Grün, fair, kompetent
10.09.2010
Spreitenbach. Die Nachhaltigkeitsdebatte ist in vollem Gange, hat aber bislang nur die Branche mit sich selbst beschäftigt.
Die Schweizer Sektion des Händlerverbunds Fair Play will nun mit einer Marketingkampagne am Point of Sale die Endkunden für Themen wie soziale Gerechtigkeit und umweltverträgliche Produktion sensibilisieren. Bei der Aktion „Green & Fair" nimmt sich Geschäftsführer Mathias Schenk den Lebensmittelhandel zum Vorbild, wo Bioprodukte bereits ihren festen Platz im Sortiment haben.
Mathias Schenk
sportFACHHANDEL: Herr Schenk, warum wollen Sie Ihren Händlern ein Konzept für öko-freundliche und sozial verträgliche Produkte anbieten, wenn die Lieferanten erst noch damit beschäftigt sind, entsprechende Produkte zu entwickeln?Mathias Schenk: Ja, da haben Sie sicherlich recht. Viele Lieferanten haben sich zertifizieren lassen, aber haben noch keine entsprechend breite Produktpalette fertig. Aus diesem Grund beginnen wir zum Start nur mit einer sehr kleinen Zahl von Lieferanten. Das sind Mammut, Vaude, Keen und Löffler.
Warum haben Sie sich ausgerechnet für diese Marken entschieden? Es liegt nahe, Marken aus dem Outdoor-Bereich zu nehmen, da dieser Sektor in seiner Entwicklung deutlich größere Fortschritte gemacht hat als andere Segmente wie zum Beispiel Teamsport. Die genannten Lieferanten sind schon sehr weit in ihrem Engagement für grüne und faire Ware, und das wollen wir unterstützen.
Sind Ihre angeschlossenen Händler ausreichend vorbereitet, solche Produkte verkaufen zu können?
Im ersten Schritt geht es darum, die Händler für die Thematik zu sensibilisieren. Sicherlich gibt es auch eine Reihe von Händlern, die sich für dieses Konzept nicht eignen, sei es weil sie nicht die entsprechende Glaubwürdigkeit vermitteln können, sei es weil sie nicht das richtige Sortiment haben. Bei einem Teamsporthändler wird es momentan schwierig sein, entsprechende Produkte anzubieten. Hier sind die Marken noch nicht so weit. Die großen Anbieter wie Adidas oder Nike unternehmen auch enorme Anstrengungen auf dem Gebiet ökologischen und sozialen Engagements, aber aufgrund der Komplexität ihrer Wertschöpfungskette sind sie in der Entwicklung noch hinter den Outdoor-Anbietern hinterher.
Wie viele Händler nehmen an dem Green & Fair-Projekt teil? Wir haben rund 70 Händler. Davon werden voraussichtlich zu Beginn
25 bis 30 Händler teilnehmen.
Das ist ja eine ganze Menge. Wie bereiten Sie denn die teilnehmenden Mitglieder auf diese Initiative vor?
Wir planen Schulungen, um die Mitglieder für die Thematik zu sensibilisieren. Aber eines muss deutlich gesagt werden: Die Frage, ob ein Händler ein Nachhaltigkeits-Experte sein muss, um an dem Programm teilnehmen zu können, muss ganz klar mit nein beantwortet werden. Uns geht es
darum, dass der Endkonsument durch das Sportgeschäft die Möglichkeit bekommt, sich selbst zu informieren. Das zentrale Instrument ist dabei das Display, in dem Broschüren ausgelegt werden, die über das Thema Nachhaltigkeit informieren. Wichtig ist die Kommunikation von Internetadressen, damit der interessierte Kunde weiter recherchieren kann.
Um welche Internetadressen handelt es sich dabei?
Im Idealfall gäbe es für Nachhaltigkeit einen übergreifenden Standard – gewissermaßen ein Prüfsiegel, das dem Konsumenten bekannt ist und auf das er vertrauen kann. Einen solchen Standard haben wir aber noch nicht. Wenn wir Nachhaltigkeit als eine Kombination von ökologisch und sozialverträglich hergestellten Produkten definieren, stehen wir vor einem Problem: Zunächst haben Ökologie und soziale Gerechtigkeit nichts miteinander zu tun. Für beide Komponenten gibt es bereits sehr seriöse Standards. Dazu gehören zum Beispiel Bluesign und die Fair Wear Foundation. Das sind nicht die einzigen Standards, sie gehören aber zu den prominentesten, die seriös arbeiten.
Darf man vom Endkunden erwarten, dass ihm Begriffe wie Bluesign oder Fair Wear etwas sagen?
Leider nein. Aber irgendwo müssen wir ja mal einen Anfang machen, und da arbeiten wir mit dem verlässlichen Material, das wir zur Verfügung haben. Das grundsätzliche Interesse ist ja bei der Kundschaft vorhanden. Es gibt Kunden, die per se schlecht finden, was aus China kommt. Das ist natürlich Unsinn, zeigt aber, dass das Interesse an den Themen da ist.
Wollen Sie mit Green & Fair eher den Bestandskunden einen Service bieten oder den Händlern neue Zielgruppen erschließen?
Teils teils. Im Wesentlichen geht es zunächst darum, unsere bestehende Kundschaft für das Thema Nachhaltigkeit zu sensibilisieren. Das ist nicht nur ein geschäftlicher, sondern auch ein moralischer Standpunkt. Aber auch von der geschäftlichen Warte aus darf man das nicht unterschätzen. Wir nehmen uns da den Lebensmittelhandel zum Vorbild: Beispielsweise arbeitet Coop stark mit Bio-Labels, die vielleicht schon fast 5% ihres Umsatzes ausmachen. Das sollte man nicht vernachlässigen.
Welches Potenzial sehen Sie denn für faire, grüne Ware im Sporthandel?
Das Potenzial könnte bei 50 bis 70% liegen. Wir werden das entsprechend forcieren, um uns damit vom Wettbewerb abzuheben. In den ersten zwei bis drei Jahren sind wir aber froh, wenn wir einen Anteil von 10% geschafft haben.
Wie sollen Händler – insbesondere solche mit kleinen Flächen – das Thema darstellen?
Idealerweise räumt der Händler der Nachhaltigkeit eine eigene Fläche ein. So könnte er die entsprechende Ware um das Informations-Display gruppieren. Dass Platz immer ein Problem ist, wissen wir. Aus diesem Grund haben wir ein Markierungssystem entwickelt, damit die nachhaltigen Produkte im übrigen Sortiment leicht vom Kunden identifiziert werden können.
Wie sieht der Fahrplan für Ihr Konzept aus?
Wir beginnen mit den vier Marken im Winter 2011/12 und wollen das Ganze für den Sommer 2012 weiter ausbauen. Uns liegen bereits Anfragen von weiteren Lieferanten vor, die wir prüfen. Hier sind momentan noch die wichtigsten Hausaufgaben von der Industrie zu erledigen. Wir wünschen uns, dass die Hersteller eine überschaubare, transparente Produktpalette anbieten, die für uns nachvollziehbar ist. Da gibt es auf der Seite der Lieferanten noch jede Menge zu tun.
Das Interview führte Markus Huber.
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