Freitag | 27. Januar 2017  |  13:51 Uhr
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City Report Hamburg: Sport bestimmt den Puls der Stadt

Die Metropolregion Hamburg liegt verkehrsgünstig zwischen Nord- und Ostsee und hat sich mit dem Hamburger Hafen zur zentralen Warendrehscheibe entwickelt. Darüber werden auch Sportartikel gehandelt, speziell aus Asien. Traditionell ist der Hamburger Händler aber immer auch Kaufmann – was für unsere bewegte Branche kein Nachteil sein muss.

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Text: Nicolas Kellner

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Outdoor-Riese Globetrotter ist Platzhirsch in Hamburg.
© Globetrotter

Zum Jahresbeginn erstmal jedoch ein Paukenschlag. Sport Schuster schließt nach über 83 Jahren, damit verliert die Hansestadt ihr ältestes Sportgeschäft. Doch Inhaber Walter Schuster jr. ist nicht traurig, 1984 hatte er das Sportgeschäft zum 50-Jährigen Jubiläum von seinem Vater übernommen. „Wir haben sehr viel erreicht und sehr viel erlebt.“ Dazu gehörten viele prominente Stammkunden aus Sport und Kultur, wie etwa Uwe Seeler und andere HSVler, die anfangs ihre Ausrüstung bei Schuster kauften und auch sonst immer wieder gerne vorbeischauten. Dazu gehörten aber auch Boxer, Fußballer, Skifahrer, Olympiateilnehmer und -Sieger sowie Musiker und Schauspieler der Stadt, erzählt der Sporthändler. Schuster eröffnete eine Filiale in Westerland auf Sylt und war nach mehreren Umzügen schließlich fest verankert in Eppendorf auf über 400 Quadratmetern. Ohne Nachfolger verlässt Hamburgs bekanntester Sporthändler nun die Bühne, der auch Sponsor für Kunst und Kultur war, nicht wehmütig, sondern stolz. „Die Nähe zum Kunden und der persönliche Kontakt war und ist immer unsere Firmenphilosophie gewesen“, erzählt Schuster. Der Mitte Januar begonnene Ausverkauf richtete sich zunächst vorrangig an die Stammkunden, die alle angeschrieben wurden. „So lange noch Ware da ist, wird der Ausverkauf wohl noch bis März weitergehen.“

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Walter Schuster und sein Team sind auch bis zuletzt hochmotiviert.
© Schuster

Damit stirbt eine bestimmte Sorte an Händlern in Hamburg aus, die die Alster-Metropole geprägt hat. Der hanseatische Kunde liebt den Einkauf in seinem Viertel, ob in der kleinen Runners Point Filiale in Poppenbüttel, oder in Bergedorf, beim Teamsportspezialisten in Landwehr oder eben an der Alster in Eppendorf. Dabei braucht der Hamburger Kunde nicht immer zu stark ins Portemonnaie zu schauen. Laut GfK-Studien verfügte Hamburg im vergangenen Jahr über die höchste Kaufkraft je Einwohner (24.024 Euro) noch vor Bayern (23.843 Euro). Schlusslichter sind im übrigen Berlin, Brandenburg, Sachsen und Thüringen. Die Stadt verfügt über knapp 1,8 Millionen Einwohner, als Metropolregion können fast 5 Millionen gezählt werden. Das Kundenumfeld ist höchst attraktiv: Dazu zählen 19 anerkannte Hochschulen unter staatlicher und privater Trägerschaft in Hamburg, weitere Hochschulen in der Metropolregion als akademische Heimat für rund 96.300 Studierende, davon rund 10.700 aus dem Ausland, 15.000 Wissenschaftler in 300 Forschungseinrichtungen sowie F&E-Zentren von Großfirmen und KMUs. Das Bruttoinlandsprodukt für Hamburg wächst seit Jahren kontinuierlich um mindestens 1,4 Prozent, zuletzt 2014 sogar um 3,7 Prozent auf 103.145 Mio. Euro. Die Hansestadt verfügt über einen Wasser-Flächenanteil von 8 Prozent und zählt über 2500 Brücken, mehr als in Venedig. Der Schul- und Vereinssport mit Hunderten von Einrichtungen stehen seit je her hoch im Kurs. Wassersport, Ball- und Klettersport sind Highlights der Stadt. Und selbst Wintersport gehört dazu. Sport ist in Hamburg „in“ und für den versierten und spezialisierten Sporthandel stellt das seit je her einen fruchtbaren Boden dar. Auch und vielleicht gerade für Filialisten.

