Mittwoch | 30. November 2016  |  10:21 Uhr

Von der Rohware zum Leder

Leder begegnet einem in jeder Sportart und in sehr vielen Produktsegmenten. Das Ausgangsprodukt ist die Tierhaut oder das -fell. Im Grunde genommen kann jede Haut zu Leder verarbeitet werden. Aber nicht jede eignet sich für Sportprodukte.

Text: Dorothea Weniger

Für Sportprodukte wird v.a. Ziegen-, Rind-, Büffel-, Yak- und Känguruleder verarbeitet. Gebraucht wird es für Handschuhe, Lauf- und Fußballschuhe, Wander-, Berg- und Kletterschuhe, Taschen, Ruck- und Boxsäcke sowie für Bälle u.v.m. Leder ist wasserabweisend, weich, formbeständig, abrieb- und reißfest. Außerdem lebt es lange und weist einen guten Tragekomfort auf. Doch der Weg von der Tierhaut zum Leder ist weit.

Vom Fell zum ledernen Sportprodukt

Sobald ein Lebewesen tot ist, zersetzen Bakterien auch die Tierhaut, die in der Lederproduktion als Rohware bezeichnet wird. Deshalb ist der erste Schritt die Konservierung. Kühlung, Salzung mit daraus folgendem Wasserentzug oder Trocknung sind die drei Varianten, die hier zum Erfolg führen. Für die Salzung braucht man 40 bis 50 Prozent des Gewichts der Rohware an Salz, das auf der Fleischseite ausgebreitet wird. Die Tierhäute werden danach mehrere Wochen lang so gelagert, dass die entstehende Salzlake abfließen kann. Der Nachteil dieser Variante ist, dass das Salz ins Abwasser gelangt. Dafür lassen sich die gesalzenen Häute länger lagern, während die gekühlten sehr schnell verarbeitet werden müssen.

Bevor das eigentliche Gerben stattfindet, muss die Haut in drei weiteren Schritten dafür vorbereitet werden: Im sogenannten Äscherfass werden hintereinander die Weiche und anschließend der Äscher durchgeführt. Bei der Weiche unterscheidet man zwischen Schmutz- und Hauptweiche – zwei Arbeitsschritte, die nacheinander ablaufen. Bei der Schmutzweiche wird das Salz der Trocknung, die Desinfektionsmittel, aber auch noch anhaftender Schmutz, Dung und Blut entfernt. Die Hauptweiche ist dafür gedacht, die Tierhaut durch Bewegung wieder weich zu bekommen. Bei beiden Arbeitsschritten wird wieder Wasser zugeführt, da der Wasserhaushalt der Haut wieder auf den Stand vor der Konservierung gebracht werden muss.

Während des Äscher-Prozesses werden Kalk und Schwefelverbindungen zugegeben, damit sich die Haare von der Haut und das Eiweiß aus der Haut ablösen. Durch diese Zugabe wird der pH-Wert deutlich angehoben. Das Produkt nach dem Äscher-Prozess heißt Blöße.

Beim darauf folgenden Entfleischen werden Gewebe-, Fleisch- und Fettreste entfernt und die Blöße beschnitten. Dabei werden v.a. die Kniescheiben, der Bauchnabel und die Schwanzwurzel herausgeschnitten. Diese Abfallprodukte dienen der Leim- und Gelatineindustrie als Rohstoff oder sie werden an Biogasanlagen geliefert.

Danach wird die Blöße horizontal gespalten. Die Schicht, die zum Fleisch hin lag, wird als Fleischspalt, die Schicht, die in Richtung Haare oder Fell lag, als Narben- oder Oberspalt bezeichnet (Abb. 1). Ist die Blöße sehr dick, kann es beim Spalten sogar noch eine mittlere Schicht, den sogenannten Kern-, Mittel oder Zwischenspalt geben.

neuer_name
Abb. 1: Vor allem die Haut vom Rind ist so dick, dass sie in der Regel mindestens einmal gespalten wird.
© www.leder-info.de

Nun geht es ans Gerben. Auch dieser zentrale Verarbeitungsschritt ist langwierig (ca. 20 Stunden) und wird wieder in einzelne Prozesse unterteilt. Ziel der Gerbung ist es, die Blöße, die weiterhin verderblich ist, haltbar zu machen (Abb. 2).

neuer_name
Abb. 2: Alle Schritte der Gerbung (Entkalkung, Beize, Pickel, Gerbung, Abstumpfung) finden wieder in Fässern statt.
© Dani

Bei der Entkälkung wird der Kalk, der beim Äscher zugesetzt wurde, wieder herausgelöst. Ziel der nächsten Schritte ist es u.a. den vorher erhöhten pH-Wert nun wieder herabzusetzen. Damit dies gelingt, müssen Chemikalien zugesetzt werden: Salze und/oder organische sowie anorganische Säuren oder Kohlensäure kommen dafür in Frage.

