Mit E-Bikes und steigender Qualität stimmt die Rechnung wieder
26.08.2011
Reportage Österreich: Trotz erneutem Gegenwind im Radmarkt
Wien. Der österreichische Fahrrad-Markt wird ohne Zweifel vom E-Bike-Boom gepusht. Denn die Umsätze in den anderen, etablierten Kategorien sind weitestgehend konstant. Den Wettbewerb kurbeln vor allem die dominanten Multisport-Ketten an, deren Marktanteil bei geschätzten 55% liegt. Aber auch die Einkaufsverbände verschärfen das Tempo.
Wie in anderen Bereichen forcieren die Multisport-Ketten auch im Fahrrad-Segment ihre Eigenmarken. Mit Erfolg, wie sich zeigt. Die Intersport-Hausmarke Genesis steht mit über 50.000 verkauften Fahrrädern pro Jahr auf Platz zwei der Verkaufscharts (mit einem Anteil von 15%). Auf dem Siegerplatz befindet sich der österreichische Fahrrad-Hersteller KTM mit einer Verkaufsmenge von ca. 60.000 Fahrrädern (entspricht einem Marktanteil von 20%).
Laut Einschätzung der Arge Fahrrad wurden 2010 rund 440.000 Fahrräder in Österreich verkauft. Das Markt-
volumen war im Vorjahres-Vergleich mit einem Minus von 5% mengenmäßig leicht rückläufig – im Wert aber konstant. Zusätzlich kamen 10.000 E-Bikes auf die Straße.
Diese erhöhte Ausgabebereitschaft der Konsumenten stellt die Multisport-Ketten vor eine große Herausforderung. Denn wer Qualität verkaufen will, muss auch kompetente Beratung liefern.
Insider glauben nicht wirklich an eine Vereinbarung von Großfläche und Kompetenz. Eine Marketingbotschaft in diese Richtung sandte Hervis zu Saisonstart mit dem Slogan: „Österreichs größter KTM-Händler.“ Hintergrund: Hervis führt in zwanzig seiner insgesamt 70 Filialen in Österreich ein konzentriertes Angebot des Herstellers aus Mattighofen. Eine weitere Strategie scheint der Zukauf des erforderlichen Know-hows zu sein. Sowohl bei Hervis als auch Eybl brodeln Übernahmegerüchte von namhaften Spezial-Shops.
Gemeinsam stärker: „Thema Bike“
Der Marktanteil des Fahrrad-Fachhandels liegt bei geschätzten 30%. Die Spezialisten profitieren eindeutig von der erhöhten Ausgabebereitschaft der Kunden. Eine Flächenexpansion aus eigener Kraft ist für sie aber schwierig. „Gemeinsam stärker”, lautete deshalb das Motto bei der Fusion von Bike-palast (Salzburg) und Mountainbiker (Rösner & Schütz GmbH, Wien). Die Unternehmen verschmolzen am 1. Juli 2011 zur „Thema Bike“ GmbH mit Sitz in Wien. Teilhaber sind Alexander Baumschlager, Ernst Koschier, Herbert Lackner (Bikepalast) sowie Martin Rösner und Thomas Schütz. Wie Martin Rösner erklärt, sollen die zwei Einzelhandels-Konzepte autark fortgeführt werden. Von der Fusion mit dem „größten Mitbewerber” erwartet er sich primär Synergie-Effekte in den Organisationsabläufen – aber auch durch die individuelle Kompetenz. So ist für Mountainbiker die in 15 Jahren gewachsene Online-Kompetenz des Bikepalasts von Interesse. Der Online-Umsatz von Bikepalast liegt laut Rösner bei einem Drittel. O-Ton: „Umsatz, den wir bisher liegen lassen haben.“ Neben drei unternehmenseigenen Shops und einem Outlet in Wien, ist Mountainbiker auch Franchise-Geber für Shops in Mödling, Wattens, Gmunden und Klagenfurt.
Bikepalast führt den Online-Shop und je einen Shop in Linz (600 qm) und Salzburg (1400 qm) in Eigenregie. Daneben gibt es fünf Franchise-Nehmer: in Wien (1100 qm), Tirol (Mils, 800 qm), Villach (800 qm) und Oberösterreich (Mondsee, 200 qm) sowie Altenfelden (170 qm). Der Shop in Wien wird übrigens vom ehemaligen Rad-Profi Bernhard Kohl geführt. In Gemeinsamkeit erstarkt, sieht „Thema
Bike“ jetzt weiteres Potenzial für zusätzliche Shop-Formate in den österreichischen Landes-Hauptstädten.
Wer gewinnt das Absatz-Rennen?
Bei Handelsketten und Einkaufsverbänden liegt das Hauptaugenmerk auf Mountain- und Trekkingbikes – den Kategorien mit den höchsten Marktanteilen (siehe Tabelle). Aufmerksame Marktbeobachter lesen aus zahlreichen Prospekten der Großflächen außerdem den Trend, das Qualitäts-Bike auf die Schaltgruppe zu reduzieren. Dass auch der passende Rahmen Bedeutung hat, geht nicht explizit hervor. Dafür steht das Preismarketing schon seit dem Saisonstart im Vordergrund.
In den spezialisierten Shops ist die Werkstatt unverzichtbar. Dort werden viele Bikes von den oft Service-losen Multisport-Ketten repariert. Klaus Reisenberger kennt die Bedeutung des schnellen Service ganz genau: Der Geschäftsführer des Rad Center Wolf (Imst) hat in kostenintensive Wartungsgeräte investiert und gewährleis-tet zum Beispiel die Abwicklung von Dämpfer- und Federgabel-Service innerhalb von maximal drei Tagen. Zur Auslastung seiner Werkstatt bietet er sein Know-how aber nicht nur Endverbrauchern an, sondern auch anderen Rad-Shops. Darüber hinaus basiert sein Geschäftskonzept auf der Nähe zum Profisport. Daniel Federspiel, mittlerweile Profi-Teamfahrer, war zuvor eines seiner „Aushängeschilder“. Reisenberger möchte über die Profis den Verkauf von hochpreisigen Rädern forcieren. Aber nicht jeder seiner Kunden gibt 7000 EUR für ein Rad aus.
