Ein Brainstorm über den französischen Alpen
21.10.2010
Annecy. Wenn sich die Spitzen der europäischen Outdoor-Branche in Deutschland treffen, dann stehen Bier und Business auf der Speisekarte.
In Frankreich schaut das anders aus: Dort konzentrieren sich die Manager der Outdoor-Szene auf Diskussionen, die zum Nachdenken über die Zukunft des Geschäfts anregen, – und auf jede Menge Wein. So geschehen beim ersten European Outdoor Forum, das vom 11. bis 13. Oktober in Annecy abgehalten wurde.
Nicht weniger als 150 Vertreter von Outdoor-Firmen und Meinungsführer der Branche aus zwölf Ländern kamen in dem französischen Städtchen Annecy zusammen, um die Probleme und Perspektiven des Outdoor-Gewerbes zu diskutieren. Dabei standen unter anderem Vorträge zu Themen wie Nachhaltigkeit, neue Möglichkeiten im digitalen Zeitalter und völlig neue Ansätze am Outdoor-Markt.„Das war eine sehr gute Premiere für dieses Event, das so viele Branchenführer aus ganz Europa mobilisieren konnte“, so Jean-Luc Diard, der frühere Chef von Salomon und jetzt Vizepräsident für die Unternehmensentwicklung bei Tecnica. „Die Vorträge haben uns jede Menge Nahrung für neue Gedanken geliefert und haben geholfen, dass wir mit unterschiedlichen Perspektiven für unser Geschäft angefreundet werden.“
Diard ist mit dem European Outdoor Forum eng verbunden, zumal er dem Outdoor Sports Valley (OSV) vorsitzt, einer Interessengemeinschaft von französischen und europäischen Outdoor-Firmen, die ihren Sitz in und um Annecy haben. Tatsächlich wurde das Projekt European Outdoor Forum vom OSV in Zusammenarbeit mit der European Outdoor Group (EOG) angestoßen.
Der grüne Faden war der rote Faden
Wie vorauszusehen, war das Thema Nachhaltigkeit der rote Faden durch die Veranstaltung. Eine nachhaltige Diskussion wurde von Cortney McDermott angeregt, die bei The North Face die Bereiche soziale Verantwortung und Nachhaltigkeit verantwortet. Sie stellte den „Eco Index“ vor, ein Pilotprojekt, das gemeinsam von der EOG und deren Äquivalent in den USA, der Outdoor Industry Association (OIA) angeschoben wurde. Der Plan hinter dem Index schaut so aus, dass er Richtlinien und Parameter vorgibt, damit Unternehmen die Nachhaltigkeit ihrer Produkte – zunächst für interne Zwecke – bewerten können.
McDermotts Vortrag löste eine intensive Debatte unter den Teilnehmern des Forums aus: Die einen befürworteten einen unabhängigen Index, der von Organen außerhalb der Industrie überwacht wird, während die anderen sich für ein Label aussprachen, das von der gesamten Industrie getragen wird und das den Endverbrauchern vermittelt werden sollte.
„Wenn wir das nicht machen, wird der Einzelhandel vorangehen und seine Exklusivprodukte mit Öko-Logos versehen“, argumentierte Jan Lorch, internationaler Vertriebsleiter bei Vaude, einem Unternehmen, das den Eco Index gegenwärtig bei einigen Produkten testet und sich anderen internationalen Standards wie beispielsweise Bluesign verschrieben hat, um die eigene Kollektion grüner zu machen. Dabei gehe es Vaude nicht alleine um die Produkte, sondern auch um die Überwachung der gesamten Produktionsschritte in eigenen oder angeschlossenen Betrieben.
Demgegenüber verteidigten McDermott und andere Vertreter von EOG und OIA den Standpunkt, dass der Eco Index erst intensive Tests durchlaufen muss, bevor das Projekt dem Endkonsumenten vorgestellt werden könnte. Es wäre sogar kontraproduktiv, so Nick Brown von Nikwax, denn es wäre zu kompliziert, dem breiten Publikum den Index verständlich zu machen.
Neue Visionen für das Internet
Auch das Internet und dessen Möglichkeiten für den modernen Handel mit Outdoor-Produkten standen in Annecy im Brennpunkt der Debatte. Eine Präsentation von Ed Stevens, des Chefs von Shopatron, lieferte Herstellern und Händlern neue Anregungen: Stevens‘ Konzept schlägt vor, dass der Verbraucher auf der Webseite der Marke zu den Preisen bestellt, die der Lieferant vorschlägt. Danach können sich die Handelspartner der Marke aus einem Anfrage-Pool bedienen und entscheiden, ob sie die Kundenanfrage bedienen möchten. Es steht dem Endkunden dann frei, ob er am Ende das Produkt selbst im Geschäft abholen oder für den Versand zahlen möchte. Das ganze kostet den Händler nichts bis zum Verkaufsabschluss. Ab dann zahlt der Händler an Shopatron eine Provision von durchschnittlich 4,5%.
„Dieses Konzept versetzt die Marken in die Lage, direkt an die Konsumenten zu verkaufen, mit den Endkunden direkt zu kommunizieren und dabei immer die Handelspartner eingebunden zu haben“, erläutert Stevens. Shopatron gesteht, dass nur 5% des Umsatzes der Firma in Höhe von 100 Mio. USD in Europa generiert werden. Zu den Kunden des Unternehmens gehören Outdoor-Firmen wie Eureka!, Silva und Katadyn.
Bernd Kullmann, Geschäftsführer von Deuter, fühlte sich von der ganzen Veranstaltung durchaus inspiriert: „Das war ein richtig guter Ansatz, um eine Plattform aufzubauen, um sich zu treffen, auszutauschen und zusammen ein gutes Glas Wein zu trinken. Dafür haben wir auf Messen nie Zeit.“ Der Deuter-Chef hat aber noch Vorschläge für Verbesserungen: „Die erste Ausgabe dieser Veranstaltung repräsentierte noch nicht wirklich die europäische Outdoor-Branche. Sie war von Franzosen dominiert, und zu viele andere haben gefehlt. Wir werden helfen, im nächsten Jahr mehr Leute aus anderen Ländern mit hinein zu bringen.“
Jean-Luc Diard und die Mannschaft von OSV freuen sich auf solche Reaktionen, damit im nächsten Jahr noch mehr Händler und Lieferanten auf dem internationalen Meeting vertreten sind.
Barbara Smit




