Ski Reportage
05.02.2010
Das Handeln mit Ski-Equipment macht momentan jede Menge Spaß. Allerdings bleibt klar: Das strukturelle Problem dieses Segments ist beileibe nicht überwunden, denn die Margen sind eher überschaubar.
Trotzdem gibt es gute Gründe für verhaltenen Optimismus: Das Wetter passt – vor allem in den bergfernen Regionen –, die Preise sind relativ gesprochen stabil und neuerdings kann es sogar passieren, dass die Ware knapp wird. Das mag ärgerlich sein, zeigt aber, dass die Branche beim Reizthema Überversorgung momentan passabel dasteht. Für den nächsten Winter steht das Rocker-Konzept ganz oben auf der Agenda. DerHandel will das, die Marken in der Mehrzahl auch, aber will es auch der Konsument? Rocker stellt eine Denksportaufgabe dar, denn das Traumziel, einen Begriff zu schaffen, der dem Carver in seiner Breitenwirkung nahe kommt, dürfte eine Herausforderung darstellen. Der Versuch ist es aber allemal wert.
Der Ski gibt ausnahmsweise wenig Anlass zur Klage. Das Geschäft läuft und zwar auch dank einigermaßen normaler Preise. „Der bisherige Saison-
verlauf war von einer gewissen Ruhe an der Preisfront geprägt", ist sich Andreas Rudolf, Geschäftsführer der Sport 2000, sicher, auch wenn es da keine Gründe gibt, um Purzelbäume zu schlagen. In Sachen Margen und Preise sind die Ski immer noch sensibel, aber anscheinend geht der Preisschwung ein wenig nach oben oder das Preisgefüge bleibt zumindest einigermaßen stabil. Im Januar konnten die in der Sport 2000 organisierten Händler beim Skiverkauf nach Wert um etwa 4% gegenüber dem Vergleichsmonat 2009 zulegen. Es sieht so aus, als bliebe Head Marktführer bei Ski und kann sich das Kopf-an-Kopf-Rennen um die Silbermedaille zwischen Atomic und Völkl von oben herab anschauen. Auch bei Skistiefeln ist Head top – auch wenn hier eher die Masse zählt. Wertmäßig sollte hier Salomon die Nase vorne haben.
Die Intersport gibt sich ein wenig bedeckter, was die Zahlen anbelangt, aber Vorstand Klaus Jost geht davon aus, dass die Umsätze des Januars 2009 – seinerzeit steigerten die Rot-Blauen um etwa 30% – im abgelaufenen Monat getoppt werden konnten. Nach Josts Angaben liege das nicht nur an dem sehr guten Winter und der Schneelage, sondern auch am Abschied verschiedener Marktteilnehmer aus diesem Segment und insbesondere hier der Warenhäuser, die ihre Anstrengungen im Equipment-Bereich reduziert hätten.
Hohes einstelliges Wachstum
Auf der Seite der Marken ist die Zufriedenheit sichtlich spürbar. Udo Stenzel, Chef von Völkl in Deutschland, rechnet ein Plus von etwa 7% für die Marke vor, für die er arbeitet, auch wenn die Kassen für die laufende Saison noch nicht geschlossen sind.
Elan findet diesen Winter auch gut. Roland Wagner lobt die gewisse Stille bei den Preisen und freut sich, dass die Lagerbereinigung in den Geschäften und bei den Lieferanten einigermaßen gelungen ist. Das sei so der Fall „das erste Mal in 100 Jahren", so Wagner, den es dann auch nicht stört, dass erstmalig seit langer Zeit auch mal Ware ausverkauft sei, um Ruhe in den Markt zu bekommen. Wagner ist trotzdem ein Realist, der nicht auf Teufel komm raus den Berufs-Optimisten spielen mag: Nach Elan-Analyse sind die Margen immer noch kritisch und es sei klar zu sehen, dass das stark wachsende Verleih-Geschäft „dem Markt die Hälfte des Volumens genommen hat".
Na gut, dann lassen wir es eben rocken
Soweit sind die Bestandsaufnahmen ja recht viel versprechend. Aber die gute Schneelage darf nicht über die strukturelle Gefahren-Situation der Ski-Branche hinwegtäuschen. Es bedarf wirklicher Innovationen, damit das ganze Sujet einen Schritt nach vorne schafft. Das Thema „Rocker" spaltet ein wenig die Fangemeinde in der Branche, denn es handelt sich bei den stark aufgebogenen Ski nicht wirklich um etwas ganz Neues. Tatsächlich kommt das ganze aus dem Freeride und soll nun seine Karriere auch auf der Piste machen. Vorangetrieben von Marken wie K2, Rossignol, Salomon, Völkl und anderen steht Rocker auf der Agenda und die großen Verteiler im Handel (lies: die Einkaufsverbände) sind angetan von der Story, denn die Kollegen an der Verkaufsfront bedürfen sinnvoller Geschichten, die sie dem Kunden glaubwürdig erzählen können.
