„In den Köpfen geht Sicherheit immer mehr vor“
26.08.2011
PAUL STRATTA, DER NEUE EUROPA-CHEF VON GIRO, BELL, EASTON UND BLACKBURN

Uccle/Brüssel. Rad- und Sporthändler sollten sich keine Sorgen um ihre Umsätze mit Fahrrad-Accessoires machen: Der Sicherheitsgedanke scheint der Schlüssel zu lohnenden Zusatzgeschäften zum eigentlichen Kernprodukt – dem Zweirad – zu sein. sportFACHHANDEL sprach mit Paul Stratta, dem neuen Europa-Chef der Action Sports Division von Easton-Bell. Als Verantwortlicher für eher sportlicher Marken macht er sich
wenig Kopfzerbrechen, dass momentan weniger sportliche Themen wie Elektro-Bikes den Ton angeben. Je mehr Menschen Fahrräder für ihren täglichen Gebrauch entdecken, desto schneller wächst die Gemeinschaft der Radbegeisterten, so Strattas These.
sportFACHHANDEL: Herr Stratta, auf der Eurobike wird viel über E-Bikes und Pedelecs geredet werden. Sind das nicht schlechte Nachrichten für sportliche Marken wie Giro?
Paul Stratta: Nein, ganz im Gegenteil. Jedes Mal, wenn Menschen erstmalig aufs Rad steigen oder es für sich wiederentdecken, wächst die Gemeinschaft der Radfahrer. Dabei geht in den Köpfen der Menschen Sicherheit immer mehr vor. Und Regierungen und Verbände ermutigen die Leute zunehmend,
Helme zu tragen, wobei es keine Rolle spielt, ob sie aktiv in die Pedale treten wie bei herkömmlichen Rädern oder anderweitig mobil sind wie etwa mit
E-Bikes. Aktives Radfahren ist keine Voraussetzung für das Tragen eines Helms, denn Stürze können bei jeder Geschwindigkeit passieren. Ein geeigneter Helm wird in jedem Fall den Schaden bei einem Sturz begrenzen. Je komfortabler, modischer, authentischer, leichter und funktioneller (z.B. durch Ausstattung mit Lampen und Spiegeln) die Helme werden, desto größer wird die Chance, dass die Helme auch wirklich getragen werden und dass damit die Sicherheit insgesamt zunimmt.
Giro ist mit einer tollen Kollektion von Schuhen für Straßenfahrer und Mountainbiker eingestiegen. Dabei ist klar, dass die Nutzer von E-Bikes und Pedelecs diese nicht gebrauchen werden. Aber Giro steht buchstäblich niemals still: In Kürze wird der Markt erleben, welche Ideen wir für die Fahrer von
E-Bikes und Pedelecs haben werden. Giro hat zudem eine großartige Linie von weiteren Accessoires wie Handschuhen, Socken, Mützen usw., die wir ständig weiterentwickeln.
Man kann sich leicht vorstellen, dass Giro mit Produkten überzeugen wird, die auf die Nutzer von Elektro-Räder abgestimmt sein werden. Dabei darf die Diskussion nicht auf die Marke Giro alleine beschränkt bleiben. Blackburn ist unsere innovative Marke für technische Qualitäts-Accessoires wie
Lampen, Luftpumpen, Radcomputer, Schlösser und Taschen, die allesamt relevant sind für den E-Bike- und Pedelec-Markt. Wir sehen einer strahlenden Zukunft entgegen – nicht nur wegen der Blackburn-Lampen wohlgemerkt.
Sie sind erst seit wenigen Monaten an der Spitze von Easton-Bell in Europa. Wie sehen Ihre Hausaufgaben bezüglich Giro aus? Die oberste Priorität für die kommenden Monate und Jahre liegt darin, das Tempo für alle Action-Marken von Easton-Bell (Bell, Giro, Blackburn, Easton) nachhaltig zu erhöhen. Dabei setzen wir auf unsere langjährigen und engagierten Distributoren und Partner in Europa und der gesamten EMEA-Region (Europa, Naher Osten, Afrika). Giro und Bell haben bereits begonnen, sich neu zu positionieren und den Unterschied zwischen beiden Marken klarer herauszustellen und sich hinsichtlich der DNA der Marken gegenüber unseren höchst
unterschiedlichen Kunden zu profilieren.
Auf der Vertriebsseite intensivieren wir den Dialog und die Partnerschaft mit unseren Distributoren, um uns noch stärker an die Märkte und die Konsumenten anzunähern, die wir mit einem frischen, innovativen Dialog und neuen Produkt-Innovationen ansprechen wollen.
Unsere Organisation werden wir dahin gehend verändern, dass wir ein neues europäisches Hauptquartier mit Showroom im Alpenraum einrichten werden. Dazu werden wir auch Bereichs- und Marketingleiter einstellen, um stärker mit unseren Partnern zusammenarbeiten und schneller auf die verschiedenen Märkte reagieren zu können. Davon werden Easton und Blackburn als Komponenten- und Accessoires-Marken profitieren. Bezüglich Giro sind wir ja in neue Produktgruppen wie Softgoods und Schuhe eingestiegen und wollen noch mehr leisten, um das Gebiet des „Urban Cycling” voranzutreiben. Giro ist immer auf dem Sprung, seine Grenzen anzutesten und auszudehnen. Ich denke, wir haben bisher nur die Oberfläche von dem berührt, was für uns und den Markt möglich ist. Wir wollen, dass der Kuchen größer wird und uns das gebührende Stück davon gehört.