Hamburger Kunden zieht es - wenn aus dem eigenen Viertel heraus - an die Mönckebergstraße. Dort eröffnete vor 18 Jahren das erste Sporthaus von Karstadt, ein legendärer Einkaufstempel rund um alle Sportarten und Trendsetter in Sachen American Sports und Golf. Golf und Tennis wird im fünften Stock immer noch die Stange gehalten, die Themen Fitness und Radsport sind Kundenmagneten eine Etage tiefer. Und im dritten Stock wird schließlich mit Outdoor gepunktet, auch hier hatte sich Sporthaus früh und erfolgreich positioniert. Nach den turbulenten letzten Jahren rund um das gesamte Warenhaus ist nun „wieder Ruhe eingekehrt“, freuen sich altgediente Mitarbeiter. Viele Stammkunden, aber auch Touristen finden den Weg in das markante Gebäude. Wintersport spielt eine weitere wichtige Rolle, im zweiten Stock ist das Haus „bestens darauf vorbereitet“, zumal Schnee und Kälte in diesem Winter wirklich eine Rolle spielen.

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Vor den Toren der Hansestadt kehrt mit dem Alpincenter sogar regelmäßig der Winter ein.
© Alpincenter

Einen nicht zu unterschätzenden Einfluss hat aber auch die Skihalle Alpincenter Hamburg-Wittenburg, eine der ersten Indoor-Winterhallen in der Bundesrepublik. Motto: „Wir bringen die Alpen in den Norden.“ Auf den Indoor-Pisten finden Fans über das ganze Jahr erstklassige Schneeverhältnisse - und das bei einer Lufttemperatur von milden -1 Grad Celsius. Die Hauptabfahrt ist 330 Meter lang und 80 Meter breit. Freeski-Fans und Snowboarder können sich in dem zirka 6000 Quadratmeter großen Fun & Freestyle-Park nach Herzenslust austoben. Und für Anfänger und Kinder gibt es einen extra Übungshang von 90 Metern Länge, 40 Metern Breite und einem Gefälle um die 10 Prozent. Passionierte Skifahrer hingegen sollen auf dem roten Pistenabschnitt mit einem Gefälle von bis zu 31 Prozent den meisten Spaß haben. Für diese Piste steht sogar ein Sessellift im obersten Hallenbereich zur Verfügung.

Dass sich auch in Hamburg erfolgreich hochwertige Ski verkaufen lassen, beweisen die beiden Österreicher Philipp Heindl und Christian Harbacek seit mehreren Jahren. Sie haben mitten in der Hansestadt, nahe Dammtor, einen hochwertigen Ski-Laden ins Leben gerufen. Die Hamburger zeigten eine besondere Vorfreude für den Wintersport, selbst wenn noch kein Schnee liegt, erzählt Philipp Heindl. Der Hamburger Kunde sei eigentlich recht liquide, er ist aber auch Kaufmann und schaut genau hin, wo er sein Geld ausgibt. Man versuche ihm mittels Beratung das Gefühl zu geben, dass sein Urlaub schon im Laden beginnt und erklärt ihm die Technik ganz genau. Zuhören und ihn gezielt beraten, lautet das Motto. Der Kunden soll sich öffnen, damit er erzählt, was er mit den Ski vor hat und ob er bereit ist, etwas Neues auszuprobieren. „Dann können wir ihm gezielt die Ware verkaufen.“ Die beiden Experten decken mit ihren Angeboten im Norden der Stadt einen Umkreis von 150 Kilometern ab. Aber auch Kunden im Süden, aus Hannover und Bremen, würde man erreichen. Teilweise kämen Kunden selbst aus Rostock. Schwerpunktmässig bleibe Hamburg und der Speckgürtel jedoch das Haupteinzugsgebiet.

