Donnerstag | 22. Januar 2015  |  15:37 Uhr

Bevor es eng wird, „VerA“ rufen

Konflikte am Arbeitsplatz, Prüfungsangst und sprachliche Defizite führen immer wieder zu Abbrüchen der Ausbildung. Der Jugendliche ist frustriert, dem Händler kostet es Geld und Nerven. Beidem kann vorgebeugt werden. 2008 wurde VerA, eine Begleitung für Jugendliche, deren Ausbildung gefährdet ist, ins Leben gerufen – eine Erfolgsgeschichte.

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Die meisten Ausbildungsverträge werden während des ersten Ausbildungsjahres wieder gelöst. Da unterscheiden sich die Industrie und der Handel nicht von anderen Branchen. Nun kann man Vertragslösungen während der Ausbildung nicht mit Abbrüchen gleichsetzen, da ein Wechsel der Branche oder des Betriebs ebenfalls dazu führen. Trotzdem lohnt es sich, die Zahlen genauer anzusehen: 2012 erfolgten 35 Prozent aller Vertragslösungen während der ersten vier Monate, also in der Probezeit, und 33,3 Prozent zwischen dem fünften und zwölften Monat. Im zweiten Jahr sind es immer noch 23,3 Prozent, im dritten knapp 8,3. Die hohe Zahl zu Beginn der Ausbildung ist auch dem Übergang von Schule zu Beruf geschuldet, den viele Jugendliche als schwierig empfinden. Nach der Motivation gefragt, warum betroffene Jugendliche ihre Ausbildungen abgebrochen haben, sagten zwei Drittel, dass sie Probleme beim Lernen hatten, ein Drittel gaben persönliche und betriebliche Gründe an.

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Der Senior-Experte Helmut Mittag mit seinem „Schützling“

VerA soll Abbrüche vermeiden. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) wollte 2008 der hohen Anzahl der Abbrüche gegensteuern und rief das Programm VerA ins Leben. VerA steht für „Verhinderung von Abbrüchen und Stärkung Jugendlicher in der Berufsausbildung durch SES-Ausbildungsbegleiter“. Angesiedelt beim Senior Experten Service (SES), einer Stiftung der Deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit, ist VerA eine gemeinsame Initiative des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, des Bundesverbandes der Freien Berufe sowie des BMBF, das das Projekt seit seiner Gründung mit bisher 5,9 Millionen Euro förderte. Unterstützt wird das flächendeckende Projekt vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB), getragen wird es von ehrenamtlichen Seniorinnen und Senioren, die eingeschaltet werden, wenn ein Abbruch der Ausbildung droht, oder besser noch, bevor dieser im Raum steht. Den Ausbildungsbegleitern wird vor ihrem ersten Einsatz in einem zweitägigen Seminar das Projekt und die duale Ausbildung vorgestellt. „Wichtig ist außerdem, dass sie die Jugendlichen später dort abholen, wo diese stehen. Im Vorbereitungsseminar vermitteln wir aber auch, wie die Lern- und Sozialkompetenz der Jugendlichen gesteigert werden kann und welche Strategien der Konfliktlösung zur Verfügung stehen“, berichtet Dr. Walter Fischer, Teamleiter im Projekt VerA. Derzeit sind bei den bundesweit arbeitenden 80 VerA-Regionalkoordinatoren 2300 Ausbildungsbegleiter gemeldet, die in ein Netz von weiteren Hilfesystemen eingebunden sind, z.B. in ausbildungsbegleitende Hilfen (abH) (vgl. SFH 18/19 v. 29.10.2014, S. 36). Aber nicht nur der Jugendliche selbst, auch Eltern, Lehrer, Schulsozialarbeiter und Ausbilder können Ausbildungsbegleiter anfordern, vorausgesetzt der Auszubildende stimmt diesem Schritt zu. >>>

Hilfe zur Selbsthilfe. Wird einem Jugendlichen, nachdem er sich bei VerA gemeldet hat, ein Ausbildungsbegleiter kostenlos vermittelt, vereinbaren die beiden ein erstes Treffen: „Von Anfang an geht es darum, Vertrauen aufzubauen. Die Beziehungsebene ist entscheidend. Ich mache Vorschläge, der Jugendliche entscheidet.

Ich vereinbare mit dem Jugendlichen aber auch Ziele, die wiederum er bestimmt. Ich mache nichts, was er nicht will. Die Begleitung dient der Hilfe zur Selbsthilfe“ sagt Ewald Wachelau aus Villingen-Schwenningen. Wachelau war 44 Jahre in einem großen Textileinzelhandelsgeschäft tätig, davon 33 Jahre als Ausbilder in Süddeutschland. Bei der IHK ist er seit 1982 auch als Prüfer für den Einzelhandel. „2011 kam ich zu VerA und begleite nun Jugendliche, die Unterstützung in der Ausbildung wünschen – jeder ist anders. So sind zu Beginn der gemeinsamen Zeit die Treffen oft sehr intensiv. Einige brauchen dann auch später den wöchentlichen, direkten Kontakt, andere halten diesen über SMS oder E-Mail. Ein persönliches Treffen im Monat ist aber Minimum. Der regelmäßige Kontakt dient auch dazu, Veränderungen zu reflektieren“, Wachelau weiter.

Die Begleitung ist zunächst auf ein Jahr angelegt, kann aber bei Bedarf bis zum erfolgreichen Ausbildungsabschluss verlängert werden. Dabei werden fachliche und soziale Kompetenzen eingeübt, aber auch das Selbstbewusstsein gestärkt. Fingerspitzengefühl, Geduld und Zeit – Ressourcen, die im Betrieb und in der Schule oft fehlen, die ehrenamtlichen Helfer aber neben einem hohen Maß an Berufs- und Lebenserfahrung haben, sind die Stärke des Programms.

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Die Zahlen sprechen für VerA. Mit Stand vom 30. Oktober 2014 gingen in der VerA-Zentrale seit 2009 6.032 Anfragen ein. Im gleichen Zeitraum wurden 4.183 Begleitungen vermittelt – Tendenz steigend. Mehr als 2.000 Senior-Expertinnen und -Experten nahmen bisher an einem Vorbereitungsseminar teil.

Um die Wirkung der Initiative VerA beurteilen zu können, hat das Institut für Entwicklungsplanung und Strukturforschung der Universität Hannover (ies) eine externe Evaluation durchgeführt. Befragt wurden Ausbildungsbegleiter sowie am Projekt teilnehmende Jugendliche. Das Ergebnis: 89,4 Prozent der Auszubildenden und 91,6 Prozent der Ausbildungsbegleiter würden VerA weiterempfehlen. Beide Gruppen gaben an, einen persönlichen Nutzen aus der Begleitung gezogen zu haben. <<<

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 01 / 2015