nicht erhalten, und teils hohe Abschriften auf nach kürzester Zeit veraltete Modelle, verleiden dem Fachhandel immer häufiger das Fußballschuh-Geschäft. Klassiker sind da der Fels in der Brandung. Aber auch die benötigen dringend Sichtbarkeit.
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Klassiker wie hier der Copa Mondial sind Ganzjahresartikel und gehören nach wie vor zu den meist verkauften Fußballschuhen überhaupt.
© Adidas

Alle drei Monate gibt es neue Farbstellungen oder Sondereditionen, eine Neuvorstellung jagt die nächste. In der Bundesliga wechseln die Star-Spieler entsprechend regelmäßig die Schuhe und lenken so die Aufmerksamkeit auf die neuen Treter. Fußballschuhe sind für den Teamsportfachhandel auch deshalb zu einem nur noch schwer zu kalkulierenden Geschäft geworden. Zu hoch sind häufig die Risiken. Modelle, die nicht mehr aktuell sind, stapeln sich in vielen Lägern und müssen schnell abverkauft werden, was wiederum zu Abschriften führt. Ein Fußballschuhbereich allerdings ist von der Spirale aus Neuvorstellung und schnell veralteter Ware nicht betroffen: Die Klassiker.

Während die Schuh-Silos der Schuhe mit synthetischem Obermaterial Mode und Zeitgeist in besonders schnell wechselnden Rhythmen unterworfen sind, punkten Klassiker nicht nur mit stabilen Preisen, sondern als Ganzjahresartikel auch mit extrem langen Laufzeiten der Kollektionen und in der Regel mit NOS-Systemen. Und alle wichtigen Lieferanten haben die Klassiker im Sortiment: Nike mit Tiempo sowie die ungleich bekannteren Modelle King von Puma, Copa Mundial oder Kaiser von Adidas.

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Eusebio war der erste große Spieler, der auf den King vertraute. Heute ist der Schuh einer der Schätze im Puma-Archiv.
© Puma Archive

King und Copa haben dabei einen Namen wie Donnerhall. Und beide feiern derzeit ihre Jubiläen. So wurde der King, der nach dem Willen Rudolf Dasslers stets dem besten Spieler einer Mannschaft vorbehalten sein sollte, 1968 eingeführt – feiert also seinen 50. Geburtstag. Spieler wie Pele, Eusebio, Johan Cryuff, Maradona oder Rudi Völler haben den Schuh nicht nur bekannt, sondern ikonisch werden lassen. Der Copa Mundial, seines Zeichens der meistverkaufte Fußballschuh aller Zeiten, hat auch schon insgesamt fast 40 Jahre auf dem Buckel. Er wurde 1979 erstmals gelaunched und spätestens 1982 zur Fußball-WM weltweit bekannt. Eine Bekanntheit, die bis heute anhält.

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Mit dem Tiempo hat auch Nike einen Lederschuh im Sortiment, der längst zu den Klassikern zählt.
© Nike

„Es gibt kein Fußballschuh-Geschäft ohne die Klassiker“, kommentiert beispielsweise Udo Matenaar von Intersport Matenaar in Nordhorn. „Kunden, die bei uns Copa, King oder Tiempo kaufen, sind meist schon seit Jahren überzeugt von den Schuhen. Sie wissen, dass der Schuh immer gleich ausfällt und eine hohe Passform bietet. Insofern sind die Klassiker genauso vorverkauft wie die marketinggetriebenen Modelle.“ Bei Intersport Matenaar ist der Copa Mundial nach wie vor der mengenmäßig meistverkaufte Fußballschuh. Und auch im Panel der Intersport hält sich der Adidas-Klassiker in den Monaten Januar bis November 2018 locker unter den Top-Fünf aller Fußballschuh-Modelle.

Jedoch gibt es gerade bei den Abverkaufszahlen große regionale Unterschiede. So weist Bernhard Stelzer von der Sporttenne Stelzer in Karslhuld darauf hin, dass die Klassiker „bis vor zwei Jahren zu unseren meistverkauften Schuhen gehörten. Seitdem ist die Nachfrage allerdings spürbar zurückgegangen.“ Man dürfe nicht vergessen, „dass der Marketingdruck für die anderen Silos der Lieferanten immens ist. Früher wurden die Schuhmodelle vom Vater auf die Söhne weitergegeben. In Zeiten von Social Media wollen die Kinder, Jugendlichen und die jungen Erwachsenen aber die Schuhe ihrer Stars tragen. Klassiker wie Copa oder King sind heute in der Champions League oder der Bundesliga nicht mehr sichtbar. Das geht natürlich auch auf Kosten der Nachfrage.“

