Freitag | 13. Mai 2016  |  09:41 Uhr

Es hakt etwas in der Aus- und Weiterbildung

Obwohl nach wie vor auf Position 2 und 3 in der Top-10-Rangliste der beliebtesten Ausbildungsberufe, wählten 2015 erneut weniger Azubis eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann/zur Einzelhandelskauffrau bzw. Verkäufer/Verkäuferin. Und bei der Frage nach der Zufriedenheit der Azubis rutschen die Ausbildungs-gänge auf die Ränge 17 und 19 ab. Ist bei der Aus- und Weiterbildung Sand im Getriebe? sportFACHHANDEL fragte Gerd Bittl-Fröhlich, Geschäftführer der Online-Schulungsplattform Sportsella und langjähriger Kenner der Branche, wie er die Situation einschätzt.

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© Bundesinstitut für Berufsbildung (Bibb)

Interview: Dorothea Weniger

sportFACHANDEL: Gerd, du hast vor vielen Jahren selbst eine Ausbildung im Einzelhandel durchlaufen. Was hat Dich damals an diesem Beruf fasziniert?

Gerd Bittl-Fröhlich: Zum einen war ich von den Dingen, die ich verkaufen durfte, begeistert, ebenso wie von dem coolen Unternehmen, in dem ich immer schon arbeiten wollte. Zum anderen genoss ich die Szene und die Kontakte – einfach den Handel an sich, der liegt bei mir im Blut.

Unternehmer klagen, dass die Voraussetzungen, die die Jugendlichen mitbringen, oft nicht zu den Ausbildungsanforderungen passen, Auszubildende dagegen die mangelhafte fachliche Qualität der Ausbildung im Betrieb, das hohe Maß an Überstunden – einige müssen sogar die Berufsschulzeit im Betrieb unerlaubterweise nacharbeiten – und fehlende Ruhezeiten. Was läuft schief in der Ausbildung? Ich denke, es fehlt am Miteinander. Der Handel muss den Jugendlichen Perspektiven aufzeigen, damit die jungen Menschen, die qualifiziert sind, wieder bereit sind, sich in diesen Berufen zu engagieren. Motivierte Menschen können eigentlich gar nicht minderqualifiziert sein. Sobald man es schafft, sie zu entzünden, brennen sie für die Sache. Allerdings lassen sie sich nur ungern verheizen. Jeder der Ausbilder trägt eine besondere Verantwortung für den Azubi. Oft werden diese aber als billige Arbeitskräfte eingesetzt, um im Unternehmen die Lohnkosten so gering wie möglich zu halten. Gleichzeitig müssen die Azubis aber auch akzeptieren, dass Lehrjahre keine Herrenjahre sind, dass der Weg aufs Treppchen – so wie im Sport auch – viel Einsatz und Training verlangt. Die Arbeit im Einzelhandel ist, wie bei vielen anderen Dienstleistungsbranchen auch, azyklisch, vielleicht so wie in der Gastronomie und im Hotelfach. Ganz bestimmt, gibt es dort keine klassischen Nine-to-five-Jobs. Das ist anstrengender, das ist klar. Es gibt aber auf der anderen Seite auch nur wenige Berufe, die solche Erfolgserlebnisse wie im Sportfachhandel generieren können. Azubis sollten dabei daran denken, dass sie auch ihre Ausbilder wie die Trainer im Sport fordern, damit diese so viel Wissen wie möglich weitergeben.

Beteiligen sich an Deinen Schulungen eher Auszubildende oder bereits ausgebildete Sportfachverkäuferinnen und -verkäufer? Bei uns trainieren Azubis genauso wie Teilzeitkräfte, alte Füchse, ja sogar Firmenchefs. Die Teilnehmer kommen aus kleinen Betrieben, aber auch aus Großbetrieben mit Konzernstruktur.