Sehen Sie Giro eher als eine Rad- oder eine Wintersport-Marke? Wie verteilt sich Ihr Geschäft und in welche Richtung möchten Sie es lenken? Diese Frage wird uns oft gestellt, und wir haben keine Probleme damit. Die Philosophie von Giro und dessen Kunden, immer aktiv zu sein, passt für unsere Zielgruppe immer – egal ob sie die Natur gerade auf zwei Rädern oder im Schnee genießt. Giro bedeutet, in zwei Welten zu leben – Fahrrad und Ski/Snow-board. Auf den Sportsgeist, der bei beiden dahintersteckt, kommt es an. Und das ist es, was wir auch vorleben: Wenn wir gerade nicht auf Tour sind, planen wir schon die nächste – und das auf die sicherste, modischste und authentischste Weise.
Im Radbereich geht es um viel mehr als um den Helm, sondern um Handschuhe, Schuhe und alles was den Sportler mit der „Maschine“, mit dem Rad, verbindet. Daher versteht sich Giro als Anbieter von „Schnittstellen-Produkten“, um den Fahrer und das Rad optimal zu verbinden. Im Wintersport ist Giro der weltweite Marktführer bei Helmen, die ein perfektes Design in Verbindung mit unseren Brillen abgeben.
Das Verhältnis zwischen unseren beiden Themen hängt davon ab, von welchem Kontinent wir sprechen. Während unser Wintersport-Segment dort glänzend ist, wo es nun einmal Schnee gibt, ist der Radsport-Bereich tatsächlich ein globales Geschäft. Selbst intern sprechen wir nicht darüber, wie sich die beiden Segmente zueinander verhalten, sondern darüber, wie wir beide Bereiche mit frischen Ideen vorantreiben, um unsere Kunden in beiden Kategorien zu inspirieren.
Geben Sie uns doch eine Vorstellung, wie sich Ihr Angebot in den verschiedenen europäischen Märkten entwickelt. In welchen Ländern erhoffen Sie sich Verbesserungen? Glücklicherweise hat sich Giro in den letzten Jahren sehr angestrengt, sowohl weltweit als auch in Europa, um die führende Radhelm-Marke zu werden. In praktisch allen Märkten ist Giro berechtigt die Nummer 1. Mit unseren Erfolgen dank der Marke, den Segmenten und den Produkten sowie der Positionierung werden wir diesen Schwung mitnehmen, um dafür zu kämpfen, uns Marktanteile bei Schuhen und Softgoods zu erarbeiten. Hier liegen wir gut im Rennen.
Sicherlich geben wir gerade in den Entwicklungsmärkten wie Osteuropa, Russland, den ehemaligen Sowjetrepubliken und auf dem Balkan Gas und vertiefen unsere Zusammenarbeit mit den dortigen Partnern. Diesen helfen wir und indirekt auch unseren Mitbewerbern, die einschlägigen Märkte zu entwickeln, die dortigen Konsumenten zu mehr Sport – und zu besserer Ausrüstung – zu animieren.
Selbst in den besser entwickelten Märkten haben wir keine Gelegenheit, uns auf unseren Lorbeeren auszuruhen: Der Wettbewerb gibt uns keine Verschnaufpause, aber das ist ohnehin nicht unser Naturell. Aber es ist gut, die Konkurrenz hinter uns zu wissen, die uns unentwegt zu einer noch besseren Performance anspornt, damit wir jeden Tag mit erhöhter Kreativität den Gewinn davontragen. Wir versuchen, den Wettbewerb auf Abstand zu halten und unser Geschäft mit neuen Produkten voranzutreiben – auch in den reiferen, entwickelten Märkten. Für die noch zu entwickelnden Märkte haben wir noch andere Länder auf der Agenda wie beispielsweise den Mittleren Osten, Afrika sowie den indischen Subkontinent.
Das Interview führte Markus Huber

„Urban Mobility” heißt das Zauberwort: Den Händlern darf es recht sein, dass der Radhelm auch im
Stadtverkehr zur Selbstverständlichkeit wird.

Diversifizierung als Hausaufgabe: Giro möchte nicht nur mit Helmen, sondern auch mit Schuhen, Handschuhen und anderen
Accessoires mehr PS auf die Straße bringen.

Wenn der Endkunde eines Tages zur Erkenntnis kommt, dass der Helm zum Fahrrad gehört wie der Deckel zum Topf, dann ist der
Handel – ob Rad oder Sport – einen großen Schritt weitergekommen.
Zur Person
Paul Stratta ist seit 20 Jahren in der Sportartikel-Industrie tätig und füllte darin verschiedene Führungspositionen aus, bevor er in diesem Jahr zum EMEA-Chef von Easton-Bell Action Sports berufen wurde. Der 48-Jährige war unter anderem Senior Vice President für Marketing bei Hi-Tec und an der Spitze von Coleman und Camping Gaz in Nordeuropa. Stratta hat englische und italienische Eltern, wuchs aber in New York auf.
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