Während der Beize werden Enzyme beigefügt, die Kollagen und Eiweiß abbauen. Gleichzeitig werden die Fasern „aufgeschlossen“ und damit beweglicher. Die Blöße wird weicher.

Im Pickel geht es darum, den pH-Wert der Blöße weiter abzusenken. Ziel ist ein pH-Wert von 3, wofür wiederum Salz und Säure zugegeben werden. Nur so können die späteren Gerbstoffe wirken. Das darauf folgende Gerben ist wichtig, damit die Blöße nicht verwest oder fault.

Gerbung – Chrom oder chromfrei?

Die sogenannte Chromgerbung ist seit 1900 bekannt. Rund 85 bis 90 Prozent des verarbeiteten Leders sind heute chromgegerbt. Eingesetzt werden dafür sogenannte Chrom (III)-Salze. Bei der Gerbung können daraus ungewollt wasserlösliche Chrom (VI)-Verbindungen entstehen. Sie gelten als hochgiftig, allergen, mutagen und krebserregend. Wissenschaftlich ungeklärt ist zudem, ob sich diese Chrom (VI)-Verbindungen auch noch bei der späteren Lederverarbeitung oder sogar noch im Endprodukt bilden können. Problematisch an diesen Chrom (VI)-Verbindungen ist auch, dass sie als „potente Kontaktallergene“ gelten: Sie können sehr schnell von der Haut aufgenommen werden und allergische Reaktionen hervorrufen. Seit dem 1.5.2015 gilt deshalb entsprechend der REACH-Verordnung der EU ein Verkehrsverbot für Lederprodukte, die mit der Haut in Berührung kommen und die einen höheren Chrom (VI)-Wert als maximal 3 mg/kg haben.

Alternativ zu Chrom (III)-Salzen können auch Pflanzen für die Gerbung verwendet werden: So enthalten z.B. auch Rhabarberwurzeln und Staudenknöteriche, die Rinden von Eiche, Fichte, Weide und Birke sowie Kastanien- und Quebrachoholz Gerbstoffe. Man spricht dann von einer Loh-, Vegetabil- oder Rotgerbung.

Inzwischen gibt es Siegel, die Auskunft über das Gerbverfahren geben. Dabei ist zu beachten, dass Siegel mit „Chrom (VI)-frei“ nur angeben, dass das Endprodukt keinen erhöhten Chrom (VI)-Wert aufweist. Das Leder selbst ist aber mit Chrom (III)-Salzen gegerbt, wodurch ein Problem bei der Entsorgung der Produkte entstehen kann. Werden diese verbrannt, entsteht wiederum das giftige Chrom (VI). Nur das Siegel „100 % pflanzlich gegerbtes Leder“ belegt die Lohgerbung.

Nach der Gerbung erfolgt die Abstumpfung, bei der der pH-Wert wieder leicht angehoben wird. Dadurch verbinden sich die Gerbstoffe mit dem Hautmaterial. Die Haut wird durch die Gerbung zum Leder, das nun dauerhaft elastisch ist. Die Chrom (III)-Salze färben die Haut während der Gerbung bläulich. Deshalb heißt die Haut nach der Gerbung auch „Wet Blue“. Pflanzlich gegerbtes Leder nennt man in diesem Zustand „Wet white“.

neuer_name
Abb. 3: Der Wasserverbrauch bei der Gerbung ist enorm, da zwischen den einzelnen Schritten das Leder auch immer wieder gewaschen wird.
© Dani

Nach der Gerbung wird das sehr nasse Leder auf der Abwelkpresse entwässert (Abb. 3). Dabei wird unter hohem Druck das Wasser aus dem Leder gepresst. Nach dem Trocknen wirkt das Leder wieder etwas härter. Um die Weichheit zurückzugewinnen, wird das Leder gestollt. Dabei werden durch maschinelles Rütteln, die Fasern so lange bewegt, bis sie sich lockern. Danach wird die Oberfläche des Leders noch geglättet. Das Leder wird dann getrocknet (Abb. 4).

neuer_name
Abb. 4: Bei der Hängetrocknung gibt das Leder unter Energiezufuhr die letzte Feuchtigkeit an die Umluft ab.
© Dani

Nach der Trocknung wird das Leder für die Zurichtung vorbereitet. Es wird noch einmal angefeuchtet, gestollt und geglättet. In der Zurichtung ändert sich dann das Leder nur noch bezüglich seiner Optik und seiner Oberfläche. Die eigentliche Lederherstellung ist damit abgeschlossen (Abb. 5). Lederne Sportprodukte unterscheidet man nach der verwendeten Lederart.

neuer_name
Abb. 5: Die einzelnen Schritte der Lederherstellung: 1. mechanisches Schütteln, um das Salz zu beseitigen (nur für die gesalzenen Häute), 2. Weiche, Klärung, Haarentfernung, 3. Entfleischen, Zuschneiden und Spalten, 4. Gerben, 5. Pressen, Spalten und Falzen, 6. Färben, 7. Trocknung, 8. Endbearbeitung (Schleifen, Walken, Spritzen und Bügeln)
© Dani

Glatt- oder Nappaleder

Für Glatt- oder Nappaleder wird die außen liegende Tierhaut mit seiner natürlichen Narbenstruktur (Narben- oder Haarseite) verwendet. Im Unterschied zu Rauleder ist Glattleder pflegeleichter.