Melden sich die Mitarbeiter des Fachhandels bei Deinen Schulungen freiwillig an oder werden Sie von Ihren Arbeitgebern „geschickt“? Früher fanden die Teilnehmer fast ausschließlich selbst den Weg zu uns. Die aktiven Außendienstteams unserer Partner spielten hier eine wichtige Rolle. In der letzen Zeit stellen wir aber erfreut fest, dass sich auch mehr und mehr Firmeninhaber sport-sella.com annehmen, ja sogar Anreize schaffen, um die Mitarbeiter zu den Trainings zu motivieren. So gibt es z.B. Firmen, die unsere Zertifikate, die wir nach bestandenen Abschlusstests zu den Trainings ausstellen, als Beitrag im Berichtsheft akzeptieren. Andere nutzen Sportsella für das Onboarding, sprich zur Einarbeitung neuer Mitarbeiter.

Lässt sich dies auch auf die Blended-Learnings übertragen? Ich würde „ja“ sagen. Jedoch gab es von Seiten der Firmenchefs zuerst Bedenken. Sie konnten es sich nur schwer vorstellen, dass sich Mitarbeiter im Vorfeld durch Online-Schulungen auf die Praxis-Workshops vorbereiten. Viele ließen sich aber sehr schnell von der Qualität der Lernmethode überzeugen und forcierten dann die Teilnahme. In anderen Fällen trainierten motivierte Mitarbeiter online mit sehr guten Ergebnissen, kamen dann aber nicht zu den Events, weil sie von ihren Arbeitgebern schlichtweg nicht freigestellt wurden. Wieder andere Teilnehmer bezahlten ihre Kursgebühren sogar aus der eigenen Tasche.

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© DGB-Jugend

Weniger als fünf Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer beantragen Bildungsurlaub. Wie stehst Du zu diesem leidigen Thema? Ohne pauschalieren zu wollen, viele Betriebe investieren heute in Fläche, Warenpräsentation, Glanz und Glamour, aber nicht in die Mitarbeiter. Wie sollen schlecht bezahlte Menschen begeistert Emotionen verkaufen, die sie selbst aus Mangel an Geld gar nicht erleben können oder dürfen, weil im Betrieb die Fläche besetzt sein muss? Der Einzelhandel hätte so viele Möglichkeiten, um sich gegenüber „Mr. Google und Co.“ zu behaupten. Er ist um einiges besser und muss nur kreative Wege gehen. Das funktioniert aber nur mit motivierten Menschen. Bestes Beispiel: Unser Ausflug mit Mitarbeitern zum IMS nach Brixen Ende letzten Jahres. Ich würde ihn im Hinblick der Mitarbeitermotivation so zusammenfassen: Nur wer einmal Bergluft einatmen durfte, kann diese im Laden wieder ausatmen. Der Erfolg vieler Unternehmer geht auf selbst Erlebtes und das Wissen von Experten zurück. Das haben viele offenbar inzwischen vergessen. Manche von ihnen bräuchten sogar „Excelzisten“. Diese müssten all die Excel-Theoretiker aus den Betrieben verbannen, die glauben, man könne den Erfolg eines Betriebs ausschließlich anhand von Tabellen errechnen und die Emotionen vergessen. Mein Appell an die Mitarbeiter heißt: „Geht auf Eure Chefs zu, fordert und lasst Euch fördern. Und bringt Euch in das Unternehmen ein!“ Das bringt Erfolg für alle – garantiert.

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Weiterführende Infos:

Agentur für Arbeit: Arbeitsmarkt in Zahlen. Ausbildungsstellenmarkt. Download unter: https://statistik.arbeitsagentur.de

DGB-Jugend Ausbildungsreport 2015: Download unter www.dgb.de,

St. Matthes, J. G. Ulrich, S. Flemming, R.-O. Granath: Mehr Ausbildungsangebote, stabile Nachfrage, aber wachsende Passungsprobleme. Die Entwicklung des Ausbildungsmarktes im Jahr 2015.

BIBB-Erhebung über neu abgeschlossene Ausbildungsverträge zum 30. September (Vorläufige Fassung vom 16.12.2015): Download unter www.bibb.de

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Gerd Bittl-Fröhlich

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 04 / 2016