Die Idee hinter alledem ist die Überzeugung, dass in der Skibranche endlich wieder an einem Strang gezogen wird, damit gemeinsam Themen an den Endkunden gebracht werden – so wie es bei dem Carving-Ski hätte sein sollen, aber auch ein paar Saisons gebraucht hatte. „Es gibt ein paar Marken, die in die gleiche Richtung arbeiten", weiß Nicki Bauer von Rossignol/Dynastar und nennt dabei ausdrücklich die Mitbewerber Salomon und K2. „Wir werden das ganze Thema gemeinsam voran treiben."
Die Klammer um die ganze Problematik wird von den Einkaufsverbänden geschlossen, die den großen Teil der Skihändler unter sich bündeln. Bei Intersport ist man sehr angetan von der Rocker-Aktion; man hält sich für den Moment aber noch bedeckt darüber, wie das Thema befeuert werden soll. Sport 2000 war da schon mutiger und bewirbt bereits Rocker in Kooperation mit führenden Marken wie Atomic, K2, Fischer, Salomon, Völkl, Rossignol und Head.
Tatsächlich sind auf der Seite der Hersteller die genannten Marken die Antreiber – wenn auch mit unterschiedlicher Konzentration auf das Thema: Bei Völkl glaubt man daran, dass „Rocker ein Riesenthema" sei, das jede Menge Chancen und Möglichkeiten biete. Geschäftsführer Udo Stenzel sieht ein Marktpotenzial für dieses Segment von 25 bis 30%. „Das ist ein absolutes Thema, das nicht verschlafen werden darf". Dies hätte der Handel soweit auch nicht getan, auch wenn Stenzel ein gewisses Süd-Nord-Gefälle bei der Bearbeitung des Trends sieht. Außerdem sollte unterstrichen werden, dass sich Rocker nicht zur Zielgruppen-Ansprache für jeden Kunden eigne. So sei dies für den Renn-ski selbstverständlich keine passende Alternative.
Auch Siegfried Paßreiter von Fischer hält es „für absolut richtig, neue Themen anzugehen" und betont, dass die Initiative teilweise vom Handel aus geht: „Die Sport 2000 hat uns quasi ins Gebetbuch geschrieben, dass wir hier etwas tun zu müssen." Daran wird sich Fischer denn auch halten, auch wenn betont wird, dass das Rocker-Konzept keineswegs neu ist, aber eben nur im Freeride-Bereich, das nun auf die Piste übertragen werden solle. Am Rande bemerkt: Fischer rechnet für sein Geschäftsjahr, das Ende dieses Monats abläuft, mit einem Umsatzplus von mindestens 25%. Verantwortlich dafür sind vor allem die tollen Abverkäufe im Langlauf-Segment.
Verleih nimmt dem Markt die Hälfte des Volumens
Eine Marke, die nicht im Langlauf vertreten ist, hört auf den Namen Elan. Dessen Deutschland-Chef und frisch gebackener Macher in Österreich ist, wie bereits angedeutet, durchaus zufrieden mit der Entwicklung im Skihandel. Roland Wagner lobt, dass sich einiges gebessert habe insbesondere im Hinblick auf die verhältnismäßig stabile Lage an der Preisfront.
Beim Rocker-Konzept bittet Elan allerdings um mehr Realismus. Die Slowenen haben selbst acht Rocker-Modelle im Programm, die für den Freeride-Einsatz gedacht sind. Wagner warnt davor, dass hier die Rechnung ohne den Konsumenten gemacht wird, denn es handele sich dabei um eine alte Technologie, die sich auf den harten europäischen Pisten überhaupt nicht eigne. Stattdessen wolle man mit aller Gewalt einen Trend aus Amerika in Europa durchsetzen, ohne an die Bedürfnisse der Kunden zu denken. Um dem gerecht zu werden, lässt es Elan nicht wirklich rocken und konzentriert sich weiter auf sein Konzept der variablen Radien.
Bei der Sport 2000 ist man allerdings ganz anderer Auffassung: Andreas Rudolf beschäftigt sich nach eigenen Angaben seit letztem Herbst intensiv mit den Rockern und ist davon überzeugt, dass hier ein marktfähiges Konzept, das sich durchsetzen dürfte. „Das wird auf der Ispo ein ganz wichtiges Thema werden", ist sich Rudolf sicher und kann sich vorstellen, dass die Rocker in absehbarer Zeit beim Einkauf einen Anteil von 30 bis 40% ausmachen könnten. Ob die Rechnung so aufgeht, wird einmal der Handel entscheiden – und der wird sich das Thema auf der Ispo sicher sehr genau anschauen.
Markus Huber