In ihren Sortimenten gehen die Spezialisten mitunter sehr eigene Wege. Ein Beispiel dafür ist Thomas Kluge, Geschäftsführer des Radstudios (Innsbruck). Er ist einer der raren Radspezialisten, die derzeit ein richtig sattes Plus von 30% bei Rennrädern verzeichnen. Allgemein ist diese Kategorie eher ein kleines und stabiles Geschäft (siehe Tabelle).
Die Zielgruppe der Damen ist im Bike-Segment sehr interessant. Die Branche spricht (wie im Sektor Ski) von einem Damenanteil von 40%. Doch im Verkauf gehen die Meinungen stark auseinander: Ein Händler stellt fest, dass Damenräder primär im Design ihren Ausdruck finden. Ein anderer Händler meint, dass es Herrenmodelle gibt, die das Segment mit geringfügigen Adaptionen abdecken. Alexander Hrinkow, der vier Shops in Oberösterreich führt, stellt fest, dass weibliche im Gegensatz zu männlichen Kunden eine etwas geringere Ausgabebereitschaft haben: „Der letzte Kick fehlt.“ Frauen wollen nicht um jeden Preis ein superleichtes Bike haben. Für ein halbes Kilo Gewicht, das eingespart werden kann, geben sie nicht mehr Geld aus.
Der Marktanteil bei Mountainbike hält sich seit Jahren konstant bei etwas über einem Drittel. Signifikant ist allerdings die Fragmentierung der Kategorie: „Full Suspension” brachte mehr Sicherheit auf extremem Gelände. Un-übersehbar kommt langsam aber
sicher der Trend zum „Twenty-Niner” mit den etwas größeren Reifen zur leichteren Überwindung von Unebenheiten. Insider erwarten sich eine ähnliche Entwicklung wie in den USA. Dort hat sich bereits 90% des Verkaufsvolumens im Cross Country-Sektor in Richtung dieser „Big Wheeler“ verschoben. Erfreulich im MBT-Segment Mountainbike ist das steigende Kundeninteresse an Produkten im Preisbereich von 2000 bis 3000 EUR.
Das Thema E-Bike ist heiß
Als die E-Bike-Saison von Branchenfremden wie der Lebensmittel-Kette Spar (Mutterkonzern von Hervis) mit Preisen von 700 bis 800 EUR eröffnet wurde, kamen im Multisport-Handel leise Zweifel. Aber trotzdem war es noch möglich, E-Bikes zu einem Durchschnittspreis von rund 1500 EUR zu verkaufen und den Lagerbestand abzubauen. Das Thema ist heiß. Manchmal zu heiß. Intersport und Hervis starteten im Mai eine Rückruf-Aktion. Bei einem Akku der Berliner Clean Air Bike GmbH bestand die Gefahr der Überhitzung – insbesondere nach einer längeren Lagerung in der Winterpause.
Auch die spezialisierten Händler erwarten sich viel vom Thema. Gleichzeitig ist man sich einig: Die prognostizierte Verwendung im sportiven Bereich scheitert derzeit noch am hohen Gewicht des Akkus. Es geht um zehn zusätzliche Kilo in einem Bereich, in dem Gewicht sparen hohe Relevanz hat.
Nach wie vor wird die Anschaffung von E-Bikes von den Gemeinden gefördert. Einer, der jetzt voll auf das E-Bike setzt, ist Gerhard Bauer, der im Mai ein E-Fahrrad-Center auf einer Fläche von 500 qm in Graz eröffnet hat. Er möchte das Konzept via Shop-in-Shop und Franchising multiplizieren. Ein solides Fundament soll die Kooperation mit dem deutschen E-Bike-Vertriebsexperten Emotion Technologies (Karlsfeld) bieten. Die Expansion soll im Frühjahr 2012 voll durchstarten.
Welche Trikot-Farben tragen die Sieger?
Der Distributeur Thalinger Lange (Wels), Komplettanbieter und Marktführer im Segment Radzubehör, hat kürzlich zwei neue Marken ins Portfolio aufgenommen: X-Bionic und Pearl Izumi. Der stellvertretende Geschäftsführer Günter Kosthron spricht von einem ungebrochenen Trend zu hochwertiger Radbekleidung. Gleichzeitig räumt er allerdings ein, dass der Fachhandel sein Potenzial in diesem Sektor in der Vergangenheit nicht genutzt habe – jetzt aber aufhole. Im gesamten Bike-Geschäft weist er dem Multisport-Handel einen Marktanteil von 55% zu. Die Anteile der weiteren Vertriebskanäle schlüsselt er folgend auf: 30% klassischer Fahrrad-Fachhandel, 10% grüne Wiese und 5% Internet.
Bei den Radspezialisten bleibt die Meinung zur Bekleidung geteilt. Die einen sagen „sehr wichtig”, die anderen „ein leidiges Thema”. Leidig, weil die meist hochpreisige Ware liegen bleibt, sobald die Großflächen den Rotstift ansetzen. Allgemein sind die aktuellen Bestseller klar der klassischen Ware in Weiß/Schwarz/Rot zuzuordnen. Trendfarben wie Türkis, Gelb, Blau, Grün und Gelb dienen der Auffrischung im
Laden. Dabei finden coole Styles zunehmend Anklang. So hat sich zum Beispiel der Streetwear-orientierte Stil von Maloja rasch durchgesetzt. Aber auch sportauthentischer Retro-Style von Herstellern wie zum Beispiel
Specialized trifft den Nerv der modeaffinen Biker. Charakteristisch sind Neonfarben und neuaufgelegte Trikots aus den 1980er Jahren. su
Der österreichische Bike-Markt ist 2010 nur qualitativ gewachsen. Die schrumpfende Zahl an verkauften Bikes konnte durch einen steigenden Durchschnittspreis aufgewogen werden. 2009 wurden noch 465.000 Bikes verkauft.
Letztes Jahr waren es nur noch 440.000 Einheiten.