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Wintersport spielt also eine durchaus wichtige Rolle im Hamburger Sporthandel. Das wusste auch Sport Scheck, als der Münchner Sporthändler früh nach Hamburg kam. Heute ist die Otto-Tochter, ebenfalls an der Mönckebergstraße angesiedelt, eine Institution an der Alster und derzeit bestens ausgelastet. „Sportbegeisterte Hamburger finden hier eine große Auswahl an Sportgeräten und Accessoires“, wirbt der Händler für seine vier Etagen, auf denen Wassersportlern, Teamsportlern, Läufern, Triathleten und eben auch Ski- und Snowboardfahrern sowie Langläufern und Tourengeher das passende Zubehör versprochen wird. Außerdem zeigt sich der Vollsortimenter stark im Bereich Fitness und Radsport samt Zubehör. „Zu uns kommen viele Stammkunden“, meint ein Mitarbeiter, auch aus dem weiteren Umfeld. Nun aber wird es eng an der Mönckebergstraße, seit gut einem Jahr hat sich nämlich der schwedische Filialist Stadium in exzellenter Lage niedergelassen. „Das Geschäft läuft sehr gut“, bekundet der deutsche Länderchef von Stadium, Johan Sandgren, gegenüber sportFACHHANDEL. Der Markteintritt des sportbegeisterten Stadium-Familienunternehmens von Ulf, Bo und Karl Eklöf auf dem Hamburger Pflaster scheint gelungen. Nach bislang drei Ableger in Hamburg geben sich die Skandinavier jedoch noch nicht zufrieden, wie Sandgren verrät.

Hamburg geht in Sachen Sport seinen eigenen Weg. Gerade Sport sei gut für die Gesundheit. Und auch deswegen blickt die Hansestadt überaus sportlich in die Zukunft. Hierfür wurde der Masterplan „Active City“ (MPAC) entwickelt. Er enthält die sportlichen Planungen bis zum Jahr 2024. Das Gute: Zahlreiche Projekte, die für die (gescheiterte Bewerbung) zu den Olympischen Spiele angedacht waren, würden langfristig weiter verfolgt, damit die Möglichkeiten zum Sport treiben in Hamburg noch besser und vielfältiger werden. 26 Vorhaben und sechs Empfehlungen versucht die Stadt Hamburg in die Tat umzusetzen. Fünf Handlungsfelder seien hier besonders wichtig: Schul-und Vereinssport, Sport im Öffentlichen Raum, Sport für Alle, Nachwuchs-Leistungssport und Spitzensport. Aber auch das Laufen und Radfahren steht hoch im Kurs. So sollen in Hamm und in Horn neue Laufstrecken geschaffen werden, die Schlickdeponie Francoop kann in eine Mountainbike-Anlage verwandelt werden.

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Lauf Lunge gehört zu den etabliertesten Sporthändlern Hamburgs – und Deutschlands.
© Lunge

Besonders freuen tut das die Grandseigneurs der Hamburger Sporthandelsszene Globetrotter und Lunge. Das Herzstück und Hamburger Haupthaus von Globetrotter liegt im Stadtteil Barmbek, wurde seit Start 1979 immer größer und flächenmäßig erweitert. Und gegenüber, in Rufnähe, befindet sich das erste Haus von Lauf Lunge, das jüngst erst total modernisiert und ausgebaut worden war (nach dem Vorbild des neuen Berliner Flagship-Stores). „Wir sind sehr zufrieden mit dem Geschäftsverlauf“, berichtet Inhaber Ulf Lunge gegenüber sportFACHHANDEL. Man ergänze sich bestens zu Globetrotter. Ein Ausbau des Filialnetzes sei trotzdem nicht geplant, sagt der Lauf- und Ausdauersportexperte. Die bestehenden Standorte in Hamburg und in Berlin sollen gestärkt werden. Lediglich in der Filiale in der Hamburger Ferdinandstraße gibt es derzeit eine Flächenvergrößerung auf 600 Quadratmetern. „Wir investieren außerdem weiter in unsere Schuhproduktion“, verrät der Hamburger Händler und Sportschuster. Qualität und Nachhaltigkeit seien die obersten Prinzipien. Ob Winter- oder Laufsportler, der Hamburger Kunde weiß das zu schätzen.

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 01 / 2017