Im Versand der unbegrenzten Möglichkeiten?
09.04.2010
München. Vom Buchhändler zum globalen Bauchladen: Mit knapp 100 Millionen aktiven Kunden hat sich die Online-Plattform Amazon innerhalb nur einer Dekade zum weltweiten Marktführer im Online-Versandhandel aufgeschwungen.Ohne Kompromisse verfolgt der Logistik-Riese eine konsequente Expansionsstrategie und saugt auf, was er kriegen kann: „Billiger, mehr und schneller“ lautet das Credo von Amazon. Mit günstigen Angeboten will die Plattform auch im Sportbereich Fuß fassen und lockt zunehmend auch Händler und Hersteller aus der Sportbranche ins Boot. Für die Marktteilnehmer bleibt das Reizthema Amazon kontrovers. sportFACHHANDEL gelang
ein exklusiver Blick hinter die Kulissen.
„Alle Kunden wünschen sich günstige Preise, ein breites Angebot und eine schnelle Lieferung“, sagt Ralf Kleber, Geschäftsführer von Amazon.de. Die Mission des Versandhauses sei es daher, dem Kunden das Einkaufen so einfach und so bequem wie möglich zu machen. Um dieses Ziel zu erreichen, baut der Online-Riese seine Sortimente ständig aus. „Nur im Onlinehandel sind die Präsentationsflächen unbegrenzt, nur hier geht die Ausweitung des Angebots nicht zu Lasten anderer Sortimente“, meint Kleber. Diesen Spielraum will der Onlinehändler kompromisslos ausschöpfen. Dabei ist die Auswahl bei Amazon.de schon heute gigantisch: Das Buchangebot (auch Sportbücher) sei größer denn je, beschreibt Amazon-Chef Kleber den Warenstand. Neben Millionen von Büchern führt der Anbieter inzwischen längst über 20 weitere Produktkategorien wie Musik, Bekleidung, Bürobedarf, Elektronik und Haushaltswaren. Vor zwei Jahren kam die Kategorie Sport dazu. Das Angebot von Amazon kennt keine Grenzen, denn der Online-Riese will mehr. Jetzt kam auch noch ein Billig-Outlet für Sport dazu.
Nach billig kommt noch billiger
„Das Ziel von Amazon ist es, dem Kunden alle Produkte anzubieten, die er online kaufen will“, erklärt der Ama-zon-Chef. Um das Angebot noch weiter zu forcieren, ging der Internet-Händler 2008 auch mit eigenem Sport- und Freizeitshop an den Start. In den fünf Bereichen Fitness, Sportswear, Fußball, Radsport sowie Camping & Outdoor kann der User mittlerweile zwischen 500.000 Artikeln auswählen. Inzwischen stellt sich der Onlinehändler in allen Produktsegmenten breit auf. Ob Helme, Hosen oder Heimtrainer, ob Zelt oder Schrittzähler – der Kunde scheint tatsächlich alles zu bekommen, was er online kaufen will. Amazon fährt einen klaren Kurs, scheinbar ohne Kompromisse. Auf der Homepage verspricht Amazon seinen Kunden eine Tiefpreisgarantie. Mit neuem Billig-Outlet greift der Online-Gigant seit Ende 2009 noch drastischer über den Preis an.
sportFACHHANDEL zählte nach: In aktuell 31 Sport-und Freizeitkategorien finden Kunden rund 5000 reduzierte Produkte von über 300 Markenherstellern, darunter mehr als 50 renommierte Topmarken wie Jack Wolfskin, Salewa, Ziener und weitere. Am prominentesten vertreten ist im Billig-Store die Marke Adidas mit 791 Artikeln, dicht gefolgt von Nike (563), Asics (413) und Burton (325). Ein Paradies für anspruchsvolle Schnäppchenjäger? Die Markenprodukte im Billig-Sortiment sind laut Amazon um mindestens 40% reduziert. Unter dem Label „Amazon Warehouse Deals“ verwertet das Unternehmen darüber hinaus retournierte Produkte, die noch intakt oder neuwertig sind und aufgrund beschädigter Verpackung oder kleiner Schönheitsfehler nicht als Neuware verkauft werden können. Auch hier purzeln die Preise um bis zu 40%.
