Snowboarden: Revolutionäres Image fiel weg, Lifestyle ist geblieben
06.01.2010
Innsbruck. Hermann Kapferer gründete vor 24 Jahren mit Jake und Donna Carpenter das Unternehmen Burton Europe in Innsbruck.
Im Rückblick spricht er von einem Wagnis: Snowboarden war in Europa kaum existent und auch in Amerika war der Boom noch nicht ausgebrochen. Der Glaube an das Potenzial des Schneesurfens hat sich langfristig ausgezahlt: Als Geschäftsführer startete Kapferer 1986 mit 3 Mitarbeitern, heute sind es 105.
sportFACHHANDEL Es gab viel Auf und Ab in der Snowboardindustrie in den vergangenen Jahren. Aktuell wird eine Verkaufsmenge von jeweils 50.000 Brettern in den Märkten Österreich, Deutschland und Schweiz kolportiert. Wie wird es Ihrer Meinung nach im deutschsprachigen Markt weitergehen?
Hermann Kapferer Die Eruierung von Marktzahlen ist in Europa nach wie vor schwierig. Aber die Zahl dürfte in etwa der Realität entsprechen. Wir sehen generell eine positive Entwicklung in den deutschsprachigen Märkten. Die Snowboarder der ersten Stunde haben mittlerweile Familie und Kinder. Snowboarden verbreitet sich über die Generationen und Altersgruppen.
Gesamteuropäisch gesehen gibt es Probleme in den Ostmärkten. Wie ist die aktuelle Lage? Der Westen hat in den letzten Jahren vom schnellen Wachstum in den Ostmärkten stark profitiert. Seit einem Jahr ist die Nachfrage gesunken. Die Einkommenssituation der Konsumenten und Unternehmen hat sich verschlechtert. Dazu kommt das Problem der Finanzierung bzw. Kreditaufnahme. Ganz zu schweigen von der Währungssituation einzelner Staaten im Vergleich zum starken Euro.
Auch im Snowboard-Markt gilt die Computerspiel-Industrie als größter Wettbewerber. Wie kann Snowboarden für Kids attraktiver gemacht werden? Ist der Trendsport in die Jahre gekommen? Snowboarden ist mittlerweile eine etablierte Sportart. Sie mag ihr revolutionäres Image der Anfangsjahre verloren haben, aber der Lifestyle ist immer noch der gleiche. Ja, auch wir setzen auf Maßnahmen, um Kinder wieder hinaus in die Natur zu bringen. Dabei konzentrieren wir uns auf die ganz Kleinen. Wir haben vor zwei Jahren die so genannte „Mini-Shred"-Kollektion entwickelt, mit Outerwear und Hardgoods schon für die Kleinsten. Und wir stellen fest, dass der Bedarf definitiv da ist. Außerdem bieten wir Kindern in unseren „Kids LTR"-Centern (Learn to Ride) die Möglichkeit, Snowboarden zu erlernen.
Auch in der Bekleidung gibt es den Ruf nach Neuem: Ein amerikanischer Journalist schrieb aufgrund rückläufiger Marktzahlen von einer Industrie, die immer noch glaubt, heiß zu sein? Was sagen Sie dazu? Was bedeutet „heiß" zu sein? Wir entwickeln unsere Produkte ständig weiter und arbeiten kontinuierlich an der Verbesserung der funktionellen und technischen Aspekte. Großes Anliegen ist uns die „GMP"-Linie, bei der wir mit so viel recycelten Materialien wie möglich arbeiten.
Von der Designfront war außer Artists Collaborations in den vergangenen Saisonen nichts Neues zu hören. Gibt es bei Burton neue Designstrategien? Dem stimme ich so nicht zu. Der Sektor Bekleidung ist lebendig und verändert sich ständig. Wir setzen permanent neue Designs und Stoffe um. Darüber hinaus kooperieren wir mit Partnern wie Goretex, um die Funktionalität zu verbessern. Unser Fokus lag und liegt auf Funktion, Design und hochwertigen Materialien gleichermaßen.
Nicht zuletzt aufgrund der Artist Collaborations sind die Preise teilweise in Luxussphären gestiegen. Hat die Boarder-Industrie ein Preis-problem? Ja, auch wir arbeiten immer wieder mit Künstlern zusammen, aber auch mit Designern wie zum Beispiel Paul Smith. Die Serien sind stark limitiert und dementsprechend auch höherpreisig. Es gibt genügend Konsumenten, die das Beste vom Besten haben wollen und dafür auch gern etwas mehr ausgeben.
Wie aus Branchenkreisen verlautet, setzt Burton wieder verstärkt auf Hartware? Seit eh und je bildet Hartware unsere Basis und ist unsere beste Plattform. Es ist unsere Maxime und unser Steckenpferd, die Produkte ständig weiterzuentwickeln.
Wie positioniert sich Burton im eigenen Markenumfeld? Unser Leitsatz ist „we stand sideways". Als Life-
style-Unternehmen bedienen wir alle Boardsports-Kategorien: Snow- und Skateboarden sowie Surfen. Innerhalb des Markenportfolios ist das Ursprungsprodukt Burton klar Brand Nummer 1.
Auch das Marktumfeld hat sich verändert: Nike kommt mit Snowboard-Boots, Adidas mit Skateboards. Vor einigen Jahren wäre das noch ganz unmöglich gewesen. Was halten Sie davon? Das bestätigt unsere Theorie, dass der Actionsports-Markt auch für die „Big Player" interessant ist.
Volcom kündigte eine Snowboard-Linie an. Gibt es in der Technologie noch Geheimnisse, die sich ein Newcomer nicht kaufen könnte. Was tut Burton? Wir bauen auf unsere Geschichte und Jake. Ohne ihn wäre Snowboarden heute vermutlich nicht das, was es ist. Burton investiert seit über 30 Jahren in die Hartware und hat viel Know-how in der Technologie gesammelt. Das unterscheidet uns von den Mitbewerbern. Außerdem beteiligen sich unsere Team-Rider aktiv an der Produktentwicklung. Ihr Feedback ist wertvoll, denn sie stehen mehr als 200 Tage im Jahr auf dem Brett.
Die Großflächen verkaufen Snowboards nur mehr am Rande. Kleine Spezialisten scheinen die Gewinner zu sein. Wie zeigt sich die Situation aus Ihrer Sicht? Die guten Spezialisten werden weiterhin erfolgreich sein. Aber die Großflächen haben sich nicht aus dem Segment zurückgezogen. Sie konzentrieren sich vielmehr auf die führenden Marken.
Ein Konflikt zwischen Handel und Industrie, der sich in der Krise zuspitzt: Die Händler gehen kein Risiko ein und platzieren ihre Vororder vorsichtig. Das Vororderverhalten der Händler ist aufgrund von Überkapazitäten der vergangenen Winter sehr vor- und umsichtig. Das ist nachvollziehbar. Zur Reduktion der alten Inventurbestände haben wir das Modell „Scarcity" eingeführt. Dieses steht für geringere Verfügbarkeit und soll den Handel in Bezug auf Preisstabilität unterstützen.
Plant Burton neue eigene Shops? Neben dem Flagship-Store in Innsbruck sind derzeit keine weiteren Stores in Europa geplant.
Mit Hermann Kapferer sprach Hildegard Suntinger.



