Heavy-Metal im Gebirge: Verkaufs-Hits leicht gemacht
04.08.2010
Hartware für Kletterer hat sich zu einem sicheren Umsatzbringer gewandelt: Schon Kinder beginnen mit dem Kraxelsport und sogar zahlungskräftige Best Ager ziehen sich die Wände hoch.
Durch neue Klettersteige boomt die Nachfrage nach den entsprechenden Sets. Die Hersteller legen ihren Fokus besonders auf Leichtigkeit und Sicherheit.
Wie viele alpine Kletterer es gibt, ist schwer zu sagen. Der Deutsche Alpenverein (DAV) schätzt, dass sich rund 300.000 Deutsche regelmäßig an Felsen- und Hallenwänden hocharbeiten. Im Jahr 2005 ging eine Studie noch von etwa 200.000 Felsensportlern aus. Zum Vergleich: Für ganz
Europa schätzt der DAV die Anzahl der Kletterer auf zwei Millionen Aktive. Anstatt auf dem Spielplatz Sandburgen zu bauen, kraxeln schon Kinder in Indoor-Anlagen oder Klettergärten am Seil gesichert die Wände hoch. Stefan Donner, Geschäftsführer des Distributeurs Triple-X aus Thurnau: „Es
gibt mittlerweile viele Eltern-Kind-Gruppen, die zum Klettern gehen. Etliche der Kleinen kommen bereits im Kindergarten oder in der Vorschule mit dem Klettern in Kontakt, da das Angebot an Wänden in diesen Einrichtungen stark zugenommen hat. Über eine Jugendgruppe oder gezielte Kurse bei Bergsportschulen können die Kinder auch in ihrer Freizeit klettern gehen.“ Die gesamte Kundengruppe erstreckt sich seiner Erfahrung nach vom Vorschulkind bis zum Rentner.
„Bergsport geht in die Breite“
Hartware birgt für Handel und Hersteller ein gewaltiges Umsatzpotenzial: Noch vor Saisonbeginn gilt es, sich mit Karabinern, Klemmgeräten, Express-Schlingen und anderer Ausrüs-tung einzudecken. Dass Einsteiger besondere Hartware benötigen, haben die Unternehmen erkannt und reagiert: „Wir haben in allen alpinen Bereichen Einsteigersets, die es auch mit kleinem Budget möglich machen, beispielsweise in den Eisklettersport einzusteigen“, sagt Helmut Knoflach, der beim österreichischen Ausrüster Stubai für den Bergsport zuständig ist. So findet die frühere Randsportart immer mehr Anhänger, die regelmäßig Hartware einkaufen und Ansprüche an das Handling stellen. Knoflach: „Der Bergsport geht immer mehr in die Breite. Damit kommen auch viele, weniger routinierte Sportler zum alpinen Klettern. Diese verlangen nach technisch ausgereiften, einfach zu handhabenden Ausrüstungsgegenständen.“
Johannes Kielmann von der Biwakschachtel in Tübingen ist sicher, dass Bouldern und Deep Water Soloing,
also freies Solo-Klettern über dem Wasser, die Trends des Jahres sind. Auch die Hartware-Produzenten reagieren auf die Spezialisierung der
Athleten: „Für alle Facetten des Berg-sportes werden immer speziellere Produkte angeboten. Als Beispiel wäre hier unser Ovalo zu nennen, ein Ovalkarabiner, der sich insbesondere fürs Bigwall-Klettern eignet“, erklärt Austrialpin-Sprecherin Caroline Opp.
Wird Schwermetall bald eingeschmolzen?