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Damit ist ein grundsätzliches Problem der Klassiker und des Fußballschuh-Geschäfts allgemein angesprochen. Während sich die Lieferanten auf die vielen Launchtermine ihrer marketinggetriebenen Kollektionen verlassen, geraten Copa, King und Tiempo in den Hintergrund. Gleichzeitig verliert damit das Obermaterial Leder an Bedeutung. „Ein Lederschuh steht für Wertigkeit“, berichtet Bernhard Stelzer. „Aber das scheint heutzutage eher eine untergeordnete Rolle zu spielen. Die Lieferanten setzen lieber stark auf synthetische Materialien und investieren das so eingesparte Geld lieber in Marketing.“ Zwar habe Leder den Nachteil, dass es schwerer ist und Feuchtigkeit aufnimmt. Dafür passen sich die Lederschuhe aber besser und mit höherem Tragekomfort dem Fuß an. „Ganz persönlich“, fasst Stelzer zusammen, „finde ich Lederschuhe aufgrund des höheren Tragekomforts und der geringeren Reklamationsquote besser. Geschäftlich jedoch führt an den Synthetik-Schuhen kein Weg vorbei.“ Michael Zeuch, Bereichsleiter Teamsport Sport 2000 fügt hinzu: „Klassiker mögen derzeit zwar nicht die Kinder und Jugendlichen ansprechen, sondern eher für die Zielgruppe der Über-30jährigen attraktiv sein. Gerade diese Zielgruppe hat aber eine sehr hohe Relevanz für unsere Partner.“

Als Grund dafür führt Udo Matenaar an, dass die Zielgruppe „sehr traditionsbewusst ist und mehr Wert auf einen guten Fußballschuh legt als darauf, auf dem Platz durch buntes Schuhwerk aufzufallen.“ Aber obwohl viele Argumente für Lederschuhe und damit die Klassiker sprechen, stellt Bernhard Stelzer fest, dass sich die Kunden immer schwerer für diese begeistern lassen und fordert: „Wenn die Lieferanten also an die Klassiker glauben, sollten sie diese auch wieder einmal in den Mittelpunkt ihrer Kampagnen stellen.“

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Gibt es einen Silberstreif am Horizont? Michael Zeuch berichtet, dass die Lieferanten aktuell überarbeitete Versionen ihrer Klassiker vorstellen: „Dabei fällt auf, dass neben den bewährten Materialien auch innovative, neue Features hinzukommen, die die Schuhe auch für jüngere Zielgruppen wieder attraktiver machen können.“ Die Einschränkung aber bleibt: „Unterstützt wird dies von Fokus-Spielern, die eben diese überarbeiteten Klassiker tragen. Denn man muss offen sagen: Das Marketing der drei großen Lieferanten bestimmt klar den Abverkauf. Und hier stehen die Standard-Klassiker nicht im Fokus.“

Die großen Lieferanten entwickeln ihre Klassiker also weiter. So hat Adidas im November mit dem Copa 19+ erstmals einen Copa ohne Schnürsenkel vorgestellt. Dabei wurden die charakteristischen Merkmale des Schuhs beibehalten und um technische Innovationen, wie zum Beispiel das neue Obermaterial „Fusionskin“ und eine angepasste Stollenkonfiguration, ergänzt. Man wolle, kommentiert Adidas-Pressesprecher Oliver Brüggen „durch die Einführung des Copa 19+ mit Paulo Dybala als Gesicht den Schuh nun aber auch für unsere jüngere Kernzielgruppe relevant“ machen.

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In Weiß und ohne Schnürsenkel: Der Copa 19+ soll dem alten Mundial nachempfunden sein und wieder jüngere Zielgruppen ansprechen.
© Adidas

Und auch Puma präsentiert dem Fachhandel derzeit einen überarbeiteten King. DACH-Geschäftsführer Matthias Bäumer ist überzeugt: „Puma und der Puma King gehören einfach zusammen – dieses Modell ist eine Ikone auf dem Platz. Die Geschichte des King ist eng verbunden mit der Geschichte großer Sportler, die in diesem Schuh Fußballgeschichte geschrieben haben.“ Der King bleibe das Top-Modell im reinen Lederbereich. Mit der Vorstellung des überarbeiteten King werde man Mitte 2019 „eine echte Produktinnovation im King-typischen Style auf den Markt bringen, die vor allem das Herz des jungen performance-orientierten Lederschuh-Spielers höher schlagen lassen wird“.

Michael Zeuch bewertet die Neuauflagen der Klassiker sehr positiv: „Das Material, also hochwertiges Leder, und die gute Qualität der Fußballschuhe werden wieder stärker in den Vordergrund gestellt. Diese Schuhe stehen im Gleichgewicht mit den derzeit äußerst stark beworbenen Synthetik-Schuhen. Ich bin allerdings gespannt, ob die Lieferanten das Thema tatsächlich breit bewerben.“ Das wäre denn auch aus Sicht des Fachhandels besonders wünschenswert, denn die Klassiker stehen nach wie vor für erfolgreiche Abverkäufe jenseits der zu eng getakteten Neuvorstellungen der aktuellen Schuh-Silos.

Marcel Rotzoll

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Autor: Marcel Rotzoll

Stellv. Chefredakteur sportFACHHANDEL

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 15 / 2018