Manpower und Produkte sind das Zünglein an der Waage
23.11.2009
Werner Grau, Doppel-Boss von Uvex und Alpina, schreibt unserer Branche ganz einfach das ins Stammbuch, was im Grunde jedem klar sein sollte. sportFACHHANDEL notiert: Das Wichtigste für jedes Unternehmen sind Mitarbeiter. Diese sind die tragenden Säulen, „halten das Rad am Laufen“. Klartext sprach Grau auch im Kontext über die Discounter: Beim Trendprodukt Helme (Ski & Bike) laufen rund eine Million Einheiten am Fachhandel vorbei.
sportFACHHANDEL „Made in Germany“ und „Marke des Jahrhunderts“: Wie wichtig sind solche Prädikate? Welche Rolle spielen sie als Einkaufsgründe für die Konsumenten?
Werner Grau Ich glaube, in Deutschland spielt es eine große Rolle, weil die Deutschen spüren, dass es in Deutschland Unternehmen gibt, die in Deutschland produzieren. Die zum Standort halten, nicht flüchten und nicht das ganze Wissen in andere Länder forttragen. Ich glaube auch, in anderen Ländern Europas haben die meisten Menschen das Gefühl, dass Deutsche ihre Produkte mit Hingabe entwickeln und qualitativ hochwertig auf den Markt bringen. Für Konsumenten ist das für ihre Kaufentscheidung wichtig, sogar weltweit.

Werner Grau
Uvex gibt es seit über 80 Jahren. Die Produktion in Lederdorn seit 40 Jahren, genau so den Österreich-Vertrieb. Der Schweiz-Vertrieb feierte seinen 40. Geburtstag letztes Jahr, Alpina wird im kommenden Januar 30 Jahre. Wie essentiell sind Unternehmens- und Markenpflege? Das Allerwichtigste, um solche Jubiläen feiern zu können, sind die Menschen, die man im Unternehmen hat. Ich glaube, wenn Unternehmer und die verantwortlichen Manager eines Familienunternehmens, wie wir es sind, ordentlich mit den Leuten umgehen, die Beziehung zu den Mitarbeitern pflegen und sie aufrechterhalten, dann kann man auch hohe Geburtstage feiern. Weil die Leute das Business mitbetreiben und aus meiner Sicht das Wichtigste für jedes Unternehmen sind. Darum sollte man Mitarbeiter, wenn es irgendwie geht, lang an sich binden. Mitarbeiter sind Markenpflege, verstehen die Marke und tragen die Marke nach außen. Eine Marke kann nicht da stehen bleiben, wo sie vor 80 Jahren begonnen hat. Marken ändern sich im Fünf-Jahres-Rhythmus. Aber das wichtigste sind Menschen, Marketing, gute Produkte und natürlich auch die Beziehung zum Handel, der die Ware verkauft. Die Menschen halten das Rad am Laufen.
Sprechen wir über Produkte: Uvex ist jetzt quasi Synonym für Skibrillen. Die zeigen jedoch nur einen kleinen Aspekt des Konzerns. Uvex produziert zu 100% seiner Skibrillen im deutschen Lederdorn. Dort ist früher Rainer Winter mit dem Bürgermeister hingegangen, das war ja Zonen-Randgebiet, und hat dort eine kleine Produktion aufgebaut, die heute 160 Leute beschäftigt. Gleich hinter der Grenze in Tschechien haben wir noch einen Fertigungsbetrieb mit noch einmal 200 Leuten. Wir haben somit 360 Mitarbeiter, die Hand in Hand arbeiten und rund 1,8 Millionen Skibrillen produzieren. Wir produzieren gut 500.000 injected molded Helme, ungefähr eine Million Arbeitsschutzbrillen/Vollsichtbrillen und rund 500.000 Zukaufteile, also Halbteile für Brillen. Wir fertigen zudem 150.000 Sonnenbrillen – und das ist alles Made in Germany.
Außerdem produzieren wir in unserer Radhelm-Fertigung, die in der Nähe von Passau in Obernzell sitzt, knapp eine Million zusätzliche Rad-/Skihelme und können das steigern bis auf 1,2 Millionen. Den Rest müssen wir zukaufen. Wir könnten unsere Produktion zwar auf 110% hochfahren, aber das wollen wir nicht. Wir haben ja schon in der Ski-Industrie gesehen, dass Überkapazitäten der Tod eines jeden Unternehmens sind. Wir haben manchmal schlechte Winter. Wir müssen pendeln und atmen können: Deshalb lassen wir einen gewissen Teil dann fremd produzieren. Einen Teil auch in China.