Der Rückgang bei Trekking-Bikes wird von der Arge Fahrrad auf den Trend zum E-Bike zurückgeführt und auf das schlechte Wetter. Schlechtwetterbedingt seien auch die rückläufigen Zahlen in der Kategorie „Kinder und Jugend”. Im Sektor E-Bike geht die Arge Fahrrad von 10.000 verkauften E-Bikes in 2009 aus. 2010 hat sich der E-Bike Markt verdoppelt. Die mittelfristige Prognose: ein Marktvolumen von 60.000 Einheiten.
Wegen der hohen Preisunterschiede in den einzelnen Verkaufskanälen distanziert man sich bei der Arge Fahrrad von einer Errechnung des Durchschnitts-Preises. Günter Kosthron (Thalinger Lange, Wels) stuft die VK-Preise in den einzelnen Geschäften folgendermaßen ein: Grüne Wiese (170 EUR), Multisport-Ketten (650 EUR) und Fahrrad-Fachhandel (ab 1000 EUR).

Das E-Fahrrad-Center von E-Bike-Pionier Gerhard Bauer in Graz wurde mit Hilfe einer EU-Förderung umgesetzt: Neben Leihrädern werden auch Leasingmodelle und E-Bike-Flotten für Unternehmen und Hotels angeboten.

Unverzichtbar für die österreichischen Multisport-Ketten: im Winter der Ski, im Sommer das Fahrrad. Im Gegensatz zur alpinen Piste hat im Radsegment die Eigenmarken-Politik funktioniert: Die Intersport-Marke Genesis ist nach KTM die zweitgrößte Marke in Österreich. Intersport-Vorstand Gabriele Fenninger will mit ihrer Hausmarke ganz oben aufs Verkaufstreppchen.

Fusion mit dem größten Mitbewerber: Rösner & Schütz (Mountainbiker, Wien) und Bikepalast Salzburg wollen Synergie-Effekte aus Organisationsabläufen nutzen und das jeweilige Know-how teilen.

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