Erlebnistraining bringt die Branche stärker in Bewegung
08.10.2010
München. Das Wachstum im Discount-Bereich geht zu Ende.
„Der Preis allein ist kein Garant für Erfolg", unterstreicht Hans Muench. Der Europa-Direktor des Weltverbandes der Fitness- und Sportstudio-Branche glaubt, dass viele der rund 600 Billigstudios in Deutschland „nicht langfristig überleben" werden. Neue Formen beim Erlebnistraining wie zum Beispiel Suspension und funktionelles Training sind angesagt. Sie gesellen sich zu Aerobic, Indoor-Cycling, Body Pump oder Body Attack, Jukari, Yoga sowie Pilates und schaffen neue Kaufanreize, vor allem bei Zubehör und Kleinteilen. Schlummernde Geschäfte also für Studios, Trainer und Sporthändler.

Hans Münch
sportFACHHANDEL: Im Frühjahr meldete der Deutsche Sportstudio Verband (DSSV) in Hamburg Rekordzahlen: Rund 7 Millionen Fitness-Fans tummeln sich in knapp 6000 Studios. Vor allem im Billigbereich gab es starke Zuwächse. Wie entwickelt sich der Markt?
Hans Muench: Nach den ersten neun Monaten dieses Jahres zeichnet sich generell eine Stabilisierung ab. Es werden nicht so viele Clubs neu aufgemacht und umgekehrt machen auch nicht viele Studios zu. Es stimmt, dass es zuletzt starkes Wachstum im Discount-Bereich gab. Aber auch auf der Billigschiene zeigt sich eine Konsolidierung.
Warum? Ist die Wirtschafts- und Finanzkrise schon Schnee von gestern? Die Zeiten von „Geiz ist geil" und Aldi sind vorbei. Genauer gesagt, ist der Zenit erreicht. Ein Beispiel: England zählt insgesamt eine vergleichbare Anzahl von Clubs aber dort gibt es nur rund 30 Fitnessanlagen im Discount-Sektor. In Deutschland existieren rund 600 Billigstudios, also 20 Mal mehr.
Eigentlich können viele davon nicht langfristig überleben.
Inwiefern geht die Rechnung für Sie nicht auf? Allein durch die tiefen Preise – bis zu zwei Drittel günstiger als normale Clubs – kommen nicht entsprechend mehr Mitglieder, um die gravierenden Unterschiede zu kompensieren. Der Preis allein ist kein Garant für Erfolg. In England sorgen die hohen Mieten dafür, dass sich Billig-Clubs nicht durchsetzen, da sie dadurch unrentabel arbeiten.
Manche Mittelpreis-Studios haben in der letzten Zeit auch versucht, mit eigenen Ablegern auf der billigen Welle mit zu schwimmen. Müssen sie jetzt wieder umdenken? Einige von ihnen steigen zum Beispiel auf wöchentliche Preise um und locken wie auf einer Menu-Karte mit weiteren Angeboten, um damit höhere Durchschnittspreise zu bekommen. Diese umfassen extra Kurse, Sauna- und Solarium-Benutzung, Flat-Rate-Getränke aber auch verschiedene Trainingsarten, die nicht im Grundbetrag enthalten sind.
Kamen die Studios in der Mittelpreislage in der Krise stärker unter Druck? Ein Finanzberater, der Mitglied in einem Budget-Club ist, sagte mir kürzlich, dass er keine Kurse und Instruktoren brauche. Ihm würden die Geräte genügen. Low-Budget-Clubs sind also nicht nur ein Tummelplatz für Kunden mit schmalen Geldbeuteln. Einige Mittelpreis-Clubs wollen sich mit neuen Trainingsanreizen von den Billigen absetzen und attraktiver positionieren. Ähnlich wie dies die Premium-Clubs vormachen.
Hat die Krise die Premium-Anlagen getroffen?Kaum. Die meisten haben sogar von der Krise profitiert und expandieren, wie zum Beispiel Body + Soul. Michael Pribil, Hauptgesellschafter und Geschäftsführer der Kette, übernahm zuletzt drei Studios von Elixia und zählt nun sieben Fitness-tempel im Raum München. Deren Slogan – celebrate yourself – ist Programm. Dort dominieren Wohlfühl-Effekte mit Schwimmbad, Sauna und Solarium neben den traditionellen Kraft- und Cardio-Angeboten. Außerdem werden immer neue Trainingstrends aufgegriffen und in Szene gesetzt.
Welche sind das? Nach Jukari – Fit to Fly – von Reebok im letzten Jahr ist jetzt Suspension-Training angesagt. Der neueste Trend in Sachen Erlebnistraining mit der Schwerkraft stammt von Fitness Anywhere aus San Francisco und wird weltweit unter der Marke TRX vermarktet. 50 Mio. USD wurden mit den gelben Trainings-Schlaufen vergangenes Jahr umgesetzt. Allgemein immer beliebter wird zudem funktionelles Training mit Medizinbällen, Kettelbells, Powerbags, Kleinhanteln und anderem Zubehör.
Was läuft sonst noch gut im Studio-Geschäft? Personal-Training heißt das Schlagwort. Wie beim Tennis oder Golf wollen viele Kunden ihre Performance gezielt verbessern. Im Club lässt sich diese auch in kleinen Gruppen kostengünstiger umsetzen. In Deutschland gibt es etwa 2500 individuelle Fitness-Trainer. Ihre Zahl wird sich bei uns in der nächsten Zeit wohl vervierfachen. Zum Vergleich: In den USA sind es bereits 170.000 und in England werden allein dieses Jahr 2500 neue Personal-Trainer ausgebildet. Ein schlummerndes, großes Geschäft für Studios und Trainer, wenn man bedenkt, dass eine Stunde zwischen 40 und 100 EUR zusätzlich einbringt.
Was tut sich beim Flächen-Management?Mikro-Studios, die sich zum Beispiel auf Yoga und Pilates konzentrieren oder auf kleinen Flächen auf Zirkeltraining spezialisieren, sind nicht nur in den USA die Renner. Auch in Deutschland konnte zum Beispiel die Kette Mrs. Sporty in den letzten zwei Jahren die Anlagenzahl von 115 auf über 200 fast verdoppeln.
Viele Kommunen in Deutschland sind klamm und setzen bei Schwimmbädern oder Zuschüssen für die Vereine den Rotstift an. Was hat das für Konsequenzen? In England sind die Hälfte der Fitness-Clubs nicht in kommerziellen Händen, sondern kommunale Anlagen. In Deutschland liegen die zwar nur unter 5%. Trotzdem: Dies bedeutet Potenzial für sogenannte Public-Pri-vate-Partnerships und bietet Spielraum für die genannten Mikro-Studios, die natürlich auch Sporthändler mit dem nötigen Know-how betreiben können.
Wie kann der Sporthandel von den Trends noch profitieren? Neue Trainingsmethoden bedeuten immer auch neue Kaufanreize für neue Trainingsartikel; vor allem bei Zubehör und Kleinteilen. Generalvertreiber von TRX ist zum Beispiel Transatlanic Fitness in München, der viele der angesagten gelben Trainings-Schlaufen über den Handel aber auch über die Trainer zu den Kunden in die privaten vier Wände bringt. Perform Better spezialisiert sich im Internet-Handel auf solche Geräte. Nahrungsergänzungs-Mittel sind auch dabei.
Mit Mans Muench sprach
Reinhard Schymura
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