Das gestiegene Sicherheitsbewusstsein, auch Dank Katalysator Ex-Thüringen-Ministerpräsident Dieter Althaus, ruft verstärkt Discounter auf den Plan. In Deutschland und Österreich werden Skihelme von Aldi/Hofer & Co für 25 bis 30 EUR verhökert. Welche Mengen nehmen Brachenfremde dem Fachhandel ab? Ich glaube, dass in Deutschland über den Fachhandel mindestens eine Million Skihelme verkauft werden. Und ich glaube, dass über andere Kanäle, die wir selbstverständlich konsequent nicht beliefern, noch einmal 400.000 Helme verkauft werden. Sicherlich kommen noch 600.000 Radhelme dazu, die am Handel vorbei gehen. Für Discounter ist das übrigens auch ein Risikogeschäft: Speziell Skihelme, da sie nur dort drei Monate Absatz finden. Wenn sie in der Menge daneben hauen, bleibt die Ware auf Lager liegen. Dann wird halt aus einem 29-Euro-Helm im nächsten Jahr ein 19-Euro-Helm.
Szenewechsel: Wie rund läuft das Motorrad-Helm-Geschäft? Wie sattelfest sind Reithelme, das jüngste Kind von Uvex? Die Motorradhelme spielen für das Unternehmen eine ganz, ganz wichtige Rolle. Wir sind seit über 35 Jahren in diesem Geschäft. Im Augenblick haben wir mit Motorradhelmen eine etwas schwierige Zeit, weil die Zulieferer aus Italien alle Konkurs gegangen sind. Wir haben einen Teil der Helme in unsere eigene Fertigung nehmen müssen, wie z.B. den „Boss 525“, der Made in Germany produziert wird. Den Rest haben wir nach China verlagert. Allerdings braucht dies Zeit für das Qualitätsmanagement vor Ort. Die Visiere kommen alle aus unserer eigenen Fertigung. Wir schätzen, dass wir die Nr. 1 in Deutschland sind. Wir sind auf dem Weg der Erholung, wir haben den Bereich fast saniert. In Österreich und der Schweiz sind wir auf einem guten Weg. Im Rest Europas müssen wir jetzt echt performen und die Marke dort wieder auf Vordermann bringen mit neuen Distributoren und neuen Partnern. Dann ist der Motorradbereich wieder gut aufgestellt.
Vor allem der Reitsport ist ein tolles Thema: Wir haben im Februar eine kleine Kollektion erstmals auf den Markt gebracht, zwei Produkte, beide aus Deutschland. Ein Produktbereich kommt aus Passau und ist in der Inmolding-Technologie gefertigt. Der zweite kommt aus Lederdorn und ist ein Injected Helm. Wenn man aus dem Stand raus in Deutschland seit Februar eine Million Euro Umsatz mit einer Mini-Organisation macht, dann ist das sensationell. Wir sehen jetzt auch, dass wir auch international Wachstums-Chancen haben und der Reitsportbereich
wird der vierte wichtige Bereich bei Uvex.
Schutzausrüstung wird generell unter dem Stichwort Protektoren immer wichtiger. Uvex hat sich in Sachen Motorrad-Bekleidung einen guten Namen gemacht. Doch der Bereich wurde wieder abgespeckt. Könnte sich das in Zukunft ändern? Im Protektoren-Bereich auf jeden Fall. Aber wir bleiben bei unserem Statement, dass uns Kernkompetenz wichtig ist. Helm und Brille. Wir machen den Skihelm, die Skibrille, die Sportbrille zum Skifahren, den Radhelm, die Radbrille, den Motorradhelm - Vollvisier, Jet, alle Varianten inklusive Klapphelm, den Reithelm und wir machen Helme für den Automobilsport. Im Uvex-Bereich bleiben wir immer beim Kernpunkt Car-Racing und Arbeitsschutz: Automobilhelm, Rennfahrerbekleidung, Unterwäsche, Schuhe bis hin zum feuerfesten Overall. Das ist Vollsortiment und gehört zum Arbeitsschutz.
Unter der Marke Uvex gibt es keine Textilien mit eingearbeiteten Protektoren? Nicht mehr. Das Motorrad-Bekleidungs-Thema haben wir aufgehört, weil es nicht ertragsbringend war.
Opinion Leader, sagt die Messe München, sollen am letzten Ispo-Tag offiziell zugelassen werden? Was ist Ihre Meinung? Im Radbereich, wo Messen auch von Konsumenten besucht werden, ist es eine gute Idee. Opinion Leader können auch auf der Ispo dazu beitragen, z.B. das Skithema zu forcieren. Wir brauchen mehr Publikum beim Skifahren, mehr Motivation und mehr Menschen, die Skifahren wollen. Jetzt kann man vielleicht die Tür ein bisschen auf machen, und zeigen welche Kraft die Ski-Industrie weltweit hat, was für ein toller Sport es ist. Ich sage, wir müssen alles daran setzen, dass wir die Zahl der Skifahrer in den nächsten fünf Jahren um 50% erhöhen. Das ist das Statement. Auch die Messe und der Messebeirat sind dieses Thema angegangen.
Der Schritt war also in die richtige Richtung? Aus meiner Sicht: Ja.
Vielen Dank für das Interview.
Mit Werner Grau sprach Reinhard Schymura.



