Langlebig, transparent und damit glaubwürdig
06.08.2010
Feldkirchen-Westerham. W.L. Gore, der Hersteller von Gore-Tex, Windstopper und anderen funktionellen Materialien, lässt sich nicht immer in die Karten schauen und redet auch nicht im Überfluss über die letzten Neuerungen, die sich innerhalb der Firma abspielen.
Nun ist Gore dem Bluesign-Standard für ökologische und soziale Nachhaltigkeit beigetreten und verrät uns, welche Strategie diesem Schritt zugrunde liegt. Im Interview berichtet Matt Schreiner, Running- und Umweltexperte des Lieferanten, über Gores Umweltkonzept und darüber, was die Amerikaner für Fachhändler und Endkunden in nächster Zeit sonst noch auf Lager haben.

Matt Schreiner
sportFACHHANDEL: Gore-Tex hat sich unlängst dem Bluesign-Standard für Umweltverträglichkeit und soziale Arbeitsbedingungen unterworfen. Welche Ziele verbindet Gore damit? Matt Schreiner: Wir produzieren in allen unseren Produktionsstätten seit langem nach hohen Umweltstandards. Bluesign bietet uns die Möglichkeit, diese Standards für unsere Kunden transparent zu machen und dabei gleichzeitig die Betriebsgeheimnisse über unsere Produktionsprozesse zu bewahren. Außerdem wird uns Bluesign helfen, auch bei unseren Textil-Lieferanten Verbesserungen herbei zu führen.
Wie passt Bluesign in die Umweltstrategie von Gore? Die Umweltstrategie für unseren Textilbereich beruht auf drei Grundpfeilern. Erstens legen wir größten Wert auf die dauerhafte Funktionalität unserer Textilien und die damit einhergehende Langlebigkeit von Gore-Tex-Jacken, Handschuhen oder Schuhen. Zweitens arbeiten wir nach wissenschaftlichen Kriterien, d.h. in diesem Fall, dass wir nur Entscheidungen treffen und Dinge tun, die die Gesamt-Umweltbelastung eines Produktes wirklich reduziert. Und drittens arbeiten wir mit Ökobilanzen, denn dies ist die einzig anerkannte Methode, um umfassend die Umweltauswirkung eines Endproduktes von der Wiege bis zur Bahre nachvollziehen zu können. Bluesign und Gore geben der Performance und Qualität von Produkten Vorrang. Der Bluesign-Grundsatz, die Umweltbelastung zu minimieren, indem „best available technology“ eingesetzt wird, passt daher gut zu Gore.
Tut sich Gore als Unternehmen, das vorrangig chemisch erzeugte Produkte vermarktet, schwer mit diesen Umwelt-Themen in der Öffentlichkeit? Für die Glaubwürdigkeit unserer gesamten Marktkommunikation und unser Selbstverständnis als Unternehmen ist es wichtig, dass wir getroffene Aussagen belegen können. Das gilt übrigens für Umweltthemen genauso wie für die Eigenschaften und den Nutzen unserer Produkte. Im Umweltbereich arbeiten wir ebenfalls seit jeher nach diesen Grundsätzen. Ein paar Beispiele: Wir waren eines der ersten Unternehmen in der Textil verarbeitenden Industrie, das bereits 1986 auf lösemittelfreie Kleber umgestiegen ist. 1993 haben wir mit dem „Balance Project“ das erste Rücknahme- und Recyclingsystem für Funktionsbekleidung eingeführt. Bereits 1996 waren unsere Membranen Öko-Tex zertifiziert. Heute erfüllen alle Gore-Tex- und Windstopper-Membranen und -Laminate für den Freizeitbereich die Kriterien des Öko-Tex Standard 100.
Warum wurde Ihr Bluesign-Engagement eher beiläufig bekannt? Zeitweise sind Ihre Mitbewerber sehr laut mit ihrer Umweltbotschaft aufgetreten … … weil wir hier nach unserem Selbstverständnis zwar einen ersten wichtigen Schritt gemacht haben, dem aber noch weitere wichtige folgen müssen: Wir haben jetzt demonstriert, dass alle Herstellungsprozesse und die Komponenten für unsere funktionellen Stoffe – etwa Kleber, Membranen und Ausrüstungen – dem Bluesign Standard entsprechen. Allerdings müssen wir nun zusammen mit unseren Textillieferanten dafür sorgen, dass auch die Textilien, die wir zukaufen, die Kriterien von Bluesign erfüllen.