Es gibt unzählige Arten von Glatt- bzw. Nappaleder. Bei manchen ist die natürliche Narbenstruktur, die die Poren und Haarlöcher bilden, noch sichtbar, andere sind so glatt geschliffen, dass diese nicht mehr zu erkennen ist. Die Färbung oder Nicht-Färbung entscheiden wie das Finish der Oberfläche über die Optik, die Funktionseigenschaften und den Pflegebedarf des Leders (vgl. SFH 13/2015 beraten&verkauft Nr.31).

Beim Glatt- oder Nappaleder gibt es drei Varianten (Anilin-, Semianilin- und gedecktes/zugerichtetes Glattleder), die sich in der Art der Färbung und Behandlung des Leders unterscheiden:

Anilinleder ist ein Nappaleder, das mit löslichen Farbstoffen durchfärbt, aber ansonsten naturbelassen ist. Früher wurden dafür giftige, heute verbotene Anilinfarben (Azo-, also Teerfarbstoffe) verwendet. Doch der Name hält sich hartnäckig. Da Glattleder eine offenporige und Anilinleder zudem eine nicht versiegelte Oberfläche aufweist, ist dieses Leder anfällig für Wasser, Fett, Schmutz und Sonnenlicht. Auf der anderen Seite ist es sehr atmungsaktiv. Da für Anilinleder nur makelloses Leder verwendet werden kann, hat es seinen Preis.

Von Semianilinleder spricht man, wenn auf das Anilinleder noch eine dünne, pigmentierte Schutzschicht aufgetragen wird. Danach sieht man zwar auch weiterhin die Poren, jedoch ist das Leder gegen äußere Einflüsse (Wasser, Schmutz, Fett, Sonnenlicht) geschützt.

Beim gedeckten oder zugerichteten Glattleder wird auf das Anilinleder noch eine wasserabweisende, deckende Farb- und Schutzschicht aus Pigmenten und Bindemitteln aufgetragen und mit einem sogenannten Top Coat ausgerüstet. Den Prozess der Ausrüstung nennt man auch Zurichtung. Nach Abschluss der Behandlung ist das zugerichtete Leder strapazierfähiger und dauerhaft wasserabweisend. Allerdings sind die Poren dann verschlossen, worunter die Atmungsaktivität leidet.

Rauleder: Nubuk- oder Velourleder

Viele Kunden verwenden für Rauleder auch den Begriff Wildleder. Eine Gleichsetzung, die nicht richtig ist, da mit Wildleder die Haut von Wildtieren wie z.B. vom Rotwild, Rentier, Känguruh oder Büffel bezeichnet wird.

Auch beim Rauleder gibt es verschiedene Varianten: Das Nubuk- und das Velourleder. Beim Nubukleder wird auch die Narbenseite des Leders verwendet. Jedoch wird diese nun angeschliffen, wobei danach die natürliche Narbenstruktur des Leders noch zu sehen ist. Im Vordergrund steht auch ein anderer Effekt: Durch das Anschleifen entsteht ein Flor, der sich samtig und weich anfühlt. Außerdem wird dadurch das Leder atmungsaktiver. Allerdings ist es dann auch anfälliger gegen äußere Umwelteinflüsse wie Wasser, Schmutz und UV-Licht. Eine gute Pflege und Imprägnierung ist deshalb wichtig.

Zu Velourleder kann die Unterseite des Narbenspalts verarbeitet werden oder – bei gespaltenem Leder – die beiden Seiten des Fleischspalts (Abb. 6).

neuer_name
Abb. 6: Sowohl die Unterseite des Narben- als auch die beiden Seiten des Fleischspalts können als Velourleder weiter verarbeitet werden.
© www.leder-info.de

Velourleder ist sehr robust und atmungsaktiv und wird daher gerne für Turnschuhe und Handschuhe genutzt. Es besitzt deutlich längere Fasern als Nubukleder. Im Gebrauch können die Fasern verkleben. Optisch nimmt man dies als Verspeckung wahr. Um dies zu verhindern, muss Veloursleder immer wieder aufgeraut werden.

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: sport-FACHHANDEL Nr. 14 / 2016