Wachstum um jeden Preis
Um seinen Kunden noch mehr Ware anbieten zu können, öffnete der On-line-Gigant bereits im November 2000 die Türen für Drittanbieter. Heute verfügt Amazon nach eigenen Angaben über mehr als 1,8 Millionen aktiver Verkäufer-Konten, über 30% aller bestellten Artikel wurden im vergangenen Quartal weltweit bei externen Anbietern geordert. Entscheidend sei, dass Kunden auf der Website alle gewünschten Produkte finden, erläutert der Amazon-Geschäftsführer gegen-über sportFACHHANDEL. Ob sie diese bei Amazon selbst oder bei Drittanbietern kaufen, spiele dabei keine Rolle. Partner seien deshalb aus allen Bereichen willkommen. Ob lokaler Händler oder renommierter Hersteller, ob 50 Produkte oder 50 000: Wichtig sei, dass sie dem Kunden ein gutes Einkaufserlebnis bieten. Das bedeutet im Klartext: Der Riese will wachsen – von wem die Ware kommt ist dem Onlinehändler egal. Über die Kooperation
mit Händlern und Herstellern will Amazon sein Sortiment weiter aufstocken. Im klassischen Direktvertrieb können Hersteller ihr gesamtes Produktsortiment im eigenen Marken-Shop präsentieren. Diese Option nutzen laut Amazon inzwischen über 100 Labels, darunter Bench, Puma und Polar. Daneben stellt Amazon die Verkaufsplattform »Marketplace« zur Verfügung, über welche Händler und Hersteller eigene Artikel zum Festpreis anbieten können. Um die Händler, und damit mehr Ware, ins Boot zu bekommen, will das Versandhaus den Online-Vertrieb so einfach wie möglich machen und lockt mit zahlreichen Vorteilen: 98 Millionen aktive Kunden, unbegrenzte Verkaufsfläche, Personalisierungs-Funktion über Kunden-
empfehlungen, optionaler Zugang zum internen Shop-in-Shop-System sowie die Nutzung der logistischen Infrastruktur.
Das Geheimnis liegt in der Logistik
Amazon gilt als Pionier im Logistikbereich. Der Händler punktet mit einem eng verzahnten nationalen Logistik-Netzwerk und umfangreicher Retail-Erfahrung im Online-Sektor. Die zuverlässige, schnelle und pünktliche Lieferung ist zentraler Bestandteil der Geschäftsphilosophie. Was dem Internet-Versand im Bereich Kundenberatung durch die Lappen geht, so scheint es, will er vor allem durch Schnelligkeit wettmachen: An Spitzentagen verschickt Amazon nach eigenen Angaben bis zu 6,3 Millionen Artikel in über 210 Länder, das sind 72,9 Artikel pro Sekunde. Die deutsche Tochter Amazon.de schafft mit über 1,2 Millionen Artikeln an Spitzentagen mehr als 14 pro Sekunde. Doch schnell ist Amazon nicht schnell genug. Einer der wichtigsten Faktoren in diesem Geschäft ist die Logistik: Deshalb entwickele das Unternehmen kontinuierlich Konzepte, mit denen Produkte noch schneller und wunschgemäß zum Kunden gebracht werden können, verrät Kleber. So hat der Kunde auch hier die Qual der Wahl: Neben dem Standardversand garantiert Amazon auf Wunsch zahlreiche Zusatz-optionen wie Overnight-Express, Evening-Express oder die Versand-Flatrate „Amazon Prime“. Auch Händler und Hersteller können von der logistischen Infrastruktur profitieren und etwa ihre Waren in einem der zwei deutschen Logistikzentren (Bad Hersfeld, Leipzig) einlagern. Die Lagerfläche beider Logis-tikzentren entspricht zusammen der Größe von 18 Fußballfeldern, allein in Bad Hersfeld werden an Spitzentagen über 400.000 Artikel an den Kunden verschickt. Im Normalfall freut sich dieser schon innerhalb kürzester Zeit über sein pünktlich geliefertes Produkt. Ob er auch damit zufrieden ist, steht auf einem anderen Blatt. Denn: Auch Ama-zon kocht nur mit Wasser. Im Gegensatz zum lokalen Geschäft kann der Kunde die Ware online nicht anfassen. Anonyme Empfehlungen anderer Kunden können hilfreiche Hinweise sein. Die fachkundige Beratung im Laden ersetzen sie jedoch nicht. Wer sich als Händler auf seine Kernkompetenzen berufen kann, sollte dem großen Mitbewerber aus dem Internet trotz seiner Größe ein Schnäppchen schlagen können.
Ramona Fischer
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