Sind in Bezug auf Bluesign maßgebliche Unterschiede zwischen Bekleidung und Schuhen zu erwarten? Für unsere Produkte nicht, da wir die Komponenten sowohl für Schuh-Laminate als auch für Handschuh-Inserts und für Bekleidungslaminate erfolgreich durch Bluesign haben prüfen lassen.
Sie haben kürzlich ein anpassungsfähiges Gore-Tex-Laminat für Schuhe auf den Markt gebracht. Was verbirgt sich dahinter? Grundsätzlich bieten wir ja sehr viele verschiedene Gore-Tex-Laminate für unterschiedlichste Einsatzgebiete an. Waren diese zu Beginn der Outdoor-Ära vor allem auf Wandern und Bergsteigen ausgelegt, so decken wir heute von warmen, isolierten Varianten für Winterstiefel oder Expeditionen bis hin zu Lauf- oder Freizeitschuhen für Alltag und Reise im Frühjahr und Sommer alles ab.
Bei diesem speziellen, anschmiegsamen Laminat handelt es sich um ein elastisches Produkt mit hervorragender Rückstellkraft, mit dem wir vor allem die Nachfrage unserer Partner im Laufsportbereich bedienen können. Da in diesen Schuhen meistens elastische Obermaterialien eingesetzt werden, muss das Futter quasi dieselben Bewegungen mitmachen, damit sich der Läufer bzw. seine Füße uneingeschränkt bewegen können. Unsere Partner können das neue Laminat an bestimmten Stellen im Schuh einbauen, wo eine solche Bewegungsfreiheit gewünscht wird, zum Beispiel am Rist.
Für dieses Produkt haben wir neben einer speziellen Laminations-Technologie auch eine elastische Membrane entwickelt sowie elastische und dabei extrem scheuerfeste Textilien.
Damit geht Gore ja über den „klassischen“ Bereich, Wasserdichtigkeit und Atmungsaktivität hinaus und kümmert sich verstärkt um Passform … … das hat damit zu tun, dass wir unsere Rolle ja nicht als reiner Materiallieferant sehen, sondern ganz eng mit unseren Partnern an den finalen Schuhen und Bekleidungsteilen arbeiten. So testen wir jeden neuen Prototyp bei uns im Labor auf Herz und Nieren, unterstützten jeden einzelnen Partner und jede
Fertigungsstätte mit technischen Beratern oder arbeiten permanent mit den Schuh-Ingenieuren der Partner an neuen Lösungen.
Was die Passform angeht, haben wir diese in der Vergangenheit stets weiterentwickelt und die Laminate immer passgenauer gemacht, damit sie keine Falten werfen. Neben dem anschmiegsamen Laminat haben wir z.B. ganz aktuell das Konzept einer „floating tongue“ patentiert, also ein Art frei hängende Zunge im Schuh. Dabei kann sich die Zunge unabhängig vom Obermaterial passgenau an den Fuß anlegen. Auch hier geht es also um Komfort und Passgenauigkeit, speziell bei bewegungsintensiven Sportarten wie Laufen oder Trailrunning. Falten oder Druckstellen wie sie bei herkömmlichen Wasserlaschen teilweise möglich sind, können wir so vermeiden, ohne Abstriche bei der Wasserdichtigkeit machen zu müssen. >>>
Wer bietet Schuhe mit diesen Technologien an? Die ersten Partner sind unter anderen La Sportiva, Asolo und Vasque, weitere werden folgen.
Welche Innovationen sind sonst bei Gore in der Planung? Wir arbeiten permanent an neuen Lösungen für klimakomfortable Schuhe. Im Casual- und Kinderbereich haben wir gerade erst kürzlich mit der Surround-Produkttechnologie eine ganzheitliche Lösung für 360° Klimakomfort für Frühjahr und Sommer auf den Markt gebracht. Dabei sorgen große offene Flächen auf der Sohle für den nötigen Wärme- und Feuchtigkeitsabtransport. Im Outdoor-Bereich arbeiten wir neben den elas-tischen Produkten unter anderem an neuartigen Lösungen für warme Schuhe. Mehr wollen wir aber nicht verraten, denn gemäß unserem Selbstverständnis – ähnlich wie bei der Umweltthematik – werden wir erst dann über neue Produkte umfassend kommunizieren, wenn sie „fit for use“ sind, d.h. für den jeweiligen Einsatz-zweck getrimmt, um so dem Konsumenten einen echten Zusatznutzen zu bieten. Dazu bedarf es umfangreicher, wissenschaftlicher Labor- und Feldtests.
Das Interview mit Matt Schreiner führte Markus Huber.
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