Das frühere Heavy Metal im Bergsport hat vielleicht bald ausgedient: Die Kraxler kaufen immer mehr leichte Ausrüstung. Dies bestätigt Caroline Opp: „Im Gegensatz zur Bekleidung wird die Ausrüstung unseres Erachtens nicht technischer, sie wird leichter. So kann man mehr Material mit sich herumtragen und länger unterwegs sein.“ Welche Folgen hat dies für den Kunden? „Der Anwender muss einen Kompromiss eingehen: Will er besonders leichtes oder will er besonders sicheres Material? Die leichten Ausrüstungsstücke decken eventuell nicht das gleiche Spektrum an Funktionen wie ein Universalgerät ab, daher ist es wichtig, dass man sich der richtigen Anwendung der Geräte bewusst ist. Auch die richtige Pflege spielt heute eine wichtigere Rolle.“ Stubai-Mitarbeiter Knoflach: „Leicht ist natürlich immer gefragt und wird es auch in Zukunft sein. Ansonsten sind Produkte, die in der Anwendung selbst erklärend sind und Anwendungsfehler ausschließen oder minimieren, die Zukunft.“ Zu einer ähnlichen Auffassung kommt auch Donner von Triple-X: „Die Einsatzgebiete werden immer spezieller und konkreter. Es herrscht der Wunsch nach größtmöglicher Sicherheit im alpinen Gelände, dazu braucht es ein perfektes Zusammenspiel von technischer Ausrüstung und hochfunktioneller Bekleidung. Das leichtere Handling bedeutet eine höhere Sicherheit für den User.“ Als Renner in dieser Saison bezeichnet Donner die Karabiner in Leichtbauweise. Bei Aliens Outdoor in Lenggries zeichnet sich ein ähnliches Kaufverhalten der Kunden ab. Seile und Karabiner sind dort die Umsatzbringer.
Profis entwickeln mit
Gute Verkaufszahlen sind besonders bei Neuentwicklungen für die Hersteller extrem wichtig. Zwei bis drei Jahre dauert es, bis neue Artikel in die Produktion gehen können. „In der Entwicklung setzen wir auf unser Team aus Profikletterern, Bergführern, Bergrettern und Industriespezialisten, welche die Produktentwicklung über langjährige Praxistests hinweg begleiten und wertvolles Feedback liefern. So können wir Risikofaktoren so weit wie möglich ausschalten“, erklärt Opp von Austrialpin.
Klettersteige pushen Nachfrage
Erst seit 2008 ist Skylotec auf dem Bergsportmarkt aktiv und bietet neben Hartware auch Textilien an. 2009 eröffnete Skylotec die erste Verkaufsinsel in dem Frankfurter Geschäft Alpin Basis. Im April dieses Jahres startete das Unternehmen aus Neuwied mit einer integrierten Ladenfläche in der Schweiz. Marketingleiter Florian Wahl erklärt, wo der Fokus liegt: „Das reizvolle am Klettersport ist, dass er so viele Gesichter hat. Besonderes Augenmerk setzen wir auf das alpine Klettern sowie die Thematik Klettersteig. Hier konnten wir schon mit einigen Produkten den Sport etwas sicherer gestalten.“ Wie gefragt Hartware für Eisenwege im Felsen ist, bestätigt an der Verkaufsfront Markus Schindler von Bergzeit: „Das Sortiment für Klettersteigsets haben wir ausgebaut und bieten den Kunden mittlerweile Kombisets an, die auch einen Helm beinhalten.“ Innerhalb der alpinen Hartware verkaufen sich laut Schindler die Sets für Klettersteige am besten. Ein Grund ist die Zunahme der gesicherten Routen. Dazu Wahl: „Neue Klettersteige schießen wie Pilze aus dem Boden, daher verbirgt sich in diesem Bereich eine ständig wachsende Kaufkraft.“ Die Zahl der Via Ferratas in Europa beträgt inzwischen über 1500, davon mehr als 50 in Deutschland. Allein im vergangenen Jahr haben mehr als 10 000 Alpinisten den Heilbronner Weg im Allgäu absolviert. Diese Bergsportler benötigen alle Funktionstextilien, Rucksäcke und Hartware. Salewa wagte den Vorstieg und eröffnete 2008 in Bad Hindeland einen neuen Klettersteig. 2010 folgte die Eröffnung einer Klettersteigschule in Berchtesgaden. Mitbewerber Vaude konterte mit einem eigenen Steig auf die Gargellener Köpfe, der auch Seilbrücken beinhaltet.
Ulrich Wittmann
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